Den Medienboykott hob Fußball-Zweitligist 1860 München am Dienstagnachmittag nach drei Tagen Aussperrfrist aller Berichterstatter vom Vereinsgelände auf.

Sportrechtsanwalt:

1860 setzt 50+1-Regel „nicht konsequent“ um

Michael Ryberg / Mike Rosner
29. November 2016, 19:53 Uhr
Foto: firo

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Den Medienboykott hob Fußball-Zweitligist 1860 München am Dienstagnachmittag nach drei Tagen Aussperrfrist aller Berichterstatter vom Vereinsgelände auf.

Die Chaostage beim Tabellenvierzehnten sind aber noch lange nicht vorbei. Im Fokus steht Hasan Ismaik. Wieder einmal. Der jordanische Geschäftsmann, Investor und Vorsitzende des Aufsichtsrates beurlaubte vor einer Woche im Alleingang Trainer Kosta Runjaic. Was eigentlich im Verantwortungsbereich des kurz darauf ebenfalls von Ismaik zum Sportdirektor degradierten Geschäftsführers Thomas Eichin gelegen hätte.

Die Deutsche Fußball-Liga forderte den Meisterverein von 1966 zur Stellungnahme auf. „Bei 1860 München“, so betont der Frankfurter Sportrechtsanwalt Horst Kletke gegenüber dieser Zeitung, „wird die 50+1-Regel nicht konsequent umgesetzt. Hier bestimmt jemand allein. Das ist laut Statuten der DFL nicht zulässig.“

Ismaik hält zwar schon seit seinem Einstieg vor fünfeinhalb Jahren rund 60 Prozent der Anteile an der Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) der Löwen. Elf Prozent der Anteile waren aber bisher „stimmlose“ Vorzugsaktien, so dass die 50+1-Regel galt. Die besagt, dass Investoren in einer Gesellschaftsform im deutschen Profifußball maximal 49 Prozent besitzen. Und damit nie die Mehrheit haben und so gegen Interessen des Stammvereins handeln dürfen.

„Die Indizien bei der Beurlaubung von Kosta Runjaic sprechen dafür, dass diese Regel ausgehebelt worden ist. Der Aufsichtsrat ist nicht zur Führung der Geschäfte berufen“, stellt Horst Kletke fest.

Anruf wegen eines Bleistifts
Der Sportrechtsanwalt hatte zuletzt juristisch intensiv mit dem Traditionsklub aus München-Giesing zu tun: „Bei 1860 herrscht keine Ordnung. Die müssen wegen jedem Bleistift in Abu Dhabi anrufen.“ Dort ist Ismaiks Firmensitz. Der speist sich aus Öl- und Immobiliengeschäften.

Sportrechtsanwalt Kletke betont, dass die ermittelnde DFL präzise Tatsachen im Falle Ismaik feststellen müsse, um handeln zu können. Eine Geldstrafe, ein Punktabzug oder auch lizenzrechtliche Auflagen kämen als Strafe in Begtracht. Ein Lizenzentzug für die Löwen, die in der 2. Bundesliga von den Konkurrenten seit langem kritisch beäugt werden, hält Kletke für „keine Sofortmaßnahme“.

Ismaik selbst stellt über die Internet-Plattform Facebook wüste Verschwörungstheorien in den Raum: „Der TSV 1860 ist zum Spielball von dunklen Interessen geworden. Es gibt Leute im Verein, die Korruption und Plünderung unterstützen.“ Ginge es nach dem Jordanier, würde die 50+1-Regel gekippt. „Dann würde ich hundert, vielleicht 200 Millionen Euro in 1860 investieren“, so Ismaik im September zur Münchener Abendzeitung.

Derweil fahnden die Löwen nach einem neuen Cheftrainer. Dieter Hecking (52), zuletzt dreieinhalb Jahre beim VfL Wolfsburg und mit den „Wölfen“ 2015 DFB-Pokalsieger, wird laut „Kicker“ wohl nicht kommen. Der vermeintliche Wunschkandidat Armin Veh (55, zuletzt Eintracht Frankfurt) hat schon abgesagt.

Ex-Schalker Di Matteo ohne Job
Spekuliert wird derzeit auch über Roberto Di Matteo und Avram Grant. Der 46-jährige Schweizer Di Matteo, mit dem FC Chelsea 2012 Champions-League-Sieger, arbeitete zuletzt bei Schalke 04 und beim Premier-League-Absteiger Aston Villa ohne Erfolg. Der 61-jährige Israeli Grant, der seit 2014 die Nationalelf Ghanas betreut, war ebenfalls schon in der Premier League aktiv: beim FC Chelsea und bei West Ham United.

Samstag (13 Uhr/Sky) gegen Dynamo Dresden wird erneut U21-Trainer Daniel Bierofka auf der Löwen-Bank verantwortlich handeln.

Autor: Michael Ryberg / Mike Rosner

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