„Ach du Scheiße“ – Das Fazit des Spieltages lieferte ein shoppender Familienvater um 18:30 Uhr in der Dortmunder Fußgängerzone. Auf dem Weg zum Bahnhof ging ich vorbei an den Kaufhäusern durch die Innenstadt. „Wie hamwa gespielt“, fragte er kurz und knapp. „1:1“ erwiderte ich und wollte ihm eine treffende Kurzanalyse des Geschehens gleich mitliefern. Doch dazu kam es nicht mehr, denn mit „Ach du Scheiße“ wandte er sich wieder seinen Kindern und Einkaufstüten zu.

Boahrussia: „Riedle oder Chappi hätten heute sieben Dinger gemacht“

"Hömma, watt war da denn los?"

Jonas Hessedenz
12. November 2007, 19:38 Uhr

„Ach du Scheiße“ – Das Fazit des Spieltages lieferte ein shoppender Familienvater um 18:30 Uhr in der Dortmunder Fußgängerzone. Auf dem Weg zum Bahnhof ging ich vorbei an den Kaufhäusern durch die Innenstadt. „Wie hamwa gespielt“, fragte er kurz und knapp. „1:1“ erwiderte ich und wollte ihm eine treffende Kurzanalyse des Geschehens gleich mitliefern. Doch dazu kam es nicht mehr, denn mit „Ach du Scheiße“ wandte er sich wieder seinen Kindern und Einkaufstüten zu.

Sein Gefühlsausbruch traf es ziemlich genau auf den Punkt. Auch ohne das Spiel gesehen zu haben, erachtet er das Unentschieden gegen Eintracht Frankfurt als absolute Enttäuschung. Und mir ging es nach den 90 Minuten Fußball nicht einen Deut besser. Die Gemütslage für den Abend schien geklärt, während des Nachmittags glich sie einer Achterbahnfahrt.[infobox-right]Boahrussia – der BVB Fanblog

„Borussia, du bist Leidenschaft“: Schon seit frühester Kindheit drückt BVB-Fan Jonas den Dortmundern die Daumen. Heute steht er in Block 82 des Westfalenstadions oder reist durch die Stadien Fußballdeutschlands und unterstützt die Schwarz-Gelben. Seinen Erlebnissen und Gedanken rund um den Verein verleiht er nun wöchentlich den nötigen Ausdruck und gibt zu jeder Wurst seinen Senf ab.
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Erster Aufreger war die Unfähigkeit von Stürmer(!) Klimowicz: Den Ball aus acht Metern nicht ins verwaiste Gäste-Gehäuse zu schieben sorgte zunächst für allgemeine Verwunderung („Den hätte selbst meine Omma gemacht“), gleichzeitig brachte es aber auch den ersten Adrenalinstoß. Früher als erwartet kochte es auf den Rängen in der Hoffnung auf ein wahres Fußballfest.

Doch die Schwarz-Gelben auf dem Rasen hatten andere Pläne. Nach etwa 15 Minuten passte sich die Stimmung dem lethargischem Tempofußball der Akteure an, jeder Fan legte auf dem Weg zum Bierstand mehr Meter zurück als die gesamte Truppe zusammen. Ein Rückfall in das alte Bert-van-Marwijk-Heimspiel-Muster. Während ein Großteil der Zuschauer sich vom Spiel abwandte, mit dem Handy spielte oder dem nächsten Ergebnisdienst aus den anderen Stadien entgegenbibberte, trauerte ich nun seit 40 Minuten über das Klimowicz-Versagen. Unter dem Strich stand die überflüssigste erste Halbzeit der bisherigen Saison.

Die 15-Minuten-Pause brachte auch keine Erheiterung. 16 Ordner pflügten das Geläuf, jeweils drei Ersatzspieler passten sich gelangweilt den Ball zu. 22 Mann auf dem Rasen, null Bewegung - quasi kein Unterschied zum bisherigen Fußballgeschehen zu erkennen. Wo war jetzt noch gleich die von Doll versprochene Trotzreaktion nach der Niederlage in Hannover?

Eine schwarz-gelbe Sturm und Drangphase setzte alsbald ein und rollte auf die Südtribüne zu, wo sich Markus Pröll zwischen zwei weißen Stangen über die Schusstechnik von Tinga erheiterte. Frankfurt igelte sich komplett ein, der Lohn für so viel Passivität war das 0:1 durch Amanatidis.

Im Nachhinein muss man sich wohl bei den Eintracht Fans für ihren sympathischen Fehltritt („Wo ist denn die gelbe Wand?“) 20 Minuten vor Schluss bedanken. Der an Majestätsbeleidigung grenzende und überflüssige Hohn und Spott diente als nötiger Funken, um das Borussen-Feuer zu entflammen. Der Frust auf den Tribünen entlud sich endlich in wütende Anfeuerungsrufe, die nach Kringes Tor in einen aggressiven Torjubel gipfelten. Eine Schlussphase, die die Ehre aller Borussen rettete. Allein die Krönung einer starken, kämpferischen zweiten Hälfte blieb durch kollektiv mangelnde Schussfertigkeiten leider aus.

Doch meine persönliche Szene des Tages spielte sich erst nach dem Schlusspfiff, auf dem Weg zum Ausgang, ab. Im Schlendern hakte sich ein älterer, mir bisher unbekannter Herr in meinen Arm ein und begann ein Gespräch: „Hömma. Watt war da denn los? Wollen die keine Tore machen? Hier, mit dem Hitzfeld, da war datt noch anders. Riedle und Chappi, die hätten heute sieben Dinger gemacht.“

Der Herr konnte meine Gedanken lesen.

Autor: Jonas Hessedenz

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