26.04.2007

Angedachte NRW-Liga bringt Amateur-Gemüter in Wallung

"Nordrhein ist wie Ausland"

Der Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen wagte einen revolutionären Vorstoß, stellte eine mögliche NRW-Liga, also eine Verschmelzung der Oberliga Westfalen und Nordrhein, zur Probe-Abstimmung vor. Von 22 eingeladenen Vereins-Vertretern (vierte und fünfte Klasse), dazu Amateur-Manager Heinz Keppmann von Regionalliga-Club Borussia Dortmund II, hoben neun die Hand zum "Ja", 13 Kontra-Meinungen wurden registriert. Hermann Korfmacher, FLVW-Präsident:

"Das Präsidium wird darüber entscheiden." Das Argument, eine NRW-Gruppe würde "wirtschaftliche Vorteile" bringen, wird unter anderem von Stefan Beermann (SG Wattenscheid) stark angezweifelt: "Ich habe das Mal hochgerechnet: Momentan bekommt jeder Oberligist 17.000 Euro TV-Honorar. Wenn ein Unternehmen die komplette Liga sponsert, müsste das also in einem Gesamt-Volumen von 250.000 Euro passieren, damit jeder Club etwa auf die Summe kommt, die er momentan vom Fernsehen erhält. Ich glaube nicht, dass sich ein General-Sponsor findet." RevierSport hat Stimmen und Meinungen zum Thema NRW-Liga zusammengetragen.

Theo Schneider (Trainer Borussia Dortmund II): "Ich finde die Idee einer NRW-Staffel nicht schlecht und bin der Meinung, dass die Leistungsdichte dadurch noch weiter ansteigen würde."

Stefan Beermann (Vorstands-Mitglied Wattenscheid 09): "Herr Korfmacher hat kein einziges schlagkräftiges Argument geliefert, bei dem man sagen könnte: Ja, da hat er Recht. So, wie sich die Oberliga Westfalen momentan darstellt, sollte man sie auch weiterführen. Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass ein Großsponsor sich bereit erklärt, die NRW-Staffel zu präsentieren. Mit TV-Präsenz wäre das sicher anders, aber man darf nicht vergessen, dass künftig die neue dritte Bundesliga und die Regionalligen einer möglichen NRW-Liga vorgestellt sind.

Und bis die Öffentlichkeit den Namen eines Präsentators, der dann über RevierSport und die Tageszeitungen tranportiert würde, wahrgenommen hätte, wäre der Sponsoring-Vertrag bestimmt schon abgelaufen. Was mir überhaupt nicht gefällt, ist die Konstellation bei der Qualifikation. Die ersten vier steigen in die Regionalliga auf, die Plätze fünf bis elf qualifizieren sich für die angedachte NRW-Liga, der 13. würde in die Verbandsliga eingruppiert, also somit gleich zwei Klassen absteigen. Das kann es wirklich nicht sein. Im Hinblick auf das Zuschauer-Interesse bin ich zudem der Ansicht, dass die Resonanz abnehmen würde. Spiele gegen Straelen und Kleve interessieren hier überhaupt nicht. Der Nordrhein ist für die Fans in Westfalen vom Empfinden fast so weit weg, wie Sachsen. Das ist ja fast Ausland. Richtige Knaller gibt es da auch nicht, wenn RWO aufsteigt, ist das Zugpferd weg. Ein Traditions-Verein, wie der ETB Schwarz-Weiß Essen, bringt nichts mit. Also ist das total unattraktiv. Aus dem Bauch heraus habe ich dagegen gestimmt."

Manfred Christel (Trainer RW Ahlen II): "Wenn wir in dieser angedachten Einteilung gegen den KFC Uerdingen antreten würden, hätte das bestimmt keinerlei Lokal-Charakter. Wir sind in der Oberliga Westfalen bestens aufgehoben. Spiele gegen Münster und Hamm sind interessant, auch wenn die beiden Clubs das sicherlich anders sehen, weil wir eben nur eine Reserve-Mannschaft sind. Wenn man die Unterteilung von Westfalen und Nordrhein aufhebt, dann ist meiner Ansicht nach der Reiz komplett weg. Grundsätzlich kratzen alle Clubs an den Etats, eine NRW-Gruppe würde größeren Aufwand bedeuten, man müsste beispielsweise mehr Fahrtkosten investieren. Das macht doch gar keinen Sinn. Letztlich kommt man wieder zum Thema Geld und ist automatisch an einem Punkt, zu dem die gesamte Gesellschaft hindriftet. Der Spaß bleibt auf der Strecke. Das darf nicht passieren."

