Jörg Böhme und Frank Rost wollten Meister werden, Tomasz Waldoch und Ebbe Sand hatten offen die erneute Teilnahme an der Champions League anvisiert.

SCHALKE: Ernüchternde Bilanz einer völlig verkorksten Saison:

hb
09. Juni 2003, 17:29 Uhr

Jörg Böhme und Frank Rost wollten Meister werden, Tomasz Waldoch und Ebbe Sand hatten offen die erneute Teilnahme an der Champions League anvisiert.

Jörg Böhme und Frank Rost wollten Meister werden, Tomasz Waldoch und Ebbe Sand hatten offen die erneute Teilnahme an der Champions League anvisiert. Aussagen vom Sommer beziehungsweise Winter 2002, angriffslustig und selbstbewusst. Am Ende waren sie alle kleinlaut. „Ihr wart Spitze - wir diesmal nicht“ lautete die per Transparent an die Fans gerichtete Botschaft vor dem abschließenden Heimspiel gegen Bayern München. Zu dem Zeitpunkt hatte die Mannschaft längst sämtlichen Kredit bei ihren treuen Anhängern verspielt. Wie die Lemminge auf dem gemeinsamen Weg in den kollektiven Freitod waren sie wieder in die Arena gepilgert, voller Hoffnungen, nach den Erfolgen in den beiden Vorjahren weitere Freudenfeste feiern zu können. Ein naiver Glaube, den die Kicker mit Füßen traten.
Die Gründe, warum der FC Schalke seinen in den beiden Jahren zuvor erworbenen guten Ruf wieder verspielte und sich im nächsten Monat am zweifelhaften „Vergnügen“ UI-Cup teilhaben darf, sind vielfältig.
1. Die Trainer: Frank Neubarth wurde weder vom Umfeld noch von den Spielern richtig akzeptiert. Obwohl in der Bundesliga noch ohne Erfahrung, wurde der Ex-Bremer von Rudi Assauer mit einem gehörigen Vertrauens-Vorschuss ausgestattet. Als es nach dem sehr gelungenen Start plötzlich im Herbst nicht mehr lief und gerade der Heimkomplex seinen Anfang nahm, stärkte der Manager dem Coach demonstrativ den Rücken. Doch schon zu dem Zeitpunkt wurde augenscheinlich, dass Neubarth die Truppe nicht im Griff hatte. Der Ärger um Jörg Böhme, von Assauer letztlich zu einer Posse aufgebauscht, hatte interne Ursachen. In der Truppe herrschte keine Hierarchie, an allen Ecken und Enden bildeten sich kleine Nebenkriegs-Schauplätze mit fataler Wirkung. Neubarth zeigte sich hier als moderner Fußball-Lehrer, der seinen Profis viel Platz zum eigenverantwortlichen Handeln gewährte, ließ sich aber andererseits von Frank Rost beleidigen, ohne diesen aus der Elf zu werfen. Dazu degradierte er Führungsspieler wie Andreas Möller und Marc Wilmots zu austauschbaren Mitläufern. Als nach dem Ausscheiden in UEFA-Cup und DFB-Pokal der Mannschaft jedes Alibi genommen war und man im neuen Jahr zum Angriff auf die Spitzen-Positionen in der Liga blasen wollte, nahm das Desaster seinen Lauf. Nach dem 1:1 gegen 1860 München sah Rudi Assauer ein, dass es mit Frank Neubarth nicht mehr weiter gehen konnte. Der kühle Hanseat passte nicht auf Schalke, das Experiment war gescheitert, die Trennung erfolgte nach Meinung der Beobachter um einige Wochen zu spät.
Assauers Plan, es mit Marc Wilmots als Teamchef in den letzten acht Saisonspielen zu versuchen, war zwar vom Ansatz der Richtige, wurde aber ebenfalls nicht von Erfolg gekrönt. Der „Eurofighter“ brachte zwar etwas Schwung in den Laden und den Spielern den Spaß am Fußball zurück, doch das Ergebnis ist bekannt. Hier Neubarth, der Fachmann ohne Charisma und Händchen für die Strömungen innerhalb der Mannschaft, dort Wilmots, der Kumpeltyp ohne jede Erfahrung im Trainergeschäft: Beiden fehlte das Profil, den von Huub Stevens vorgezeichneten Weg erfolgreich fort zu führen.
2. Die Spieler: Nach der peinlichen Heim-Schlappe gegen Hannover wurde es Rudi Assauer schmerzlich bewusst: „Es waren nie die überragenden Einzelspieler, die die Stärke des FC Schalke ausgemacht haben. Es war die mannschaftliche Geschlossenheit, der Teamgeist.“ Von dem fehlte in der abgelaufenen Spielzeit jede Spur. Natürlich muss man fest stellen, dass Ebbe Sand, Emile Mpenza, Jörg Böhme und Andreas Möller nicht annähernd auf dem Niveau gespielt haben, mit dem sie in den beiden Jahren zuvor Vize-Meisterschaft und zwei Pokalsiege nach Gelsenkirchen holten. Doch Erfolg macht Zusammenhalt einfach, eine echte Einheit zeigt sich erst in schlechteren Zeiten. Das wurde in den vergangenen Monaten deutlich, als gerade auf dem Platz kein richtiges Team zu erkennen war. Keine Hierarchie, keine Führungskräfte, sondern eine Ansammlung ratloser Profis stolperte von einer Blamage in die nächste. Bezeichnend für den inneren Zustand der Truppe, dass ein Jörg Böhme, der noch im Winter dicht vor dem Rausschmiss stand, am Ende zur Leitfigur erkoren wurde.
3. Der Manager: Wie Trainer und Spieler zeigte sich auch Schalkes Manager in den zurück liegenden zwölf Monaten nicht von seiner besten Seite. Das Experiment, es mit einem jungen Trainer wie Frank Neubarth zu versuchen, hat er inzwischen als Fehler zugegeben. Im Theater um Jörg Böhme verzettelte sich Rudi Assauer noch mehr. Dass er einem Menschen in seinem Leben eine zweite Chance zugesteht, ist aller Ehren wert. Doch in den Fällen Böhme und auch Rost merkten die Spieler, dass sie sich im Grunde eine Menge erlauben können, ohne dass Assauer seine oft angedrohten Konsequenzen auch in die Tat umsetzt. Daran wird man den 59-Jährigen auch jetzt messen, wenn er den angekündigten Rauswurf von Spielern, die wegen Undiszipliniertheit oder Überheblichkeit dem Ansehen des Vereins schaden, nicht vollzieht. Rudi Assauer scheinen bei seinen vielfältigen Aufgaben, die er für den Gesamt-Konzern Schalke 04 zu erfüllen hat, etwas die Fäden aus der Hand zu gleiten. Diese wieder zum Wohle des Vereins wieder in den Griff zu bekommen, gehört nun zu seinen vordringlichsten Pflichten.
Heiko Buschmann

