Ein Jahr Cheftrainer auf Schalke: Mirko Slomka und das ständige Ringen um Akzeptanz

hb
05. Januar 2007, 10:56 Uhr

Es ist genau ein Jahr her, als Mirko Slomka auf der A2 hinter einem mit Gülle beladenen, umgekippten Lastwagen im Stau stand.

Es ist genau ein Jahr her, als Mirko Slomka auf der A2 hinter einem mit Gülle beladenen, umgekippten Lastwagen im Stau stand. Er war auf dem Weg nach Schalke und wusste bis zu seiner Ankunft nicht, was ihn dort erwarten würde. Manager Andreas Müller hatte am Telefon etwas geheimnisvoll getan und ihm den Grund für den Wunsch nach seiner vorzeitigen Anreise - Trainingsauftakt war erst am anderen Vormittag - nicht genannt. „Ich dachte, ich würde entlassen“, beschlich Slomka kein gutes Gefühl. Schließlich suchte Schalke knapp einen Monat nach der Entlassung von Ralf Rangnick einen neuen Trainer und in der Branche ist es üblich, dass der Assistent gleich mitgehen muss. Es kam ganz anders. Als Slomka endlich nach sieben Stunden Fahrt gegen 0.30 Uhr auf der S04-Geschäftsstelle ankam, überraschte ihn der versammelte Vorstand mit der Beförderung zum Chefcoach. Im Gespräch mit RevierSport mag der 39-jährige Fußball-Lehrer allerdings nicht auf seine turbulenten Anfangsstunden als neuer Verantwortlicher zurückblicken, sondern bezieht Stellung zu den vielen Themen, die ihm die ersten zwölf Monate seiner Amtszeit das Leben auf Schalke nicht gerade leicht machten.

Mirko Slomka, als Sie am 4. Januar 2006 zum Cheftrainer des FC Schalke befördert wurden, brachten einige Medien die Übersetzung Ihres slawischen Namen ins Bild: kleiner Strohhalm. Noch vor dem Ende der laufenden Saison werden Sie länger im Amt sein als Ihre Vorgänger Jupp Heynckes und Ralf Rangnick, die jeweils 15 Monate auf Schalke tätig waren. Was ist das Geheimnis Ihres Erfolges?

Das sollten besser andere beurteilen, aber es ist schön zu spüren, dass mir von allen Stellen im Verein, insbesondere von der Führung, absolutes Vertrauen entgegengebracht wird. Das war selbstverständlich nicht immer so, denn dieses für mich rein menschlich sehr ereignisreiche Jahr war schon auch geprägt von dem ständigen Ringen um Akzeptanz. Das vor allem außerhalb des Clubs und nur ganz punktuell innerhalb, bei den Leuten, die mich nicht im tagtäglichen Geschäft kennen gelernt haben. Bei der Mannschaft war aber der Respekt schon nach wenigen Tagen da, der Respekt vor mir als Trainer, als Mensch und vor den Dingen, die ich ihnen zu vermitteln versuche.

Sie haben sich zum Beispiel darüber echauffiert, dass im ‚Kicker’ unter der ständigen Rubrik Geburtstage Ihr Name im September fehlte!

Das hat mich nicht aufgeregt, ist aber zumindest ein Hinweis darauf, dass man sich da innerhalb der Redaktion darauf verständigen sollte, dass ich inzwischen Cheftrainer beim FC Schalke bin und nicht Jugendtrainer bei Hannover 96.

Wie sehr hat Sie dieses Jahr als sportlich Verantwortlicher bei einem der größten Clubs Deutschlands und in einem fast schon traditionell schwierigen Umfeld reifer gemacht?

Es hat mich auf jeden Fall reifer gemacht, denn noch nie in meiner vorherigen Laufbahn als Trainer hatte ich so viele Entscheidungen zu treffen, die auch so massiv von der Öffentlichkeit verfolgt werden. Ich bin an dieser Aufgabe gewachsen, aber natürlich kann man nicht fehlerfrei durch so eine Zeit gehen. Nach einer Trainingswoche fragst du dich dann manchmal: Hast du die Mannschaft optimal aufs Spiel vorbereitet oder fehlte ein Element, vielleicht haben wir zu wenig für die Spritzigkeit getan. Oder nach einer Niederlage fragst Du Dich: Hättest Du in der oder der Situation besser oder anders ausgewechselt?

Mit wem können Sie außerhalb dieser eigenen Welt Schalke 04 über diese Dinge reden?

