SCHALKE - Ralf Rangnicks offene Zweier-Beziehung

hb
30. September 2005, 12:46 Uhr

Größer hätte das Kontrast-Programm kaum sein können. Zwei Tage, nachdem Ralf Rangnick am 28. September 2004 die Nachfolge von Jupp Heynckes als Chef-Trainer des FC Schalke angetreten hatte, führte ihn die Reise bei seinem ersten Pflichtspiel-Einsatz nach Lettland zum UEFA-Cup-Gegner FHK Liepajas Metalurgs. Internationale Provinz, mit der sich Rangnick nun nicht mehr auseinandersetzen muss. Denn zu seinem einjährigen Dienstjubiläum als Chef-Coach der Königsblauen durfte Rangnick am Mittwoch den AC Mailand empfangen.

Größer hätte das Kontrast-Programm kaum sein können. Zwei Tage, nachdem Ralf Rangnick am 28. September 2004 die Nachfolge von Jupp Heynckes als Chef-Trainer des FC Schalke angetreten hatte, führte ihn die Reise bei seinem ersten Pflichtspiel-Einsatz nach Lettland zum UEFA-Cup-Gegner FHK Liepajas Metalurgs. Internationale Provinz, mit der sich Rangnick nun nicht mehr auseinandersetzen muss. Denn zu seinem einjährigen Dienstjubiläum als Chef-Coach der Königsblauen durfte Rangnick am Mittwoch den AC Mailand empfangen.

Dass die Gelsenkirchener überhaupt auf der großen internationalen Bühne mitmischen dürfen, haben sie auch dem dennoch nicht unumstrittenen Erfolgs-Coach zu verdanken. Der bisweilen immer noch geringschätzig als „Professor“ bezeichnete Quereinsteiger in Sachen Fußball hat in den vergangenen zwölf Monaten nicht nur den zuvor 32 Jahre bestehenden Startrekord von Trainer-Legende Ivica Horvath geknackt, sondern die unter seinem Vorgänger Jupp Heynckes brach liegende Truppe mit 70 Punkten aus 34 Bundesliga-Partien als Spitzenmannschaft etabliert.

Im Interview mit RevierSport liefert Rangnick allerdings einige Gründe, warum die Ehe mit dem FC Schalke dennoch nicht unbedingt lange halten muss.

Herr Rangnick, welchem übergeordnetem Plan haben Sie es zu verdanken, dass der große AC Mailand zu Ihrem Einjährigen auf Schalke vorspielte?
Das war natürlich ein herrliches Jubiläums-Geschenk. Als ich in Backnang mit gerade 25 Jahren meine Trainer-Laufbahn gestartet habe, war Milan für mich in der Zeit unter Sacchi ein unheimlicher Antrieb. Damals gab es in Deutschland keine Lehrbücher über Pressing und Raumdeckung, es existierte auch keine Trainer-Ausbildung zu diesen Themen und schon gar nicht überregional durch den DFB. Da blieb einem nichts anderes übrig, als über die Landesgrenzen hinaus zu schauen. Da habe ich mir Spiele von Milan in Serie kopiert. Mailand unter Sacchi war das Paradebeispiel, wie man immer wieder Anregungen für die eigene Arbeit bekommen konnte.

Vor einem Jahr die Reise in die internationale Provinz und nun das Duell mit den Top-Stars des Fußballs?
Das zeigt, was wir hier innerhalb eines Jahres bewegt, welchen Bogen wir gespannt haben. Damals waren wir froh, dass wir im internationalen Wettbewerb geblieben sind, auch wenn es vor einer Kulisse stattfand, die eher nach Oberliga und nicht nach Europapokal aussah. Jetzt durften wir dieses Highlight vor 56.000 über Zuschauern in der ausverkauften Arena erleben, ein ganz besonderes Gefühl.

Wie haben Sie Ihr erstes Jahr auf Schalke persönlich erlebt?
Gefühlsmäßig kommt es mir vor, als ob ich schon länger hier wäre, eher wie zwei Jahre statt einem. Das liegt aber auch vor allem daran, dass ich im Januar eine eigene Wohnung bezogen habe. Wenn du eigene vier Wände hast, fühlst du dich automatisch mehr zu Hause als es in Hannover der Fall war, wo ich drei Jahre im Hotel gelebt habe. Die ersten drei Monate durfte ich im 'La Scala' wohnen, aber dann war es Zeit, sich einen privaten Raum einzurichten.

Wie hart ist die Trennung von der Familie, die nach wie vor in Backnang lebt?
Das fällt mir schon sehr schwer. Im Prinzip bin ich Handlungs-Reisender, pendle ich wie zuletzt von Sonntag auf Dienstag-Morgen hin und her. Da wir zwei schulpflichtige Kinder haben, können die nur in den Ferien hier hin kommen und das auch nur eingeschränkt, weil die Kinder im Fußball- und Tennisverein spielen.