Horst Darmstädter (Fußball-Abteilungsleiter VfB Hüls): "Bei dem Meeting in Kaiserau wurde eine Tabelle dargestellt, wer nach aktuellem Stand alles in einer NRW-Liga teilnehmen würde. Schermbeck wäre als momentaner Verbandsliga-Spitzenreiter dabei. Angenommen, wir würden am Saisonende absteigen und in der darauffolgenden Saison Meister in der Verbandsliga werden, wären wir in der NRW-Liga vertreten. Damit hätte man quasi eine Klasse übersprungen. Ich habe gegen dieses Modell gestimmt und bin der Meinung, dass es der falsche Ansatz ist. Wo soll sich die NRW-Klasse den besser vermarkten lassen? Man müsste an ganz anderen Punkten ansetzen, zum Beispiel da, dass von Freitag bis Montag die Profis spielen. Dadurch entzieht man dem Amateur-Sport immer mehr den Nährboden, TV-Gelder gibt es künftig nur noch bis zur dritten Liga, nicht aber mehr für uns. Nach und nach wird der Amateursport kaputt gebaut."

Ulrich Rolfing (Geschäftsführer Hammer SpVg.): "Aus gesamtsportlicher Sicht ist die Zusammenlegung der beiden bisherigen Ligen vielleicht sinnvoll, aber wirtschaftlich in meinen Augen nicht. Wir sind daher für den Erhalt der Oberliga Westfalen, denn was soll es uns bringen, wenn wir gegen Aachen II oder Speldorf spielen? Die Vereine kennt in Westfalen keiner und auf uns würden nur mehr Fahrkosten zukommen. Für Vereine wie Verl oder Gütersloh, die ohnehin über einen höheren Etat verfügen als wir, mag das vielleicht interessant sein. Außerdem ist der FLVW der zweitstärkste Landesverband im DFB, daher hätte er eine eigen Oberliga verdient. Da Herr Korfmacher aber klar gesagt hat, dass letztendlich das Präsidium entscheidet, wird die NRW-Liga sicher kommen."
[imgbox-left]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/001/658-1679_preview.jpeg Schalkes Bodo Menze.[/imgbox]
Bodo Menze (Koordinator der Nachwuchsabteilung, Schalke 04): "Unser Ziel ist die Rückkehr in die Regionalliga. Im Sinne der Ausbildung unserer jungen Leute, die aus der A-Junioren kommen, wäre das die passende Umgebung, um sich an die Bedingungen im Senioren-Fußball zu gewöhnen. Daher hoffen wir, dass uns die Neustrukturierung der Oberliga nicht mehr betrifft. Aber eine Zusammenlegung der beiden bisherigen Staffeln in eine westdeutsche Oberliga, oder wie sie genannt wird, wäre aus meiner Sicht sinnvoll, um die sportliche Qualität anzuheben."

Klaus Niehörster (Manager Westfalia Rhynern): "Natürlich plädieren wir für den Erhalt der Oberliga Westfalen, denn das Konzept von einer zentralen Vermarktung der NRW-Liga halte ich für sehr fragwürdig. Wer soll das denn sein, der als Hauptsponsor eine neue Liga präsentiert? Wir dagegen würden bei einem Aufstieg in die Oberliga an zwei Stellen bestohlen: Erstens würden es eine Menge Derbys, wie zum Beispiel gegen Preußen Münster, nicht mehr geben. Außerdem fallen die bisher sicheren Fernsehgelder weg."

Frank Schulz (Trainer Westfalia Herne): "Im Endeffekt ist es doch so, dass wenn Herne gegen Velbert spielt, nicht ein Zuschauer mehr kommt. Was verspricht man sich davon? Westfalen hinkt dem Nordrhein finanziell sowieso hinterher. Der Kader müsste bei dem sportlich größeren Anreiz auch aufgestockt werden. Aber das ist vom Geld her nicht machbar. Fußball macht außerdem nur Spaß, wenn die Fans und Emotionen da sind. Auf der anderen Seite: Für Herne ist es aufgrund der geographischen Lage nicht ganz so schlimm, weil wir im Herzen des Reviers stehen. Man soll sich nicht gegen Neuerung wehren, aber die Vorteile müssen signifikant sein. Misstrauisch darf man sein, aber nicht grundsätzlich dagegen."

Peter Krobbach (Amateur- und Jugendkoordinator Arminia Bielefeld): "Der Verband hat für mich persönlich eindeutig plausibel gemacht, dass eine NRW-Liga viel besser vermarktet werden könnte, da sie sportlich interessanter als die Oberliga Westfalen ist. Unsere Kollegen aus Gütersloh haben mal ausgerechnet, dass sie für Auswärtsfahrten in der Liga pro Spiel im Schnitt 75 Euro mehr aufwenden müssten. Das kann es dann ja wohl nicht sein. Und die Zuschauer kommen immer dann, wenn sie gute Leistungen zu sehen bekommen."
Friedel König (Sportlicher Leiter FCE Rheine): "Die Gegenseite, also hauptsächlich der Verband, bringt ausschließlich sportliche Argumente. Spielstärke, mehr Aufsteiger und so weiter. Aber man zwingt uns, die echten Vereine, schon lange, auf unsere Wirtschaftlichkeit zu achten. Und die hat auch Vorrang. Denn was nutzt mir eine Spielstärke, wenn ich sie nicht bezahlen kann. Die Einführung der NRW-Gruppe bringt uns sicherlich ein Minus von rund 40.000 Euro. Die Fernsehgelder fallen weg, Lokalderbys auch, zudem steigt der Zeitaufwand. Ich habe nie gesagt, wie Herr Korfmacher behauptet, dass Schalke II oder Dortmund II mehr Zuschauer bringen als Emsdetten.

