Bundestrainer Jürgen Klinsmann treibt den Reformkurs bei der deutschen Nationalmannschaft voran. Mit ungewöhnlichen Maßnahmen soll vor der WM im eigenen Land das Persönlichkeitsbild der Nationalspieler gestärkt werden.

Klinsmann will Team-Profil weiter schärfen

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17. November 2004, 11:46 Uhr

Bundestrainer Jürgen Klinsmann treibt den Reformkurs bei der deutschen Nationalmannschaft voran. Mit ungewöhnlichen Maßnahmen soll vor der WM im eigenen Land das Persönlichkeitsbild der Nationalspieler gestärkt werden.

Den Reformkurs bei der deutschen Nationalmannschaft behält Jürgen Klinsmann auch in Zukunft bei. Der neue Bundestrainer und seine Mitstreiter wollen auf dem Weg zum WM-Titel 2006 im eigenen Land das Profil der DFB-Auswahl weiter schärfen und neben der Verbesserung der fußballerischen Qualitäten auch das Persönlichkeitsbild der Nationalspieler stärken. "Wir wollen dieser Mannschaft, aber auch den einzelnen Spielern eine Identität geben", erklärt Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff.

Tagesablauf soll aufgelockert werden

Deshalb soll künftig der seit Jahrzehnten übliche Tagesablauf bei der DFB-Auswahl aufgelockert werden, etwa durch Computerkurse, Medienschulungen oder Fremdsprachenkurse. "Der Wunsch nach einem Fremdsprachenkurs ist aus der Mannschaft an uns herangetragen worden", berichtet Klinsmann-Assistent Jogi Löw, "das finde ich bemerkenswert."

Klinsmann unterstützt dieses Vorhaben. "Die Zeiten mit Aufstehen, Frühstück, Training usw. sind schon lange vorbei. Da läuft man irgendwann gegen die Wand", erklärt der 108-malige Nationalspieler, der zu seinen aktiven Zeiten am liebsten schon nach drei Tagen aus dem Quartier geflüchtet wäre. Insgesamt soll vor allem die Eigenverantwortung der Spieler verbessert werden. "Sie sollen selbst entscheiden, was sie in ihrer Freizeit machen."

Spieler sollen mehr Selbstständigkeit zeigen

Der DFB will zwar grundsätzlich bei allen Fragen Hilfestellung geben, die Profis sollen aber zur Selbständigkeit erzogen werden. "Der Spruch, je mehr ich einem Spieler abnehme, desto besser kann er sich auf Fußball konzentrieren, stimmt schon lange nicht mehr. Im Gegenteil: Je mehr ich einem Spieler abnehme, desto weniger Verantwortung kann er auf dem Platz übernehmen", erläutert Klinsmann.

Der Bundestrainer will zudem die Rahmenbedingungen bei der Nationalmannschaft weiter optimieren. Wahrscheinlich werden neben einem Mentaltrainer - entsprechende Gespräche werden derzeit geführt - noch weitere Experten zur Nationalmannschaft stoßen. "Es ist sinnvoll, Fachleute miteinzubeziehen für Gebiete, in denen wir uns nicht so gut auskennen", sagt Bierhoff. Neben dem psycholgischen Bereich könnte dies bei Ernährungs- und Fitnessfragen der Fall sein.

Bierhoff: "Sind die ersten Repräsentanten"

Vordringlich sei aber, gerade die jungen Spieler auf allen Gebieten für 2006 fitzumachen. "Die meisten von den Jungen wissen doch noch gar nicht, was auf sie bei der WM zukommt. Deshalb müssen wir sie entsprechend darauf einstellen", sagt Klinsmann.

Nach dem Wunsch von Bierhoff sollen die Spieler die besten Botschafter des Landes werden. "Wir sind die ersten Repräsentanten bei dieser Veranstaltung. Wir können maßgeblich dazu beitragen, dass das in einigen Ländern immer noch vorherrschende Bild vom hässlichen Deutschen nachhaltig korrigiert wird", sagt der auslandserfahrene ehemalige DFB-Kapitän. Dies gelte für das Auftreten außerhalb des Spielfeldes, aber eben auch für das Spiel selbst.

Dafür steht auch der Leitspruch "From Good To Great" (Von gut zu großartig), der aber mehr als Ansporn gedacht ist. "Der WM-Titel im eigenen Land muss unser erklärtes Ziel bleiben, er ist aber nicht das Maß aller Dinge. Wir wollen insgesamt die Spiele nicht mehr nur an den Ergebnissen messen, sondern die fußballerische Leistung beurteilen. Jeder weiß, dass auch ein Quäntchen Glück dazu gehört, wenn man Weltmeister werden will", sagt Bierhoff.

Klinsmann lässt Zukunft nach 2006 offen

Dass das auf den Weg gebrachte Konzept nicht zwangsläufig nach der WM 2006 wieder ausgetauscht werden muss, ist auch Klinsmann klar. "Natürlich denken wir erst einmal an 2006. Aber wenn man beim DFB unser Konzept akzeptiert, sollte man diesen eingeschlagenen Weg auch weiter gehen." Der 40-Jährige ließ offen, ob er selbst im Erfolgsfall über 2006 im Amt bleibt: "Selbst wenn ich mich entscheiden sollte, nach der WM aufzuhören, heißt das ja nicht, dass das die anderen auch tun."

Autor: ans

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