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Weniger Ball, mehr Moral
Das sind die Trends der WM

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Weniger Ball, mehr Moral: Das sind die Trends der WM
Foto: Getty Images

Die Fußball-WM bringt der Branche wenige taktische Erkenntnisse. Es war ein Turnier mit vielen Wendungen. Grund: Wille schlug Qualität.

Das letzte Spiel ist gespielt, das letzte Tor geschossen. Vorbei ist die Weltmesse des Fußballs in Russlands. Was hat sie dem Markt zugeführt? Was sind die neuesten Trends der Branche? Welche waren die schönsten Bilder? Wer produzierte die rührendsten Momente? Steht alles hier.

R wie Russisch Roulette Alles konnte immer passieren. Das machte den Reiz dieses Turniers aus. Und alles meint alles: Deutschland schied erstmals in der Vorrunde aus, England gewann ein Elfmeterschießen und hat sogar einen Torwart, der sich die Bälle nicht reihenweise selbst ins Tor wirft.

Die Revolution dieses Turniers war, dass nichts vorher zu berechnen war. Qualität? Taktik? Zweitrangig. Und jetzt lauf, Junge!

Diese WM lieferte keine Hinweise darauf, dass nach abkippenden Sechsern und falschen Neunern abkippende Neuner und falsche Sechser nun bald den internationalen Fußball bestimmen werden. Die vier Halbfinalisten traten mit vier verschiedenen Spielsystemen an. Am ehesten lautet der Trend: Wer den Ball hat, verliert. Umschaltfußball á la Jürgen Klopp trug Frankreich ins Finale, was den Belgier erzürnte. Aber letztlich gewann oft der, der es mehr wollte. Und die Kroaten wollten wirklich doll gern. U wie Umgangsformen Werden immer wichtiger. Abzulesen ist dies an einem jungen Mann namens Neymar, der sich nach unbestätigten Berichten noch immer schmerzgepeinigt durch Russland kugelt und zwischendurch Elfmeter fordert. Die theatralischen Einlagen waren derartig peinlich, dass seine guten fußballerischen Leistungen kaum Anklang fanden, dass kaum ein Tor, kaum eine Vorlage den Akzeptanzverlust des brasilianischen Stars hätte beheben können.

Die Botschaft lautet: Wenn die Welt zuschaut und sich ihr via ­Social Media sofort mitteilen kann, dann benimm dich ordentlich! Die meisten hielten sich daran: Nur vier Platzverweise gab es (niedrigster Wert seit 1978). Schließlich wird gutes Verhalten belohnt. Über die Fairplay-Wertung zog Japan (WM-Premiere) statt dem punkt- und torgleichen Senegal ins Achtelfinale ein. Dort war nach einem dramatischen Spiel gegen Belgien Schluss – was die Spieler nicht daran hinderte, die Kabine durchzufeudeln. Die japanischen Fans hatten zuvor – wie auch schon die senegalesischen – die Tribünen gesäubert.

S wie Standards Sie machten oft den Unterschied. In Zeiten, in denen selbst kleine Nationen defensiv konkurrenzfähig sind, ist ihnen manchmal nur mit Toren nach Freistößen oder Ecken beizukommen. Am besten in dieser Kategorie: die Engländer (9 von 12). Prozentual noch besser: die Deutschen, die aber nur zwei Tore schossen. Der späte Freistoßtreffer von Toni Kroos gegen Schweden zählte definitiv zu den Turnierhöhepunkten, war aber letztlich nutzlos.

S wie Stars Das Schicksal Neymars (siehe Umgangsformen) ist beschrieben. Ebenso untröstlich verließen binnen weniger Stunden die Serien-Weltfußballer Lionel Messi (31) und Cristiano Ronaldo (33) die große Bühne. Götterdämmerung am 30. Juni, als Argentinien den Franzosen unterlag und Portugal den Uruguayern. Ob es ihre letzte WM war? Es könnte sein.

L wie Leiden(schaft) Ein Bild dieser Weltmeisterschaft lieferte Uruguays Abwehrmann José Maria Gimenez. Das Viertelfinale gegen Frankreich lief noch, aber Uruguay lag zurück und war chancenlos. Bei einem Freistoß des Gegners kurz vor Schluss stand Gimenez weinend in der Mauer, hielt sich den Arm vor die tränenden Augen.

Schon vor dem Spiel gegen Kolumbien erwischte es Serey Dié. Während der Hymne weinte der Ivorer hemmungslos. Er dachte an sein schweres Leben, an den Tod seines Vaters im Jahre 2004 – und daran, dass er nie für möglich hielt, es so weit zu bringen. Herzzerreißend.

A wie Assistenz Der Video-Schiedsrichter feierte seine Premiere bei diesem Turnier. Ein desaströses Chaos war erwartet worden, nachdem der erste Test beim Confed-Cup vor einem Jahr einigermaßen verheerend verlief. Tatsächlich aber darf die Bundesliga feststellen, dass der Assistent auch zur Zufriedenheit fast aller Beteiligten eingesetzt werden kann: zurückhaltend und gewinnbringend, weil meist korrekt. Größte Ausnahme: Einen Fehler des deutschen Schiedsrichters Felix Brych übersieht auch der Kollege. Serbien, das unter der Entscheidung zu leiden hat, wütet wortreich.

N wie Nachspielzeit Auffällig geriet, dass die Schiedsrichter sich nicht scheuten, verloren gegangene Zeit – entstanden durch den Einsatz des Video-Schiedsrichters, durch Zeitschinden oder viele Tore und Einwechslungen – höchst konsequent nachspielen ließen. Vier, fünf, sechs, sieben zusätzliche Minuten waren eher Regel als Ausnahme. Und die Mannschaften nutzten die Chance, die sich dadurch bot. 19 Treffer fielen jenseits der 90. Minute, sieben mehr als bei der vorangegangenen WM.

Das ermöglichte erinnerungswürdige Dramen: Brasilien entging einer Blamage gegen Costa Rica erst durch Tore in der 92. und 97. Minute. Toni Kroos ließ Deutschland gegen Schweden noch einmal hoffen (95.). Viele Spiele dieser WM waren nicht wirklich etwas für Freunde der Ästhetik. Aber die späten Treffer erhöhten den Unterhaltungswert beträchtlich.

D wie Dankeschön Den schwedischen Profi Jimmy Durmaz kannte kaum jemand, bis er gegen Deutschland den Freistoß verursachte, der die Niederlage brachte. Folge: Drohungen und rassistische Beleidigungen. Die Mannschaft stellte sich nicht nur im übertragenen Sinne hinter ihn. Tolle Aktion. Etwas ähnliches wäre übrigens im deutschen Team mit Mesut Özil auch denkbar gewesen.

Bekannter als Durmaz sind Essam El Hadary und Jesus Gallardo auch nicht. Ersterer ist Torwart Ägyptens – und hielt einen Elfmeter. Mit 45 Jahren und 161 Tagen. WM-Rekord. Gallardo fiel auf, weil er gegen Schweden bereits nach 15 Sekunden Gelb sah. Ebenfalls WM-Rekord.

Und dann wäre da noch Matthias Ginter. Der Gladbacher erlebte seine zweite WM in Serie – und spielte wie schon 2014 keine Sekunde.

Auch das alles ist WM. Danke dafür. Und 2022 gibt’s die nächste Chance. Für Ginter und El Hadary und all die anderen

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