Schalke und Dortmund sind allerdings zugkräftiger, als Leverkusen und Mönchengladbach. Schalke hat einfach einen Namen, über den Leverkusen nicht verfügt. Bayer interessiert unsere Zuschauer überhaupt nicht. Wir haben gegen Emsdetten 1.500 Besucher, sonst 600. Es ist nicht das große Geld, aber es spielt in den Planungen eine Rolle. Ich habe geglaubt und gedacht, dass die Vereine Gewicht haben. Aber das scheint keine Rolle zu spielen. Die Abstimmung war Herrn Korfmacher eigentlich egal. Im Präsidium, das die Entscheidung fällen wird, sitzen nur die Befürworter. Die scheinen die Macht zu haben, es gegen eine Mehrheit durchzusetzen. Ich habe ihn gefragt, warum er sich persönlich derart engagiert und keine Antwort erhalten. In meinen Augen gibt es zwei Gründe: Entweder Herr Korfmacher ist von seinen Argumenten überzeugt. Oder vielleicht stecken persönliche Karrieregedanken dahinter. Ich hoffe aber, dass es Erstgenanntes ist."
Rainer Schmitt (Erster Vorsitzender SF Oestrich):
"Die NRW-Liga wird kommen, ob es uns passt oder nicht. In Iserlohn muss man sich jetzt entscheiden, ob wir zum elitären Kreis in der NRW-Oberliga zählen wollen oder nicht. Wenn wir es nicht schaffen und ins Niemandsland der Verbandsliga abstürzen, wird der Iserlohner Fußball im nächsten Jahrzehnt keine wesentliche Rolle mehr spielen."

Michael Klauß (Sportlicher Leiter VfB Speldorf): "Grundsätzlich kann eine Oberliga nur attraktiv werden, wenn die Reservemannschaft der Bundesligisten nicht mehr drin sind. Denn sie sind nicht die Talentschuppen, für die sie sich halten. Es sind Auffangbecken für Rekonvaleszenten oder andere Akteure, die man nicht unbedingt abgeben will. Wenn ich höre, dass die Zweitvertretungen aus dem Westen im Norden eingruppiert werden sollen, frage ich mich, wer so etwas entscheidet? Dann muss Gladbach II nach Hamburg II. Na herzlichen Glückwunsch. Da sind Leute am Werk, die richtig gute Ideen für den Amateurfußball haben. Ich kann mir bei solchen Vorschlägen den Sarkasmus nicht mehr ersparen. Es geht doch nur darum, die Schere zwischen den Proficlubs und Amateurvereinen so groß zu machen, dass Speldorf oder ETB Essen keine Chance mehr haben und die Reichen unter sich sind. Das hat mit Sport nicht mehr viel zu tun. Das sind amerikanische Züge, nur noch die Kohle zählt. Sportlich kann man hohe Hürden schaffen, aber nicht finanziell. Das hat den deutschen Fußball doch immer stark gemacht, dass ein Underdog oben mitmischen konnte. Diese Chance wird uns genommen."

Thomas Bungart (erster Vorsitzender VfB Homberg): "Dieser Einschnitt wird sich auch in der Kreisliga C widerspiegeln. Das Konzept ist in meinen Augen nicht richtig durchdacht. Es ist mit der heißen Nadel gestrickt. Die Landesverbände müssen in einer Nacht und Nebel-Aktion die Vorgaben des DFB umsetzen. Welche Auswirkungen diese Regelung für uns hat, kann ich noch nicht abschätzen, dafür gibt es zu viele Unbekannte. Denn was ist mit den Fernsehgeldern. Diese Verträge gelten erst einmal bis 2009. Aber die Reform soll jetzt schon durchgezogen werden. Das passt nicht. Wir sind aufgrund des nicht durchdachten Konzeptes erst einmal dagegen, auch wenn der sportliche Anreiz größer ist. Die Fahrtkosten spielen dabei keine Rolle, denn ob ich rund 100 Kilometer nach Düren fahre oder nach Westfalen, ist egal. Aber was ist mit den Verbandsligen: Westfalen hatte immer den Sonderstatus, dass sie zwei Verbandsliga haben. Den müssen sie dann aber aufgeben. Denn wenn es eine Oberliga gibt, können Nieder- Mittelrhein und Westfalen auch nur je einen Aufsteiger stellen."

Heinz Schneider (erster Vorsitzender TuRU Düsseldorf): "Ich habe da noch keine endgültige Meinung zu, da ich erst noch den Info-Abend abwarten möchte. Sportlich ist die neue Liga ein großer Vorteil, da alles gestrafft wird. Vom Zuschauerzuspruch her muss man sehen, wohin der Weg führen wird."
Joachim Hopp (Trainer WSV Borussia II): "Die Fahrerei wird das größte Problem sein. Die Westfalen haben ein paar Teams, die am Arsch der Welt liegen. Es ist nicht sinnvoll, wenn man zu einem Oberliga-Spiel zweieinhalb Stunden unterwegs ist."

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