Die 65 Busse auf dem Bochumer Kirmesplatz kommen von weit her: Aus Düren, Unna, Osnabrück - ja, sogar aus dem fernen Gelsenkirchen. Doch sie alle haben an diesem Donnerstagnachmittag das selbe Ziel: Lüttich, der stadtgewordene Traum vieler Bochumer Fans und erste Station im UEFA-Cup-Abenteuer ihres VfL.

4000 Bochumer Fans auf Europapokal-Erlebnisreise

gri
21. September 2004, 13:03 Uhr

Die 65 Busse auf dem Bochumer Kirmesplatz kommen von weit her: Aus Düren, Unna, Osnabrück - ja, sogar aus dem fernen Gelsenkirchen. Doch sie alle haben an diesem Donnerstagnachmittag das selbe Ziel: Lüttich, der stadtgewordene Traum vieler Bochumer Fans und erste Station im UEFA-Cup-Abenteuer ihres VfL.

Die 65 Busse auf dem Bochumer Kirmesplatz kommen von weit her: Aus Düren, Unna, Osnabrück - ja, sogar aus dem fernen Gelsenkirchen. Doch sie alle haben an diesem Donnerstagnachmittag das selbe Ziel: Lüttich, der stadtgewordene Traum vieler Bochumer Fans und erste Station im UEFA-Cup-Abenteuer ihres VfL.
Für 82 der über 4000 mitgereisten Anhänger beginnt das Abenteuer schon mit dem Fahrer: Willi, eine rheinische Frohnatur jenseits der 50 mit Hang zu kabarettistischen Einlagen. Kostprobe: "Auf den Autobahn-Schildern steht Liege, ist aber trotzdem nicht zum Schlafen." Auch in der Folge stellt er eindrucksvoll unter Beweis, warum es nicht zum Showmaster gereicht hat.

„Flugzeuge in der Bauchgegend“

Die Reisenden nehmen es mit Blick auf das große Ziel hin und lassen den Alleinunterhalter gewähren. So auch Stefan aus Lüdenscheid, der sich mit zwei Freunden auf die Fahrt nach Belgien gemacht hat. "Wir waren bei allen bisherigen Europapokal-Auftritten dabei und hoffen jetzt auf eine richtig geile Party." Dass das Sauerland nicht als typisches Einzugsgebiet für VfL-Fans gilt, stört die Kumpels aus dem Fan-Club "Dicke Ötten" nicht: "Um uns herum gibt es nur Dortmunder und Schalker, daher war die Ruhrgebiets-Meisterschaft eine besondere Genugtuung." Und bei dem damit verbundenen UEFA-Cup-Auftritt nehmen es die drei zähneknirschend hin, dass sie die Stadt Lüttich aufgrund der Sicherheits-Auflagen nicht besichtigen können: "Vor sieben Jahren in Brügge und Amsterdam war es auch nicht viel anders." Der Aufregung tut dies aber keinen Abbruch: "Jetzt vor dem Spiel kreiseln schon ein paar Flugzeuge in der Bauchgegend", gesteht Stefan.
Das könnte auch an Willi liegen, der sein Programm mit Musik von WDR 4 untermalt. Was auf Kaffeefahrten durchaus üblich ist, kommt bei Fußball-Fans nicht ganz so gut an.

Rheinische VfL-Leidenschaft

Auch nicht bei Franziska und Daniel. Die Geschwister aus dem Rheinland müssen aufgrund der Sicherheits-Vorkehrungen von Köln über Bochum in das Zentrum Walloniens fahren. Für ihre Leidenschaft ist der Journalistin und dem Juristen aber kein Weg zu weit. "Meine Sympathie für den VfL hat vor zwölf Jahren mit einem Spiel gegen die Bayern begonnen. Ein Freund hat mich mit in den Münchner Fan-Block geschleppt. Aber die Ostkurve fand ich viel beeindruckender", bekennt Daniel. "Und ich musste ihn immer zu den Spielen ins Ruhrgebiet chauffieren", fügt Franziska an, die sich gerne einspannen ließ.
Nach zwei Stunden Fahrt wird man von einer großen Abordnung begrüßt. Allerdings nicht von Offiziellen auf dem Lütticher Rathausplatz, sondern vom Bundesgrenzschutz auf dem Rastplatz Lichtenbusch kurz vor der belgischen Grenze. Die Flucht vor Willi und seiner One Man-Show gelingt niemandem, dafür sorgt schon der mitgereiste Ordner. Nachdem die VfL-Fans ihre Taschen vorschriftsmäßig im Gepäckraum verstaut haben, schlägt die große Stunde des Busfahrers. Mit seinem florierenden Bierverkauf bessert er seinen Lohn auf und lässt sich im Überschwang des schnellen Gewinnes überreden, die Musikrichtung zu ändern. Allerdings bringt der Wechsel von WDR 4 zu seiner privaten Oldie-Sammlung nur eine geringfügige Besserung.

