Borussia Dortmund zeigte im ersten Heimspiel der Champions League eine Eigenschaft gegen Real Madrid, die bei anderen deutschen Mannschaften abhanden gekommen ist:

BVB

Analyse gegen Real - und ein Vergleich zu Schalke 04

Pit Gottschalk
28. September 2016, 14:53 Uhr
Foto: firo

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Borussia Dortmund zeigte im ersten Heimspiel der Champions League eine Eigenschaft gegen Real Madrid, die bei anderen deutschen Mannschaften abhanden gekommen ist:

Der BVB zeigte Mut gegen große Gegner. In der ersten Halbzeit entwickelte der Mittelfeldmotor Castro/Weigl mithilfe der Außenpositionen so viel Druck auf den Titelverteidiger, dass der Gegentreffer durch Ronaldo wie ein Betriebsunfall erschien. Zweimal glich die Mannschaft von Trainer Thomas Tuchel aus. Unbeeindruckt von den klangvollen Namen im weißen Trikot. Daraus ergeben sich Fragen.

Erstens: Wie konnte Borussia Dortmund in der Bundesliga nicht gegen RB Leipzig gewinnen?
Zweitens: Warum starten Neueinkäufe beim BVB durch und bei den Schalkern nicht?
Drittens: Wie viel Pep Guardiola steckt schon in BVB-Trainer Thomas Tuchel?

Tatsächlich ist die Pleite von Leipzig nur damit zu erklären, dass die Mannschaft zu Saisonbeginn noch nicht gänzlich eingespielt war. Danach ging es Schlag auf Schlag: 6:0 gegen Darmstadt, 5:1 in Wolfsburg, 3:1 gegen Freiburg und irgendwann 6:0 in Warschau. Womöglich brauchte das Team das Erweckungserlebnis, als die Spieler müde von ihren Länderspielen heimgekehrt waren.

Der BVB-Kader besteht aus einer Vielzahl von neuen Spielern, die zum Teil noch halbe Kinder sind (zum Beispiel Mor, Dembélé und Pulisic) und zum Teil Weltmeister (Götze und Schürrle). Damit dieser 120 Millionen teure Schwarm mit den Etablierten funktioniert und harmoniert, müssen Charakter und Mentalität in der Mannschaft intakt sein.

Was das konkret heißt, konnte man gegen Real Madrid sehen. Pulisic und Schürrle schmorten auf der Ersatzbank, bis Dembélé und Götze ausgepowert waren. Danach brachten sie einen neuen Impuls in den erschlafften Spielaufbau. Folgerichtig bereiteten die zwei den Ausgleich zum 2:2 vor.

Nun darf nicht passieren, was in schlecht aufeinander abgestimmten Mannschaften passiert: Dass die eingewechselten Spieler aus ihrem besonderen Auftritt Ansprüche auf einen Stammplatz ableiten. Dann kommt Gift in den sorgsam aufgebauten und flexiblen Kader. Das Danken muss sein: Notfalls kommt die Power von der Bank, um erfolgreich zu sein. Das 2:2 gegen Real Madrid war ein Erfolg.

Anders als auf Schalke finden die neuen BVB-Profis eine gefestigte Mannschaftsstruktur vor, die zwar drei Leitwölfe verloren hat (Hummels, Gündogan, Mkhitaryan), aber nicht ihren Klassensprecher (Schmelzer) und das gesunde Binnenklima. Ein Vorteil, der Ruhe bringt zur Integration der Neuen.

Schalke dagegen war von Saisonbeginn in der Bringschuld (Neustart!) und erhöhte den Druck auf sich selbst durch leichtsinnige Pleiten gegen Köln und in Hoffenheim. Schon ist von Krise die Rede. Wie will Trainer Markus Weinzierl dem erst 19 Jahre alten Embolo die notwendige Zeit zur Anpassung an das höhere Spielniveau geben? Alle Lampen auf Schalke stehen auf Alarm. Erstaunt stellte die Schweizer Tageszeitung „Blick“ fest: „Deutsche hacken weiter auf Breel Embolo rum“.

Dortmund ist in der Entwicklung der Mannschaft meilenweit vorangeschritten. Trainer Tuchel verfeinert seinen Ballbesitzfußball, wie er ihn von seinem Vorbild Pep Guardiola gelernt hat, in einem erstaunlichen Tempo: 58 Prozent Spielanteil schaffte der BVB gegen den Titelverteidiger. Guardiolas einstige Bayern-Altstars Ribery und Robben sehen in Dortmund längst ihre jüngeren Nachfolger. Auf lange Sicht gibt der BVB den Ton an. Pulisic wird zum Beispiel besser als Bayern-Jüngling Coman.

Zwangsläufig wird deshalb die nächste Frage folgen: Ist das ausgelobte Ziel „Champions League“ nicht zu bescheiden? In der Pressekonferenz gab Tuchel zu, dass seine Mannschaft mit den Großen in Europa mithalten kann; das habe schon das Vorjahr in der Europa League gezeigt. Warum nicht konsequenterweise sagen: Dann lasse uns mal die Bayern in der Bundesliga jagen? Der Bundesliga täte der Zweikampf gut.

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Autor: Pit Gottschalk

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