Sven Ricke war in Deutschland ein stinknormaler Westfalenliga-Spieler, in den USA haben Fans für ihn einen eigenen Gesang gedichtet.

Sven Ricke

Früher Westfalenliga - bald Profi in den USA?

19. Dezember 2015, 09:07 Uhr
Foto: Francis Marion University

Foto: Francis Marion University

Sven Ricke war in Deutschland ein stinknormaler Westfalenliga-Spieler, in den USA haben Fans für ihn einen eigenen Gesang gedichtet.

Die Vereinigten Staaten von Amerika tragen nicht ohne Grund den Beinamen „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“. Schon seit Jahrhunderten gelten die USA als Ort, an dem jeder den Sprung vom Tellerwäscher zum Millionär schaffen kann. Um Millionen geht es für Sven Ricke zwar nicht, doch der 24-jährige Fußballspieler aus Dortmund lebt trotzdem seinen Traum.

Es war Anfang 2013, Sven Ricke spielte für Mengede 08/20, als sein Mannschaftskollege Marius Breer zu ihm kam und ihm von seinem Plan erzählte. Breer wollte gerne in die USA gehen, um dort zu studieren und um Fußball zu spielen. „Klingt interessant“, dachte sich Ricke damals. Ein halbes Jahr später war er es, der in die USA ging. Breer hatte sich bei einer Münsteraner Agentur gemeldet, die Sport-Stipendien in den USA vermittelt, doch sie konnten ihm nicht helfen, denn sein Studium war bereits zu weit fortgeschritten, um noch lang genug Fußball für die Universität spielen zu können. Bei Ricke war es anders.

Sven war immer sehr ehrgeizig und zudem ein lustiger Vogel
Mario Plechaty

Und so verabschiedete sich Ricke im August 2013 gen Amerika. „Für ein halbes Jahr“, sagte er damals zu seinem Trainer Mario Plechaty. Inzwischen ist er schon über zwei Jahre dort. „Sven war immer sehr ehrgeizig und zudem ein lustiger Vogel. Ich habe ihm zugetraut, dass er sich in den USA durchsetzen kann“, sagt Plechaty rückblickend.
Vor Ort merkte Ricke gleich, dass die Bedingungen ganz andere sind als zuvor in Deutschland. Er hatte plötzlich jeden Tag Training, oft geht es in der Kraftraum. „In der Westfalenliga hatte ich nie Krafttraining“, erinnert sich Ricke, dem man anhört, dass er schon länger in Amerika ist. Im Gespräch sagt er „Spring“ statt „Frühling“ oder „Teammate“ statt „Mitspieler“.

Auch die Saison läuft in den USA für ihn anders. Von September bis November spielen die Studenten für ihre Uni-Mannschaft. Von Januar bis April wird lediglich trainiert und es gibt Testspiele. Die wichtigste Phase ist aber der Zeitraum Mai bis August. In dieser Zeit dürfen die talentiertesten Fußballer in der Premier Development League auflaufen, der höchsten Amateurliga der USA und – wie der Name schon sagt – eine Entwicklungsliga. Hier schauen sich die Scouts der Profiklubs nach Spielern um – eine große Chance für alle Teilnehmer.

Im Sommer 2015 spielte Ricke für den PDL-Klub Fresno Fuego. Bei den Heimspielen stand der Mittelfeldspieler plötzlich vor einer Kulisse von 5000 Zuschauern auf dem Platz. „Ich bin dahin gefahren und wusste nicht, was mich erwarten würde“, erzählt Ricke. Er wurde positiv überrascht. Da er auf dem Platz überzeugte, regelmäßig Tore erzielte und vorbereitete, wurde er schnell ein Fanliebling. Eines Tages, Ricke hatte gerade erneut für Fresno getroffen, hörte er plötzlich, wie die Fans seinen Namen sangen. „Oh Sven Ricke, du hast was wir brauchen. Der Deutsche trifft schon wieder. Der Deutsche trifft schon wieder“, so lautete der übersetzte Text des Fangesangs, den sich die Fresno-Fans überlegt hatten. Ricke war plötzlich ein kleiner Star. „Das war schon etwas komisch“, sagt er und wirkt etwas verlegen, wenn er darüber nachdenkt.

[video]youtube,https://youtu.be/pVGczqmAwpA[/video]

Geld hat Ricke in der PDL nicht verdient. Den Studenten ist es dort verboten, für den Sport bezahlt zu werden. Doch es gibt andere Vorteile. „Ich bekam eine Wohnung, ein eigenes Auto. Auch mein Essen wurde mit bezahlt. Man kommt sich vor wie ein Profi“, berichtet Ricke. Rein sportlich schätzt er das Niveau der PDL irgendwo zwischen der deutschen Ober- und Regionalliga ein.

In den letzten Monaten spielte Ricke wieder für die Mannschaft der Francis Marion Universität – und überzeugte auch dort. Sechs Tore und 16 Vorlagen stehen in seiner Bilanz. Besonders die Anzahl der Assists ist herausragend. Ricke, dessen Eckbälle bei den Gegnern in der Uni-Liga gefürchtet sind, war damit auf diesem Niveau einer der besten Vorbereiter in den gesamten Vereinigten Staaten.

Kritisch könnte man nun behaupten, dass das Niveau des Fußballs in den USA nicht besonders hoch sein kann, wenn ein ehemaliger Westfalenligaspieler dort so gute Werte erzielt. Und diese Behauptung wäre nicht komplett abwegig. In der Tat spielt der Fußball in Nordamerika noch immer eine untergeordnete Rolle hinter Football, Basketball, Eishockey und Baseball. Doch nach und nach gewinnt der Sport an Bedeutung. „Bei der Fußball-WM 2014 sind die Amerikaner durchgedreht. Es entwickelt sich stetig, immer mehr Kinder wollen Fußball spielen“, berichtet Ricke von seinen Eindrücken vor Ort. Was seine eigene Leistung angeht, so glaubt er schon, dass das tägliche Training ihm einen großen Entwicklungssprung ermöglicht hat. „Ich denke, auch durch das Fitnesstraining, das ich aus Deutschland in dieser Form nicht gewohnt war, habe ich mich gut entwickelt.“

Ricke schließt sein Studium Ende des Jahres ab. Nun stehen wegweisende Wochen und Monate an. Schon bald entscheidet sich, ob er die Chance bekommen wird, auch im amerikanischen Profifußball durchzustarten. Anfang Dezember durfte er drei Tage zur Probe bei den Colorado Rapids trainieren, einem Team aus der Major League Soccer (MLS), der höchsten Profiliga Amerikas. In dieser Spielklasse sind aktuell auch Andrea Pirlo, Steven Gerrard und Jermaine Jones am Ball. Ob Ricke den Sprung zum Profi in Amerika schafft, entscheidet sich im Januar beim sogenannte Superdraft. Im Rahmen dieses Verfahrens wählen die MLS-Klubs unter anderem Spieler aus, die von einem College kommen. Ricke hofft auf den Durchbruch, aber er hat keine Angst davor, sollte es nicht klappen. „Ich habe jetzt durch meinen Abschluss etwas in der Hand. Wenn es nicht klappt mit dem Profifußball, war es immerhin eine schöne Zeit“, sagt Ricke. Geht es nach ihm, darf sein amerikanischer Traum aber gerne noch etwas weitergehen.

Autor:

Kommentieren