Aufsteiger
Da gibt es nur einen: Sergio Pinto schaffte nach vier Spielzeiten in der Oberliga und insgesamt acht Jahren im Verein den Durchbruch zum Profi. Aus der personellen Not geboren und zur Partie beim 1. FC Nürnberg vom neuen Schalker Teamchef in den Kader berufen, nutzte der Portugiese seine Chance sofort. Fortan war Pinto nicht mehr aus der ersten Elf weg zu denken, was Rudi Assauer mit einem neuen Profi-Vertrag bis 2006 belohnte. Den Sprung in die Bundesliga hätte man zuvor eher Mike Hanke zugetraut, doch der Torjäger konnte nur stellenweise seine Qualitäten andeuten.
Wäre er ab Ende März nicht bis zum Saisonende mit einem doppelten Bänderriss im Sprunggelenk ausgefallen, würde auch Christian Poulsen in diese Kategorie gehören. Der Däne rechtfertigte gleich die hohen Erwartungen, die man in seine Verpflichtung setzte. Noch jetzt darf man Rudi Assauer dazu gratulieren, dass er Poulsen dem Revier-Nachbarn Borussia Dortmund vor der Nase weg schnappte. Kein Aufsteiger, sondern eher der „Comebacker“ des Jahres, ist Sven Kmetsch. Kam der Ex-Hamburger wegen seiner anhaltenden Knie-Probleme in seinen ersten vier Jahren lediglich auf insgesamt 65 Einsätze, wurde er in dieser Saison öfters gebraucht, als es seine ramponierten Knochen vertrugen.