Blau-weißes Meer

Nach einer weiteren Stunde Fahrt erreicht der Tross endlich die Stadt an der Maas. Die verschmutzten Straßen vermitteln nicht unbedingt den Eindruck, in einer touristischen Hochburg gelandet zu sein. "Das ist ja ein einziges Industriegebiet. Vielleicht war es doch nicht so schlecht, auf die Stadtrundfahrt zu verzichten", merkt Stefan süffisant an.
Am Stadion angekommen, erwartet die Anhänger ein Meer von blau-weiß gekleideten Menschen. Dementsprechend lange muss man auf die wohlverdiente Portion belgischer Fritten warten. Unter 20 Minuten lässt sich selbst für gekonnte Drängler mit dem direkten Zug zur Bedienung nichts machen. Nachdem diese Hürde genommen ist, wartet am Eingang zu den Tribünen die nächste Überraschung: Mit Essen und Getränken dürfen die Plätze nicht betreten werden. Das bisher erlebte Bild Lüttichs hätte problemlos in jeden Film über das Ruhrgebiet der sechziger Jahre gepasst. Aber das Verbot von Speisen auf den Rängen – das ist der erste gravierende Unterschied zwischen Belgien und Deutschland.

Rausch in der Hölle

Nachdem sich die Bochumer Anhänger von diesem Kultur-Schock erholt haben, werden sie von den Standard-Fans mit auf Bannern gepinselten Botschaften wie "Ultras Inferno" oder "Hell-Side" empfangen. Aber wie die Hölle mutet das Stadion Maurice Dufrasne nach der Fahrt mit Willi nicht mehr an. Vielleicht liegt es aber auch an den Gästen, die das Match beim achtmaligen belgischen Meister zu einem Heimspiel für ihr Team machen.
Für das einzige Rausch-Erlebnis während der Partie sorgen die defekten Lautsprecher-Boxen. Das 0:0 hat aber auch etwas Positives, da die extrem steilen Tribünen beim Torjubel wohl sonst für einige Abstürze gesorgt hätten.
Die Fans sind trotzdem zufrieden mit dem ersten Auswärts-Punkt im UEFA-Cup. "Ein 1:1 oder 2:2 wäre natürlich besser gewesen, aber so ist es auch in Ordnung", betont Franziska. Das sieht Willi wohl ähnlich. Nach dem Remis macht er das Geschäft seines Lebens, indem er mit seinem Pils-Stand auch die restlichen Busse versorgt.

Hoffnungsvolle Rückfahrt

Als die Bier-Nachfrage gegen 23 Uhr zurückgeht, macht sich die blau-weiße Karawane auf den Heimweg, voller Hoffnung auf zukünftige Europapokal-Highlights. Die Stimmung wird nur durch den Busfahrer getrübt, dessen Musikauswahl sich auch mit erhöhtem Alkohol-Konsum nicht leichter ertragen lässt. "Falls wir die nächste Runde erreichen, würde ich mir Schalke als Gegner wünschen – dann ist die Anreise nicht so weit", hofft Daniel. Dadurch bliebe den Fans ein baldiges Wiedersehen mit Willi erspart. Auch er und seine Kolegen haben dazu beigetragen, dass kein blau-weißer Anhänger den Auftritt in Lüttich so schnell vergessen wird. Franziska, Daniel, Stefan und all die anderen wollen trotzdem auch in der möglichen Gruppenphase wieder dabei sein. In der Hoffnung auf spannende Spiele, interessante Städte - und bessere Busfahrer.

Autor: gri

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