Vom Titan zum TV-Experten: Oliver Kahn wird am Samstag die Leistung der deutschen Nationalmannschaft im WM-Viertelfinale gegen Argentinien kritisch analysieren.

Kahns Einschätzung

"Gute Chancen gegen Argentinien"

sid
01. Juli 2010, 12:35 Uhr

Vom Titan zum TV-Experten: Oliver Kahn wird am Samstag die Leistung der deutschen Nationalmannschaft im WM-Viertelfinale gegen Argentinien kritisch analysieren.

Der dreimalige Welttorhüter und frühere DFB-Kapitän, der nach dem Sommermärchen vor 2006 seine Karriere im Nationaltrikot beendet hat, traut dem Team von Bundestrainer Joachim Löw auch gegen die Ansammlung von Superstars aus Südamerika eine weitere Überraschung zu.

"Ich sehe gute Chancen für unsere Mannschaft, gegen Argentinien zu gewinnen. Die Argentinier sind in der Defensive nicht so stark, sodass sich für unsere Spieler sicherlich Tormöglichkeiten ergeben werden. Dass es eine schwere Aufgabe wird, versteht sich aber von selbst", sagte Kahn im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (SID). Sollte sich Deutschland auch gegen die Gauchos durchsetzen, sei für die jungen deutsche Mannschaft in Südafrika "alles möglich".

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Sollte der Vize-Europameister gegen die Elf von Diego Maradona allerdings ausscheiden, ist nach Kahns Meinung "der Hype in Deutschland wieder ganz schnell vorbei". Doch der 86-malige Nationalspieler, der die bisherigen Leistungen der DFB-Auswahl als "grundsätzlich positiv" bewertet, kann sich vorstellen, dass der Höhenflug am Kap für Philipp Lahm und Co. auch gegen die Gauchos weitergeht.

"Im Turnierverlauf ist es für die deutsche Mannschaft bislang ein Vorteil, was man vor der WM als Nachteil ausgelegt hatte. Die Unerfahrenheit und vor allem die Unbekümmertheit der Mannschaft haben den Vorteil, dass man sich nicht so viele negative Gedanken macht. Die Vorstellung, dass etwas schieflaufen könnte, ist nicht vorhanden. Die Mannschaft muss diese Einstellung so lange es geht beibehalten", rät Kahn seinen Nachfolgern. Vergleiche zu 2002, als er die deutsche Mannschaft als Kapitän überraschend ins Endspiel gegen Brasilien (0:2) geführt hatte, lässt er aber nicht gelten.

[imgbox-left]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/017/939-18533_preview.jpeg Die früheren Rivalen Oliver Kahn und Jens Lehmann (Foto: firo).[/imgbox]"Ich bin kein Freund davon, Mannschaften miteinander zu vergleichen. Wir hatten 2002 zwar auch im Vorfeld des Turniers einige verletzte Spieler, die absagen mussten, aber dann in Südkorea und Japan eine sehr erfahrene Mannschaft. Uns hatte man im Vorfeld nicht so viel zugetraut, aber wir haben es dann geschafft, uns auch dank vieler deutscher Tugenden bis ins Finale zu kämpfen. Spielerisch waren wir nicht so stark wie die heutige Mannschaft."

Dass die aktuelle DFB-Auswahl von den ausländischen Einflüssen profitiert sei zwar nicht von der Hand zu weisen, das Thema Multi-Kulti wird Kahn aber zu hoch gehängt: "Das würde ich nicht überbewerten. In erster Linie kommt es immer noch auf die Qualität der Spieler an. Derzeit haben wir qualitativ viele gute Spieler, die für die Zukunft noch einiges versprechen."

Die deutsche Mannschaft sei zudem ein gutes Beispiel für die aktuelle Entwicklung im Fußball, die bei der WM deutlich werde: "Der klassische Superstar hat es immer schwerer. Entweder man funktioniert als Team, als Kollektiv, oder man hat keine Chance. Superstars, die sich nicht einordnen können, werden ganz schnell ersetzt. Keine Mannschaft kann sich es mehr erlauben, von den Launen eines Spielers abhängig zu sein. Der Star ist das Team ist der Leitsatz vieler Trainer."

Dass er zwei Jahre nach dem Ende seiner Profikarriere in Südafrika den Fußball aus einem anderen Blickwinkel betrachten kann, ist für Oliver Kahn eine sehr positive Erfahrung: "Es macht sehr viel Spaß, den Fußball analytisch zu betrachten. Dabei bedarf es für jedes Spiel einer guten Vorbereitung. Ich muss mich mit dem Spielsystem, der Taktik, den besonderen Eigenschaften und Vorstellungen der jeweiligen Trainer beschäftigen, das ist eine Herausforderung", berichtete der langjährige Bayern-Spielführer, dem seine aktive Vergangenheit bei seiner neuen Aufgabe zugute kommt: "Dass ich als Kapitän immer schon einen guten Draht zu meinen Trainern hatte und mit ihnen auch viel über taktische Dinge gesprochen habe, kommt mir bei dieser Aufgabe zugute. Ich kann mich in viele Trainer gut hineinversetzen."

Autor: sid

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