Mit Leuten, die mit Fußball oder speziell Schalke nichts oder zumindest wenig zu tun haben. Das ist in erster Linie meine Frau, aber auch mein Bruder und einige Freunde in Hannover. In diesen Gesprächen erfährt man am ehesten, ob man gewisse Dinge auch aus einem anderen Blickwinkel sehen kann.

Wie schwer fällt die Trennung von der Familie, die Sie nur ein paar Mal im Monat sehen können?

Das ist sehr schwer, aber für uns schon gewohnt. Als meine Tochter Lilith geboren wurde, war ich Trainer in Berlin und habe im Grunde sehr wenig davon mitbekommen, wie sie aufgewachsen ist. Das ist jetzt mit unserem Sohn Luk nun genau so. Meine Frau Gunda und ich aber haben für uns festgestellt, dass es für meinen Job besser ist, wenn Beruf und Familie getrennt sind. Es gibt ständig Dinge, die sich bei mir im Laufe des Tages zeitlich weiterentwickeln. Wenn ich versprechen würde, meinen Sohn aus dem Kindergarten abzuholen, dann würde in 90 Prozent der Fälle etwas dazwischen kommen und ich könnte es nicht einhalten. So sehen wir uns etwa drei Mal im Monat, dann mache ich auch das Handy aus und nehme mir Zeit für meine Kinder.

Wenn Sie hier einen halben Tag frei haben - wie nutzen Sie ihn, ohne alle paar Sekunden von S04-Fans angesprochen oder aus der Entfernung als Schalke-Trainer angegafft zu werden?

Das ist ja das Schöne am Ruhrgebiet, dass man innerhalb weniger Minuten in einer anderen Stadt ist und dort vielleicht nicht so die Aufmerksamkeit erregt. Ich war zum Beispiel an einem freien Tag nachmittags in Essen auf der Rüttenscheider Straße in einem Café. Ich saß da und habe Kaffee getrunken und es kam mir nicht so vor, als ob mich jemand erkannt hätte. Dort habe ich sogar zufällig Otto Rehhagel getroffen, er saß da mit seiner Frau und hatte einen Stapel Zeitungen dabei, unter anderem den RevierSport. Ich fahre auch schon mal nach Bochum oder Düsseldorf. Und überall ist es angenehm. So etwas kommt nicht oft vor, aber manchmal nehme ich mir die Zeit, um einfach abzuschalten.

Die letzte Zeit war auch wirklich nicht einfach. In einer Halbserie, die in der Bundesliga mit 36 Punkten und Platz zwei die zweiterfolgreichste seit Bestehen der deutschen Elite-Liga war, häuften sich auf Schalke Skandal-Geschichten, dass sich die Beobachter der Szene wie in den 70ern und 80ern vorkamen. Fangen wir mit Gerald Asamoah an: Was hat er Schlimmes gemacht, dass er bestraft werden musste? Hätten Sie Ihre Ohren nicht auf Durchzug stellen können? Schließlich sind doch offene Worte in der Kabine unter Mannschaftskollegen nicht unüblich, auch wenn sie sich mal gegen den Trainer richten (Asamoah hatte angekündigt, dass er Slomka Probleme bereiten würde, sollte er weiterhin nicht spielen).

Diese Entscheidung ging natürlich ins Mark, aber mir blieb keine andere Wahl, als so vorzugehen. Wäre es nur diese eine Sache gewesen, hätte ich es in der Tat bei einer Ermahnung belassen. Die Suspendierung hatte aber eine Vorgeschichte, die mit dem einen oder anderen Vorfall bis in die letzte Saison zurückreicht. Im letzten Sommer habe ich noch mit Gerald über seine Situation ein persönliches, aber auch deutliches Gespräch geführt, in dem er sich auch schon nicht korrekt verhalten hatte. Ich habe ihm gesagt, so etwas kann mal raus rutschen, antworte mit Leistung. Von einer Bestrafung war zu dem Zeitpunkt noch nicht die Rede. Dann gab es aber den nächsten Vorfall. Jetzt hatte ich keine andere Möglichkeit mehr, als mit der Suspendierung zu reagieren. . Für die Außendarstellung war der Ablauf nicht gut, aber als wir uns nach dem Spiel in Berlin montags in der Geschäftsstelle trafen – und zwar Gerald, sein Berater Jürgen Milewski, Andy Müller und ich –, haben wir drei Stunden hart und intensiv geredet. Damit muss es auch wieder gut sein. Wir brauchen Gerald, gerade bei so einem Spiel wie in Bielefeld, als es auf des Messers Schneide stand, hätte ich ihn gerne reingeworfen. Jeder Spieler, der in diesem Kader ist, hat hundertprozentig die Berechtigung, aufzulaufen.

