Ex-Nationalspieler Jürgen Klinsmann hat heftige Kritik am Deutschen Fußball-Bund (DFB) geübt und Reformen gefordert. Der Verband brauche neue Strukturen, so der frühere Angreifer.

Klinsmann: "DFB bietet jämmerliches Bild"

tw
04. Juli 2004, 11:57 Uhr

Ex-Nationalspieler Jürgen Klinsmann hat heftige Kritik am Deutschen Fußball-Bund (DFB) geübt und Reformen gefordert. Der Verband brauche neue Strukturen, so der frühere Angreifer.

In die Diskussion um die Zukunft der deutschen Nationalmannschaft hat sich nun auch Jürgen Klinsmann zu Wort gemeldet. Der frühere Nationalspieler sieht auf verschiedenen Feldern Handlungsbedarf.

sid: "Jürgen Klinsmann, im Vorfeld der EM hatten Sie auf ein Finale Portugal - Frankreich getippt. Weshalb ist Ihre Prognose nur zu 50 Prozent in Erfüllung gegangen?"

Klinsmann: "Weil Zinedine Zidane und Thierry Henry ihr Potenzial nicht abgerufen haben. Weil es von Anfang an Knatsch darum gegeben hat, ob Kapitän Marcel Desailly fit ist oder nicht. Ich hatte den Eindruck, bei einigen Spielern der Franzosen hat der letzte Wille gefehlt."

sid: "Und woran hat es bei den Deutschen gefehlt?"

Klinsmann: "Nicht am Willen, sondern am Können. "Michael Ballack hat ja, im Gegensatz zu Zidane, sein Bestes gegeben. Da ist mehr nicht drin. Kevin Kuranyi, unser bester Stürmer, ist kein richtiger Mittelstürmer. Das Mittelfeld ist nicht kreativ genug. Wir haben keinen Thomas Häßler und Pierre Littbarski mehr. Und wir sind nicht mehr schnell genug. Mit den Top-Stars Europas kann auf den ersten Metern nur Philipp Lahm mithalten, und das reicht nicht. Da ist einiges versäumt worden, das korrigiert werden muss."

sid: "Deutschland sucht einen Bundestrainer. Sie sind ähnlich populär wie Rudi Völler. Ein Job für Sie?"

Klinsmann: "Mit Sicherheit nicht, nein. Im übrigen gilt es, zunächst andere Dinge zu klären, als einen Trainer zu finden. Deutschland hat jetzt zwei Jahre lang nur Freundschaftsspiele. Da ist es völlig egal, ob der neue Teamchef erst in drei, vier oder fünf Monaten gefunden wird. Ich habe den Eindruck, der DFB drückt sich davor, seine Hausaufgaben zu machen, die zu erledigen sind, ehe ein neuer Trainer gefunden wird."

sid: "Welche Hausaufgaben sehen Sie?"

Klinsmann: "Als erstes muss ein Nationalmannschafts-Manager her. Der hätte als Gesprächspartner für Rudi da sein müssen, damit der eine Schulter zum Abladen gehabt hätte. Dann wäre seine Entscheidung vielleicht anders ausgefallen. Er wurde im Stich gelassen."

sid: "Und weiter?"

Klinsmann: "Der DFB muss offen und ehrlich seine gesamte Organisationsstruktur in punkto Nationalmannschaft, die sich seit Jahrzehnten nicht geändert hat, auf den Prüfstand stellen. Vielleicht sollte er sogar eine Unternehmensberatung hinzuziehen. Alle Betroffenen müssen definieren, was sie wollen und dann an einem Strang ziehen. Über Ziele und Personen kann nicht mehr der Verband alleine entscheiden. Da muss es eine Kommission geben, an der Verband, Liga, Organisationskomitee WM 2006, Sponsorenvertreter, Medien, Rudi Völler und zwei, drei Spieler teilnehmen. Und erst dann kann der geeignete Trainer zur Umsetzung der Zielvorgaben gesucht werden."

sid: "Muss angesichts Ihrer Analyse Gerhard Mayer-Vorfelder zurücktreten?"

Klinsmann: "Das will ich so nicht sagen. Er muss nur Strukturen schaffen, bei denen klar ist, wer was zu tun hat und wer was nicht darf. Heute laufen um die Nationalmannschaft so viele Leute herum, dass die Spieler schon nicht mehr wissen, wer wofür und weshalb da ist. Das Bild, das der DFB abgibt, ist einfach jämmerlich. Die ganze Welt schaut auf Deutschland und dann stellt die internationale Presse fest, dass der deutsche Fußball ein Scherbenhaufen ist und sein Verband orientierungslos. Dabei stehen wir zwei Jahre vor dem wichtigsten Sportereignis, das in den nächsten 40 Jahren in diesem Land stattfindet. Was augenblicklich passiert, kann nicht im Sinne des Landes, der Regierung und der Fans sein."

sid: "Wie erklären Sie sich den Erfolg Griechenlands?"

Klinsmann: "Das ist ein Märchen, welches sich nie mehr wiederholen lässt. Nach dem Auftaktsieg haben sie einen Willen entwickelt, der Berge versetzt. Ich habe das 1996 bei unserer Mannschaft kennen gelernt. Da erwächst plötzlich aus dem Inneren eine mentale Stärke, die Dich fast unbesiegbar macht. Im Grunde haben die Griechen nur ihren Job gemacht: Hinten zerstören und vorne auf ein, zwei Chancen warten. Dass dieses Rezept so erfolgreich sein kann, hat zu Beginn wohl selbst Otto Rehhagel nicht erwartet. Das Gegenteil sind die Bulgaren. Die sind spielerisch deutlich besser als die Griechen, aber an dem 0:5 gegen Schweden innerlich zerbrochen."

sid: "Neben Deutschland und Frankreich haben auch England, Italien und Spanien das Halbfinale nicht erreicht. Weshalb sind die "Big Five", die großen Fünf, gescheitert?"

Klinsmann: "Wenn Top-Leute nicht auf den Turnier-Augenblick hin geistig und körperlich wirklich top sind, haben sie keine Chance mehr. In den USA dauern die NBA- oder NHL-Saisons acht, neun Monate. In Europa dauert die Fußball-Saison elf Monate, und dann kommt noch ein großes Turnier hinterher. Ich glaube, viele Stars sind einfach mental zermürbt, sind überladen, und werden dann von hungrigen Ländern sozusagen aufgefressen. Die portugiesischen Klubs spielen bis auf den FC Porto und Benfica international keine Rolle, die griechischen Spieler sitzen bei den europäischen Spitzenklubs meist nur auf der Bank: Da entsteht Hunger, während die Stars aus den großen Ländern übersättigt sind."

Autor: tw

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