Waren die vergangenen beiden Wochen vielleicht die schwersten in dieser bisherigen Zeit auf Schalke?
Ich habe kein Problem mit Kritik, solange die noch oberhalb der Gürtellinie ist. Die kann auch ruhig mal scharf sein oder in den Bereich des Boulevards gehen. Aber wenn man den Eindruck hat, es wird versucht, bewusst die Wahrheit zu beugen, dann wird es bedenklich.

Haben Sie in diesen Momenten persönlich mehr an sich gezweifelt als es angesichts der sportlichen Ergebnisse nötig gewesen wäre?
Nein, das habe ich überhaupt nicht. Dennoch haben wir, die Mannschaft und der Trainerstab, uns unweigerlich damit beschäftigen müssen. Wenn in den Raum gestellt wird, dass es Meetings gegeben haben soll, in denen sich die Spieler gegen den Trainer ausgesprochen haben sollen, dann kann das erstens nicht im Raum stehen bleiben und stört natürlich die direkte Arbeit mit der Truppe ungemein. Wir haben von 35 Bundesliga-Spielen 21 gewonnen und sieben Unentschieden gespielt. An dieser Bilanz lasse ich mich gerne messen.

Da der Erfolg offenbar für Sie spricht, könnte man eigentlich erwarten, dass sich Trainer Rudi Assauer deutlicher hinter Sie stellt. Warum verbiegt sich der Manager, wie vergangenen Samstag im Sportstudio geschehen, wenn er seine Beziehung zu Ihnen mit reichlichem Zögern als 'gut' bezeichnet?
Ich pflege zu ihm ein sehr offenes, direktes, ehrliches und konstruktives Verhältnis. Um das habe ich mich bisher bemüht und das werde ich auch weiterhin tun. Wie er es subjektiv empfindet, kann ich Ihnen nicht sagen. Dass der Eindruck nach außen hin so entstanden ist, wie Sie beschrieben haben, kann ich mittlerweile aber ein wenig nachvollziehen.

Weil Sie gerne alles selbst in die Hand nehmen wollen und sich in Dinge einmischen, für die es im Verein Leute gibt?
Das ist eine komplette Mär, mit der ich einmal aufräumen möchte. Es gab in diesem einen Jahr eine einzige Situation, in der ich von Rudi Assauer und Andreas Müller gebeten wurde, über einen Bekannten aus Stuttgart eine Reise zu organisieren. Das war nach dem UEFA-Cup-Spiel in Edinburgh, das an einem Donnerstag-Abend spät stattfand und wir am Sonntag wieder nach Hamburg mussten. Da waren wir uns einig, dass wir besser noch eine Nacht in Schottland bleiben und dann am Freitag direkt nach Hamburg fliegen. Dieser Plan ging aber nicht auf, weil die von Rudi Assauer beauftragte Sekretärin die Auskunft bekam, dass das von uns gewünschte Hotel ausgebucht war. Da habe ich meinen Bekannten angerufen und er hat mir gesagt, dass wir das Hotel unter Umständen doch bekommen könnten und wenn nicht zwei, drei andere Hotels zur Verfügung stünden. Letztlich haben wir es doch anders gemacht und sind Donnerstag-Nacht nach Hause geflogen. Und das war das einzige Mal, dass ich mich um eine Hotelbuchung gekümmert habe, und das auf Wunsch von Rudi Assauer und Andy Müller.

Warum stellt der Manager Sie dann gerne so dar, als ob Sie vor lauter Rastlosigkeit am liebsten alles selbst regeln würden?
Am Anfang fand ich das auch noch ganz witzig, als er über mich gesagt hat, der ist manchmal ein Unruhegeist und wie ein Brummkreisel. Aber wenn er dann im 'Doppelpass' schon wieder erzählt, der Trainer kümmert sich um Hotelbuchungen und die Geschichte inzwischen offenbar nur noch dazu dient, ein Klischee zu bedienen, das mit der Wahrheit nichts zu tun hat, dann fragst du dich: Warum macht er das?

Ihr Vertrag läuft im nächsten Jahr aus. Unter diesen Voraussetzungen deutet es wohl eher darauf hin, dass der nicht verlängert wird, oder?
Wenn die Zeit gekommen ist, wird der Verein auf mich zukommen und mit mir sprechen. Und zu diesem Zeitpunkt wird Angebot und Nachfrage das Thema regeln. Ich mache mir um mich und meine Trainer-Zukunft keine Sorgen.

Ist Schalke nicht ein Traum-Verein oder zumindest eine der wenigen Top-Adressen in Deutschland, bei der jeder Trainer arbeiten möchte?
Selbstverständlich, Schalke ist ein sensationeller Verein, deshalb habe ich vor eineinhalb Jahren auch das Angebot von Eintracht Frankfurt abgelehnt, um bei einem Verein wie Schalke arbeiten zu können. Aber eins ist auch klar: Wenn nach jedem nicht gewonnenen Spiel - ich sage bewusst nicht verloren – diese Diskussionen beginnen, habe ich da keinen Bock mehr drauf.

Autor: hb

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