Ist es einfacher, Darío Rodriguez oder Hamit Altintop zu sagen, er müsse draußen bleiben, als Mladen Krstajic oder Lincoln?

Nein, das stimmt nicht. Darío ist ein Riesen-Typ, der in der Mannschaft hoch angesehen ist. Er ist einer, der die Jungs zusammenführt, der dafür sorgt, dass sie nachmittags und abends gemeinsam etwas unternehmen. Wenn ich einen Spieler in einem bestimmten Augenblick oder für einen bestimmten Gegner etwas besser sehe als den anderen, und wenn es nur wegen ganz gewisser Eigenschaften ist, dann muss ich als Trainer aber diese Maßnahme treffen und verantworten. Es gab viele harte Entscheidungen, aber ich versuche es den Spielern so zu vermitteln, dass sie meine Entschlüsse versteht und keine Zweifel spüren. Das Verhältnis zwischen mir und den Spielern war von Anfang an geprägt von einem offenen, freundlichen Aufeinanderzugehen, aber gleichzeitig auch von der notwendigen Distanz zwischen Spielern und Trainer.

Wir waren bei den Nebenkriegs-Schauplätzen, auf denen sich Schalke eifrig tummelte: der Presse-Boykott.

Die Lage ist einfach eskaliert, nachdem wir uns im Sommer doch um einen Austausch zwischen Mannschaft, vertreten durch Marcelo Bordon, Vorstand in Person von Andreas Müller, mir als Trainer und Journalisten bemüht haben. Sie waren ja auch dabei. Da haben wir uns offen ins Gesicht gesagt, was vorher gut und was schlecht lief. Marcelo hat zugesichert, dass die Spieler auch nach schlechten Spielen mit den Medien reden würden, sich aber gewisse Dinge nicht bieten lassen würde.

Zum Beispiel?

Wenn Dinge ins Persönliche zielen oder wenn Sachen über die Mannschaft geschrieben werden, die nicht passiert sind und nie bei uns geschehen würden. Die Spieler haben dann vor dem Bayern-Spiel klar gesagt: Mit dem negativen Bild, das ständig von uns als Mannschaft gezeichnet wird, können wir uns nicht mehr identifizieren, das lassen wir nicht mir uns machen. Es gab für die Spieler auch keinen anderen Weg, als alle mit dem Schweigen zu bestrafen. Sie konnten sich nicht einzelne Medien herauspicken. Das war in dem Augenblick konsequent, was die Spieler getan haben.

Hätte man diesen Zustand dennoch früher beenden müssen, vielleicht nach, sagen wir mal, sieben bis zehn Tagen?

Es gab für die Mannschaft immer wieder diese Schlüsselerlebnisse, die das nicht zustande kommen ließen. Es gab schon früher einen Zeitpunkt, als man das beenden wollte. Plötzlich ging es aber um die Fraktion Brasilianer und die anderen. Eine halbe Seite darüber, in welche Gruppen sich die Spieler aufteilen, und nur ein paar Zeilen darüber, dass wir wieder ein Spiel gewonnen hatten, und das ziemlich souverän. Wir hatten eigentlich vor, an diesem Tag auf die Mannschaft zuzugehen und ihr zusagen: Es macht keinen Sinn, so weiter zu machen. Wir müssen auf die Medien zugehen und das beenden. Die Spieler haben gesagt: Worüber reden wir, guck Dir diese Geschichte an.

Welche waren für Sie die schönsten und schwersten Augenblicke in den vergangenen zwölf Monaten?

Der schwerste Augenblick war für mich das Tor in Sevilla. Das habe ich heute noch genau in Erinnerung, da ich auch genau in der Blickrichtung saß. Dieser Moment verfolgt mich noch heute. In der gleichen Blickrichtung saß ich bei dem Tor von Kobi gegen die Bayern. Der Treffer in Sevilla aber war ein schwerer Moment für mich und die ganze Mannschaft. Es begann schon im Hinspiel, als nicht alle bedingungslos hinter uns standen und es nur darum ging, ob Lincoln und Kuranyi spielen würden. Auch die Atmosphäre in der Arena war etwas eigenartig. Das war ein Augenblick, da dachte ich: Moment, was passiert hier eigentlich? Wie kann man sich auf solche Nebensächlichkeiten konzentrieren, wenn es hier um etwas ganz wichtiges geht? Wir stehen hier im Halbfinale des UEFA-Cups, haben die Chance, ins Finale einzuziehen und alle interessiert nur noch, ob Kuranyi und Lincoln spielen. Das habe ich absolut nicht verstanden, das habe ich auch den Fans sehr deutlich gesagt.

