EURO 2008 auf traditionellem Grün: Kunst oder Natur? Diskussionen um den Rasen

Joseph S. Blatter ist für Kunstrasen

22. November 2006, 11:43 Uhr

In die Champions League hat der Kunstrasen bereits Einzug gehalten, wie Bayern München am Mittwoch in Moskau zu seinem Unmut feststellen musste.

In die Champions League hat der Kunstrasen bereits Einzug gehalten, wie Bayern München am Mittwoch in Moskau zu seinem Unmut feststellen musste. Bei der EURO 2008 in Österreich und der Schweiz bleibt es jedoch beim traditionellen Grün. `Das ist ein Sommerturnier und damit auch ganz klar ein Naturrasenturnier´, sagte EM-Pressechef Wolfgang Eichler dem Sport-Informations-Dienst (sid). Die Europäische Fußball-Union (UEFA) widersprach auf sid-Anfrage ebenfalls Medienberichten, wonach in der Hälfte der acht EM-Stadien auf künstlichem Untergrund gespielt werden solle. Begründet wird diese Entscheidung mit der `Dichte der Spiele´ während des Turniers. `Wenn es einige Spiele auf Kunstrasen geben würde und andere auf Naturrasen, hätten die Mannschaften nicht die Zeit, darauf zu trainieren und sich an den neuen Belag zu gewöhnen´, teilte die UEFA mit. Interessant ist jedoch vor allem das klare Bekenntnis zu den Biohalmen.

`Der beste Untergrund, um Fußball zu spielen, bleibt Naturrasen, selbst wenn sich die Entwicklung des Kunstrasens immer weiter verbessert´, hieß es weiter. Beim Weltverband FIFA steht in den offiziellen und 103 Seiten umfassenden Qualitätsrichtlinien für Kunstrasenflächen ebenfalls, dass ein `optimal gepflegter Naturrasen´ der künstlichen Alternative vorzuziehen sei. Doch Präsident Joseph S. Blatter treibt die Verbreitung des Kunstrasens deutlich entschiedener voran und sieht in ihm sogar `die Zukunft des Fußballs´. `Die FIFA hat die enormen Vorteile der Kunstrasenflächen für die weltweite Entwicklung des Fußballs erkannt, nicht nur, weil Kunstrasen auch in klimatisch extremen Regionen eingesetzt, sondern auch, weil auf ihm 24 Stunden am Tag, sieben Mal die Woche trainiert werden kann´, sagt Blatter. Durch Lizenzgebühren für offizielle FIFA-Kunstrasen flossen von den Herstellern bislang bereits rund fünf Millionen Euro in die Kasse des Weltverbandes. In den EURO-Spielorten Bern (Schweiz) und Salzburg (Österreich) müssen die künstlichen Böden, die derzeit im Liga-Alltag zum Einsatz kommen, für das Turnier entfernt werden.

Beim EM-OK hat man aus den Problemen der WM-Macher in Deutschland seine Schlüsse gezogen. `Den Austausch erst nach der Saison vorzunehmen, wäre zu riskant, das hat man bei der WM gesehen. Wahrscheinlich wird der Rasen schon im Herbst 2007 verlegt´, erklärt Eichler. Welche Mischung zum Einsatz kommt, ist im Gegensatz zur WM Sache der Stadionbetreiber. Während bei der EURO auf das traditionelle Grün gesetzt wird, könnte bei der WM 2010 in Südafrika Kunstrasen zum Einsatz kommen. Es sei noch nichts entscheiden, heißt es dazu von Seiten der FIFA.

Durchaus möglich also, dass die erste WM in Afrika auch als erste auf Kunstrasen in die Geschichte eingeht. Blatters Plädoyers für die Plastikhalme haben die meisten Vereins-Verantwortlichen und Spieler bislang jedoch nicht überzeugt. `Mir gefällt das nicht. Fußball muss auf Naturrasen gespielt werden´, sagt etwa Mark van Bommel vom deutschen Rekordmeister Bayern München. Zu stumpf, der Ball zu schnell, belastend für die Gelenke - die Liste der Einwände ist lang. Eine Studie der Universität München hat ein 1,6-fach höheres Verletzungsrisiko für Muskeln und Sehnen ermittelt, andernorts wurde jedoch keine höhere Gefährdung nachgewiesen. Trotz dieser unterschiedlichen Ergebnisse steigt die Zahl der Kunstrasen-Flächen stetig. Neben Salzburg, Bern und Moskau hat der Belag auch in anderen europäischen Stadien Einzug gehalten.

Die EM-Qualifikations-Partie Finnland gegen Armenien in Helsinki fand ebenfalls darauf statt, in jenem Stadion, in dem die U17-Junioren 2003 die erste WM auf künstlichem Untergrund gespielt hatten. Dennoch scheint man bei der UEFA die Austragung wichtiger Wettbewerbe auf Kunstrasen etwas zurückhaltender angehen zu wollen als bei der FIFA. Bei der EM 2012, gab der europäische Kontinental-Verband frühzeitig an, werde man sich aller Voraussicht nach wieder für Naturrasen entscheiden. Für das Champions-League-Finale 2008 im Moskauer Luschniki-Stadion, wo die Bayern am Mittwoch auf Kunstrasen antraten, ist bereits festgelegt, dass auf dem traditionellen Untergrund gespielt wird.

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