Wattenscheid 09

Mentaltrainer hilft Sancaktar

Hendrik Niebuhr
18. Dezember 2015, 09:37 Uhr
Foto: Tillmann

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Seit diesem Sommer hütet Edin Sancaktar das Tor der SG Wattenscheid 09. Der 24-Jährige hat sich schnell zu einem sicheren Rückhalt und zu einem der besten Torhüter der Liga entwickelt.

Vom Goslarer SC fand Sancaktar vor dieser Saison den Weg an die Lohrheide und hat seitdem gehörigen Anteil am Aufschwung der Bochumer, die beeindruckende 32 Punkte in der Hinserie sammelten. Dabei strahlt der gebürtige Ratinger vor allem eine Gelassenheit und Souveränität aus, die sich auch auf den Rest der Mannschaft überträgt. Um diese zu erreichen, geht Sancaktar einen nicht alltäglichen Weg: Gemeinsam mit Mentaltrainer Ilias Moschos arbeitet er an seiner mentalen Stärke. RevierSport hat sich mit dem 48-Jährigen über seine Arbeit unterhalten.

Herr Moschos, wie hat man sich die Arbeit als Mentaltrainer vorzustellen?
Der Begriff „Mentaltrainer“ ist weitläufig. Ich sehe mich als Verhaltens- und Kommunikationstrainer, der Menschen bei ihrer Entwicklung begleiten darf. Ein Puzzleteil davon ist das Mentaltraining. Meine Arbeit zielt unter anderem darauf ab, dass der Akteur in Stresssituationen einen kühlen Kopf bewahrt und die erforderliche Leistung abruft.

Was unterscheidet die Arbeit mit einem Torhüter von der mit einem Feldspieler?
Der Torwart ist der einzige Spieler, der im gesamten Spiel nichts zu tun haben kann, aber dennoch klitschnass vom Platz geht, weil er in der 89. Minute plötzlich gefordert ist. Ich war selbst früher Torhüter und habe unter anderem auch zwei Jahre als Stützpunkttrainer gearbeitet, weshalb ich die spezielle Spezies des Torhüters sehr gut nachempfinden kann.

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Woran können Sie in der Arbeit mit den Akteuren denn ansetzen?
Für einen Torwart ist es besonders wichtig, dass er die ganzen 90 Minuten die Konzentration auf einem hohen Level halten kann. Im Training geht es vor allem um Stressmanagement, um Atemtechniken oder Visualisierungsübungen über die eigene Vorstellungskraft. Es ist wichtig, bestimmte mögliche Szenarien im Vorfeld schon einzustudieren und im Kopf durchzugehen. Profisportler visualisieren vorab Bewegungsabläufe, um sie anschließend im entscheidenden Moment optimal umsetzen zu können.

Auf den Fußball bezogen wäre das Elfmeterschießen ein klassisches Beispiel?
Genau.

Wie oft finden solche Gespräche mit den Akteuren statt? In der Regel ist alle zwei bis vier Wochen ein normaler Zeitraum. Aber das entscheidet der Klient und es ist natürlich auch denkbar, dass der Torhüter nach einem Spiel nochmal die eine oder andere Situation nachsprechen möchte.

Wie viele Sportler unterstützen Sie, oder richtet sich Ihre Arbeit ausschließlich auf den Fußball?
Nein, ich arbeite beispielsweise auch mit Kampfsportlern aus dem Bereich Mixed Martial Arts und Boxen zusammen. Beim Fußball habe ich derzeit sowohl Torhüter als auch Feldspieler, die ich begleite. Allerdings sehe ich mich als jemand, der keine Positionen oder Jobs begleitet, sondern Menschen.

Vor einigen Tagen hat Augsburgs Keeper Marvin Hitz, der den Elfmeterpunkt so bearbeitete, dass Anthony Modeste letztlich ausrutschte und verschoss, für viel Aufsehen gesorgt. Sind Sie ein Freund von derlei Psychospielchen?
Es ist ein tolles Beispiel dafür, wie die Verunsicherung beim Spieler angetrieben wird. Der Schütze hat sich davon anstecken lassen und so ging der Plan des Torhüters auf. Ich würde mich nicht als Freund bezeichnen, aber letztlich ist entscheidend, ob etwas funktioniert oder nicht und der Spieler dabei keinen Schaden nimmt. Mentaltraining hätte hier dem Schützen eventuell helfen können (grins).

Kommen wir nochmal zu Ihrem Schützling Edin Sancaktar. Ist es normal, dass ein Spieler schon in solch einem jungen Alter auf die Idee kommt, einen Mentaltrainer aufzusuchen?
Unsere Arbeit läuft mittlerweile seit drei Jahren. In dieser Hinsicht ist Edin vorbildlich und besitzt einen Reifegrad, den man bei vielen älteren Menschen vergeblich sucht. Er ordnet alles dem Erfolg unter und ist sehr fokussiert. Zudem ist er extrem diszipliniert, ein Ernährungsexperte und achtet auch genau auf seine Schlafgewohnheiten. Die Arbeit mit ihm bereitet viel Freude und ich wünsche ihm für den weiteren Verlauf seiner Karriere das Beste. Von seinem Kaliber kenne ich nicht viele, lediglich die Kampfsportler haben eine ähnliche Disziplin. Ich bin mir sicher, dass die vierte Liga für ihn eine Durchgangsstation ist und er als Torhüter noch sehr viel erreichen kann!

Autor: Hendrik Niebuhr

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