Essen: "Masterplan Sport" sieht die Schließung von neun Essener Sportplätzen vor

Die Amateurfußballszene tobt

Aaron Knopp
26. Oktober 2006, 21:43 Uhr

In Zeiten klammer öffentlicher Kassen sind Einsparungen nichts Außergewöhnliches. Dem kann sich auch der Sport nicht entziehen - und so entschied die Stadt Essen, ihr eigenes Sportangebot unter die Lupe zu nehmen, in der Hoffnung, neue Einsparmöglichkeiten aufzutun. Ein Jahr lang prüften Experten der Stadt das Essener Sportangebot auf Herz und Nieren. Heraus kam der “Masterplan Sport“ – ein 110 Seiten starkes Manifest, dessen Inhalt sich für einige Essener Fußballvereine wie ein Schauerroman liest. Proteste sind vorprogrammiert und ein erstes "Opfer" gibt es mit den VfB Essen-Nord auch schon. [i]Die Story[/i]

Vor dem Hintergrund einer zunehmend auf Wellness und Funsport orientierten Gesellschaft und stetigem Bevölkerungsrückgang, sinken seit Jahren die Mitgliederzahlen vieler Sportvereine. So weit so bekannt. Weiter unten im Text ließen die Experten dann jedoch die Bombe platzen: konkret droht neun Essener Sportplätzen die Schließung. Die erhofften Ersparnisse bewegen sich im zweistelligen Millionenbereich. Dass die betroffenen Vereine das Schicksal mit einigen Turnhallen und öffentlichen Bädern teilen, dürfte die Gemüter der Betroffenen wenig beruhigen.

Um den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten, ist der Umzug auf benachbarte Sportanlagen geplant. Für einige Vereine gliche dies jedoch lediglich einem Abschied auf Raten. Schon jetzt ist die Kapazität vieler Bezirkssportanlagen erschöpft, eine weitere Mannschafts-Aufstockung nur schwer vorstellbar. Das sind jedoch erstmal „nur“ oberflächliche Probleme. Viel schwerer wiegt die Aufgabe der seit Jahrzehnten angestammten Anlage. So rechnen die „Heimatvertriebenen“ mit einem drastischen Mitgliederschwund.

Friedhelm Ingenhag, Trainer der 1. Mannschaft und Vorstandsmitglied des TC Freisenbruch befürchtet: „Einen Umzug würden Sponsoren und Mitglieder nicht mitmachen. Unser Stadion liegt mitten in einem Waldgebiet und ist etwas ganz Besonderes. Vor allem kritisieren wir aber, dass der Masterplan mit falschen Zahlen operiert, so sind Summen für eine Renovierung unserer Sanitäranlagen veranschlagt, die schon längst stattgefunden hat. Wir haben ein 19-seitiges Statement unseres Vereins verabschiedet und unsere erste Kundgebung stieß auf ein ungeheures Echo – die Vereinsgaststätte platzte mit 220 Anwesenden aus allen Nähten. Wir haben auch quer durch alle Fraktionen ein positives Feedback aus der Politik bekommen. Deshalb sind wir zuversichtlich, dass wir unsere Anlage erhalten können.“

Dass die Zusagen der Kommunalpolitiker alles andere als eine Garantie für den Erhalt der Anlage sind, weiß jedoch auch Ingenhag: „Politik ist Politik, was soll ich dazu sagen?“ fügt er nachdenklich an. „Es geht hier auch nicht in erster Linie um Bezirks- oder Landesligafußball. Wir haben eine soziale Verantwortung, liegen an einem sozialen Brennpunkt und holen Kinder von der Straße.“
[infobox-right]Folgende Sportanlagen sind durch den Masterplan von der Schließung bedroht:

-Altenbergshof (Nordviertel, VfB Essen)
-Hamburger Straße (Frohnhausen)
-Matthias-Stinnes-Stadion (Karnap)
-Bergmannsbusch (Freisenbruch)
-Hinseler HOf (Überruhr-Holthausen)
-Am Volkswald (Heisingen)
-An der Windmühle (Burgaltendorf) (+Neubau)
-Serlostraße (Altendorf)
-Schillerwiese (Stadtwald)[/infobox]

Anderer Schauplatz, gleiche Probleme: Der DJK VfB Frohnhausen droht das selbe Schicksal wie dem Ligakonkurrenten aus Freisenbruch. Im Gegensatz zum Stadtnachbarn besteht beim VfB zwar ausnahmsweise Einigkeit über den Renovierungsbedarf der Sportanlage an der Hamburger Straße, über die Konsequenzen ist man sich dagegen uneins. So stellt Dirk Schocke, erster Vorsitzender, ebenfalls die Kalkulation in Frage: „Hier muss schon seit einigen Jahren etwas getan werden. Aber im Masterplan sind Summen angesetzt worden, die so nicht stimmen. Wir haben viele Handwerker im Verein, könnten einiges selber machen. Aber bevor wir nicht wissen, wie es weitergeht, können wir auch nicht anfangen."

Sicher wisse er, dass überall eingespart werden müsse. "Da bleibt auch der Sport nicht außen vor." Allein die Durchführung lässt laut Schocke zu wünschen übrig. „Mit 900 Mitgliedern stellen wir einen der größten Vereine in Essen. Besonders unsere Jugendabteilung mit 300 Kids würde einen Umzug nicht verkraften.“

Die vorgesehene neue „Heimat“ liegt zwar nur 958 Meter entfernt, an der organisatorischen Realisierbarkeit des Vorhabens bestehen jedoch erhebliche Zweifel. „Die Anlage wird schon jetzt von zwei Vereinen genutzt. Neben Phönix Essen und SC Türkiyemspor spielen außerdem zum Teil schon Jugendmannschaften von Rot-Weiß und Schwarz-Weiß Essen. Wenn wir dann mit unseren 12, 13 Mannschaften dazu kommen, weiß ich nicht, wie das funktionieren soll. Letztendlich müssten wir unsere Jugendabteilung, die eine der größten in Essen darstellt, wohl auflösen. Langfristig bedeutete das dann auch das Ende des Gesamtvereins.“

Auf Seite 2: Das erste "Opfer" des Masterplans: Der VfB Essen-Nord zieht seine Bezirksligamannschaft zurück

Autor: Aaron Knopp

Seite 1 / 2 Nächste Seite >
Kommentieren