Das Interview im Reviersport mit Essens Stadtdirektor Christian Hülsmann kommt einer Bankrotterklärung gleich.

Leserbrief: Thema RWE

Arrogante Bankrotterklärung

05. März 2008, 23:44 Uhr

Das Interview im Reviersport mit Essens Stadtdirektor Christian Hülsmann kommt einer Bankrotterklärung gleich.

Und es treibt einem gebürtigen Essener und Anhänger von Rot-Weiss Essen die Zornesröte ins Gesicht. Denn seine Ausführungen sind eine bizarre Mischung aus Arroganz, Borniertheit, Provinzialität und Ignoranz. Dabei lenkt er von eigenen Versäumnissen der Vergangenheit ab und weist die Schuld an der augenblicklichen Misere des Essener Spitzensports einseitig den Vereinen zu.

Es beginnt mit dem Zitat. "Wir unterhalten die öffentlichen Sportplätze, das kostet uns Millionen." Was unterhalten sie denn, diese Verwalter des Mangels? Ein marodes Georg-Melches-Stadion und einen musealen Uhlenkrug, der die Standards für die künftige Regionalliga wohl kaum erfüllen dürfte. Während anderswo von Emden über Wuppertal bis Mainz und Aachen neue oder stark modernisierte Stadion aus dem Boden gestampft werden, investiert man in Essen seit Jahr für Jahr Millionen in veraltete Anlagen, in Fässer ohne Böden. Dazu kommen Fehlprojekte wie das Gruga-Stadion, das weder als Leichtathletik- noch als Fußballstadion wirklich etwas taugte und längst abgerissen wurde. Dabei wäre dessen frühere Lage heute eine Filet-Lage für eine neue Arena.

Zitat: "Man muss dem DFB dankbar sein, er bemüht sich um den etwas unterbelichteten Fußballstandort Essen." Wie kann ein Mann, der ein solches Amt bekleidet, seine eigene Stadt und dessen wichtigsten Fußballclub in ein solch jämmerliches Licht stellen? Und sich zugleich dem DFB so anbiedern?

Zitat: "Gott sei Dank besteht unsere Stadt aus mehr als drei Vereinen": Mag ja sein, aber was ist denn bitte eine Großstadt ohne einen einzigen Verein mit Spitzenniveau heutzutage Wert? Sind denn RWE, Tusem, Schönebeck und die Moskitos nicht auch Werbe- und Imageträger einer "Metropole"? Spitzensport ist längst teil einer anspruchsvollen Event-Kultur, doch die beschränkt sich in Essen auf Philharmonie, Theater und Colosseum.

"Wenn es so weitergeht, dann kann man die WM 2011 vergessen". Wie schwach ist eigentlich dieses Statement, da gibt doch eine Stadt schon jetzt sang und klanglos auf. Besser wäre doch eine Aussage gewesen wie: "Es sieht zwar nicht gut aus, aber wir werden uns in den verbleibenden Monaten nach Kräften dafür einsetzen, dass zusammen mit den hier ansässigen Großunternehmen in dieser Richtung doch noch etwas geschieht."

Fazit: Mit solchen "Entscheidungsträgern" an der Spitze sollte sich Essen schämen, als Kulturhauptstadt 2010 aufzutreten. Gerade Hülsmann hat es in seiner Funktion als langjähriger Leiter des Sportstätten- und Bäderamtes schlicht verschlafen, Essen mit fortschrittlichen Sportstätten fit für das 21. Jahrhundert zu machen. Wo anderswo multifunktionale Event-Arenen (Köln, Oberhausen etc.) entstanden, bleibt Essen bis heute auf seiner charmant-alten Grugahalle sitzen. Beim Thema Fußballstadion wurde der richtige Zeitpunkt verpasst, aufzurüsten und sich für einen Club (RWE oder ETB) als Aushängeschild des Essener Sports zu entscheiden. Nichts dergleichen geschah, und die Folgen erleben wir heute krasser denn je.

Wir brauchen Visionäre und Stadtobere, die keinen so windelweichen Kurs gegen die hier ansässigen Großunternehmen fahren wie Herr Hülsmann in diesem Interview. Längst hätten die hier ansässigen, dem Essener Topsport jedoch ignorant gegenüber stehenden Konzerne etwas für RWE tun können – als sie noch in der Zweiten Liga spielten. Stattdessen floß das Geld nach Leverkusen und Dortmund. Jetzt ist es überall kurz vor Zwölf – und Christian Hülsmann stellt lakonisch fest: „Ich würde nicht wetten, dass das Stadion kommt.“

Thomas Imhof, 45257 Essen, Dixbäume 57

Autor:

Mehr zum Thema

Wettbewerbe

Rubriken

Kommentieren