Welchen Einfluss die Fans auf Schalke haben, hat man dann am 5. November, oder besser in den Tagen zuvor, gesehen, oder?

Die Situation vor dem Bayern-Spiel war für die weitere Entwicklung in dieser Hinserie äußerst wichtig. Dabei vor allem der offene Brief, den die Fans an uns geschrieben haben. Den habe ich der Mannschaft komplett vorgelesen. Da ist ein Prozess in Gang gesetzt worden, der bei den Spielern etwas freigesetzt hat. Es war vielleicht wirklich etwas leidenschaftslos, was sie in der Zeit gezeigt haben. Es musste jedem klar werden, dass es so nicht geht, dass wir nicht leidenschaftslos sind und man hier gerne zur täglichen Arbeit geht. Der Moment nach dem Tor durch Kobi zum 2:0 war dann ein Schlüsselerlebnis für alle Beteiligten, da ging ein Ruck durch die Mannschaft und auch uns im Trainer- und Betreuerstab. Das war Aufbruchstimmung pur und sicher der schönste Moment in dem zurückliegenden Jahr, in dem es für mich auch schlaflose Nächte gab: Zum Beispiel nach dem Aus in Köln oder vor dem Spiel gegen München war es nicht leicht.

Was würden Sie als Ihren größten Fehler in dieser Zeit sehen?

Dass ich in einer Pressekonferenz im November gesagt habe, dass ich nur mit den Medien reden würde, weil es in meinem Vertrag steht. Das war unglaublicher Quatsch. Denn erstens gibt es durchaus angenehme Gespräche mit Journalisten. Und zweitens steht so etwas gar nicht in meinem Vertrag. In dem Moment war ich aber sehr angespannt durch die ganzen Vorfälle, die sich in diesen Tagen abgespielt haben, dass ich nicht eben souverän reagiert habe.

Ein drittes Thema, das möglicherweise noch nicht endgültig behandelt ist, trägt den Namen Frank Rost. Wie beurteilen Sie seinen jetzigen Status Quo?

Klar ist das für ihn eine extrem schwierige Situation. Er hängt mit dem Herzen an Schalke 04, ist aber logischerweise unglaublich damit unzufrieden, dass er auf der Bank sitzt. Ich werde aber den Teufel tun zu sagen, Frank du kannst gehen. Es kann so viel passieren im Fußball, und zwar ganz schnell. Wir brauchen zwei gute Torhüter, um unsere Ziele zu erreichen.

Wie können Sie, ob mit Frank Rost oder nicht, die Mannschaft ab dem 4. Januar so optimal auf die Rückrunde vorbereiten, dass am 19. Mai 2007 das ganz große Ziel erreicht wird - die Deutsche Meisterschaft?

In erster Linie geht es darum, wie wir mit Spielern umgehen, die keine so glückliche Hinrunde absolviert haben. Zum Beispiel Sören Larsen, der unglaublich viel Verletzungspech hatte. Klar ist, dass wir einen sehr gut zusammengestellten Kader haben. Aber zuletzt war es so, dass wir nur drei Stürmer zur Verfügung hatten, weil zwei verletzt ausfielen. Da kannst du nicht nachlegen. Im Optimalfall hast du alle fünf fit und musst jede Woche neu überlegen, wen du von Anfang an bringst. Wir haben uns eine gute Ausgangsposition erarbeitet, aber darauf ausruhen dürfen wir uns keine Sekunde lang. Dafür ist die Konkurrenz viel zu stark.

Das Anfangsprogramm hat es in sich. In nur acht Tagen warten drei Spiele mit dem Duell bei Werder am Ende dieser Englischen Woche. Da bleibt kaum Zeit für Ihre Vertragsverlängerung, die man doch jetzt in der Winterpause hätte in Ruhe vollziehen können?

Das ist absolut nebensächlich. Wie eingangs erwähnt, spüre ich hier auf Schalke das totale Vertrauen der Verantwortlichen. Andy Müller und ich haben schon nach dem letzten Spiel der Hinrunde in Bielefeld damit begonnen, die Rückserie und auch die neue Saison gemeinsam zu planen. Ich denke, dass wir uns im irgendwann im Frühjahr unterhalten können, das ist früh genug. Wir haben eine gute Basis, daher denke ich, dass es irgendwann passieren wird. Wenn sie jetzt verlängert hätten und wir die ersten Spiele verlieren, sagen doch alle: Warum haben die so früh verlängert? Und wenn wir die Partien gewinnen, sagen sie: Warum haben Sie nicht schon längst verlängert.

Autor: hb

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