Absteiger
Hier wird die Liste länger. Den tiefsten Sturz erlebte Ebbe Sand. Der Top-Torjäger, in seinen ersten drei Jahren auf Schalke mit insgesamt 47 Treffern einer der Garanten für den stetig wachsenden Erfolg der Königsblauen, durchlief nun ein klassisches Formtief. Der Däne spielte schon eine unglückliche WM, stieg dann nicht richtig erholt aus einem viel zu kurzen Urlaub verspätet in die Sommer-Vorbereitung ein und war von Beginn an neben der Spur. Ob als einzige Spitze, im Duo mit Victor Agali oder Emile Mpenza oder im offensiven Mittelfeld, der Vize-Kapitän kam in der gesamten Spielzeit nur auf eine Hand voll brauchbarer Leistungen. Gleiches gilt für Andreas Möller, der nicht annähernd das Niveau der beiden vorherigen Spielzeiten erreichte und in der Rückrunde als Dauerverletzter einem wenig erfreulichen Karriere-Ende zusteuerte. Marc Wilmots befand sich zwar nach einer großartigen WM als Spieler auf dem absteigenden Ast, wurde aber mit seiner Beförderung zum Schalker Teamchef belohnt.

Problem
Nach der Vize-Meisterschaft und den beiden Pokalsiegen ist die Erwartungs-Haltung im Schalker Umfeld immens gestiegen. Ein Platz im internationalen Geschäft ist inzwischen Pflicht, in nächster Zukunft will man zu den ersten Drei in der Liga gehören. Mit dieser Vorgabe wurde die Mannschaft im abgelaufenen Spieljahr nicht fertig. Und auf den Rängen rumorte es bereits, als zum Abschluss der Hinrunde immerhin noch Platz vier zu Buche stand, man aber in den beiden Cup-Wettbewerben raus geflogen war. Weil vorherige Leistungsträger wie Ebbe Sand, Andreas Möller und Emile Mpenza weit unter ihren Möglichkeiten blieben und das Team als solches nicht existierte, folgte in der Rückserie der unglaubliche Absturz bis ins vordere Mittelfeld. Bei der Kohle, die in den vergangenen vier Jahren in die Truppe gesteckt wurde, wirkt ein Abschneiden wie zuletzt nur beschämend. Verantwortlich dafür waren natürlich auch die beiden fürs Sportliche Verantwortlichen. Frank Neubarth vermochte es nicht, in der mit Stars gespickten Truppe die Balance zu finden. Sein aus der Not der Situation geborener Nachfolger Marc Wilmots übernahm eine Ansammlung an Individualisten, weckte kurzzeitig so etwa Teamgeist, um dann ebenfalls zu scheitern.

Zukunft
Bis auf die scheidenden Andreas Möller und Marc Wilmots bleibt das Personal erst einmal zusammen. Auch ohne Neuzugänge besitzt dieser Kader schon die Klasse, um zu den ersten fünf Mannschaften in der Liga zu gehören. Von den bisher fünf Neuzugängen ist der Ex-Freiburger Levan Kobiashvili ein echter Anwärter auf einen Stammplatz. Ob der Georgier schon die Nachfolge eines Möller antreten kann, muss man abwarten. Jochen Seitz ist eine erste Alternative auf den Außen-Positionen, ist vor allem auf der rechten Außenbahn als Konkurrent für Gerald Asamoah vorstellbar. Ob die jungen Nachwuchs-Talente Simon Cziommer, Hamit Altintop und der Brasilianer Eduardo Alcides das Zeug für die Bundesliga haben, wird sich erst eigen. Dem Enscheder wie dem Wattenscheider ist der Sprung ins Schalker Team zuzutrauen.
Ein oder zwei Neue werden noch dazu kommen. Die wichtigste Personalie aber bleibt nach wie vor der Trainer. Schalke hat sich nach der Absage von „Wunsch-Kandidat“ Felix Magath in den vergangenen acht Tagen schwer damit getan, einen geeigneten Mann für den vakanten Posten an der Seitenlinie zu finden. Dem künftigen Coach obliegt es, aus der Mannschaft wieder eine echte Einheit zu formen und dabei jeden einzelnen Spieler bis an seine Leistungsgrenze zu treiben.
Denn noch so ein verkorkstes Jahr wie das zurück liegende werden auch die treuen Fans nicht mehr mitmachen. Der „Strohhalm-Cup“ ist wirklich nicht der Anspruch des FC Schalke im dritten Jahrtausend. Allein schon aus finanziellen Gründen ist dauerhaft die Teilnahme am internationalen Wettbewerb ein Muss. Der Traum eines jeden S04-Anhängern, zum hundertjährigen Bestehen im nächsten Jahr endlich die Meisterschaft feiern zu dürfen, wird aber wohl nicht in Erfüllung gehen.

Autor: hb

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