Lehmann Nummer eins im deutschen WM-Tor

bb
07. April 2006, 17:50 Uhr

Die Würfel sind gefallen: Jens Lehmann wird bei der WM in Deutschland die Nummer eins im deutschen Tor. "Das war die schwierigste Entscheidung meiner Amtszeit", sagte Bundestrainer Jürgen Klinsmann.

Herausforderer Jens Lehmann hat den Kampf um die Nummer eins im WM-Tor gegen Oliver Kahn gewonnen. Bundestrainer Jürgen Klinsmann teilte dem Kapitän des Rekordmeisters Bayern München die Entscheidung in der vieldiskutierten Torwartfrage am Freitagvormittag und 63 Tage vor dem Beginn der WM-Endrunde (9. Juni bis 9. Juli) in einem Vier-Augen-Gespräch mit.

"Dies war die schwierigste Entscheidung meiner Amtszeit. Natürlich ist Oliver enttäuscht, aber er hat sich als wahrer Sportsmann präsentiert. Nach dem Spiel gegen die USA haben wir die Entwicklung in den vergangenen 22 Monaten intensiv analysiert. Wir waren im August 2005 noch der Meinung, dass Olli die Nase vorne hat. Danach hat Jens immer mehr Boden gut gemacht. Und zum jetzigen Zeitpunkt haben wir den Jens einfach einen Tick vorne gesehen", erklärte Bundestrainer Jürgen Klinsmann auf einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz im Dorint-Sofitel in München.

Klinsmann sagte weiter, dass er direkt nach dem Gespräch mit Kahn dessen Kontrahenten informiert habe: "Nach dem Arsenal-Training habe ich ihn angerufen. Er hat sich sehr gefreut, unser Vertrauen bekommen zu haben." Lehmann zeigte sich durch die Entscheidung auch motiviert: "Ich freue mich, dass die Entscheidung zu meinen Gunsten ausgefallen ist. Ich werde mich jetzt noch mehr reinhängen als ohnehin schon, um den Anforderungen bei der WM gerecht zu werden und alles dransetzen, das Vertrauen des Trainerteams zu rechtfertigen." Dabei dachte Lehmann auch an seinen Konkurrenten: "Da ich selbst bei insgesamt vier WM- und EM-Turnieren auf der Bank gesessen habe, weiß ich, wie es in dem aussieht, der nicht spielt."

Kahn und Bayern sind enttäuscht

Der wie Lehmann ebenfalls 36 Jahre alte Kahn, seit 1998 die weitgehend unumstrittene Nummer eins, reagierte geschockt. "Ich bin über diese Entscheidung von Jürgen Klinsmann sehr überrascht und maßlos enttäuscht. Ich werde mich nun in den kommenden Wochen voll auf meine Aufgaben beim FC Bayern, in der Bundesliga und im DFB-Pokal konzentrieren. Über meine weitere Zukunft in der deutschen Nationalmannschaft werde ich mir in den kommenden Wochen Gedanken machen und mich zu gegebener Zeit dazu äußern", ließ Kahn durch den Verein mitteilen. Zudem hieß es in der Presseerklärung der Bayern: "Trainer und Vorstand halten diese Entscheidung für falsch, werden sie dennoch akzeptieren." Weitere Erklärungen werde es zunächst nicht geben.

Teammanager Oliver Bierhoff appellierte "an alle, diese Entscheidung zu respektieren und Jens Lehmann das nötige Vertrauen entgegen zu bringen. Die Torhüterfrage wurde in der Öffentlichkeit in den letzten Wochen stark diskutiert. Die Trainer haben sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht".

Schumacher glaubt an Kahn-Rücktritt

Kahn hatte sich am Mittag zu einer Unterredung mit der Vereinsführung in der Geschäftsstelle an der Säbener Straße getroffen. Anschließend ging er wortlos in die Kabine und nahm an der letzten Trainingseinheit der Bayern vor dem Spitzenspiel bei Werder Bremen am Samstag (15.30 Uhr/live bei Premiere) teil. Klinsmann wird der Begegnung beiwohnen.

Der ehemalige Nationaltorwart Toni Schumacher fühlte sich in seinen jüngsten Einschätzungen bestätigt. "Sportlich kann man mit dieser Entscheidung sicherlich keinen Fehler machen. Es gab bestimmt keinen Grund, Kahn rauszunehmen. Dass für Olli eine Welt zusammenbricht, ist doch klar. In diese Situation kann ich mich sehr gut reinversetzen. Und ich glaube dass er jetzt zurücktritt", sagte der Vizeweltmeister von 1982 und 1986.

Klinsmann zog Entscheidung vor

Am Donnerstag hatte Klinsmann am Rande eines Werbetermins überraschend angekündigt, er werde sich am Freitag mit seinem Stab zusammensetzen und die Torwart-Frage diskutieren. Eigentlich wollte der Bundestrainer seine Entscheidung erst Anfang Mai treffen. Der Bundestrainer reagierte mit seiner vorgezogenen Entscheidung auf die Forderungen der Bayern-Verantwortlichen.

Bereits nach seiner Amtsübernahme von seinem Vorgänger Rudi Völler hatte er dem Bayern-Torwart die Kapitänsbinde abgenommen und den Zweikampf um das deutsche Tor mit Lehmann ausgerufen. Trotz Verletzungsproblemen und Fehlern vor den Gegentoren im Bundesliga-Spiel gegen den 1. FC Köln (2:2) war Kahn weiterhin überzeugt, dass er die Nummer eins bleiben werde.

Kahn verlässt nach acht Jahren das deutsche Tor

Lehmann, der mit Arsenal London seit acht Champions-League-Spielen ohne Gegentreffer ist und damit einen Rekord aufstellte, hatte sich seinerseits stets selbstbewußt geäußert.

Für Kahn endet durch seine Zurückstufung in der Nationalelf seine knapp achtjährige Zeit als deutsche Nummer eins. Debütiert hatte er am 23. Juni 1995 beim 2:1 gegen die Schweiz. Seither nahm Kahn an drei Welt- und drei Europameisterschaften teil, als Nummer eins bei einer WM und bei zwei EM-Endrunden. 2002 hatte der 494-malige Bundesligaspieler maßgeblichen Anteil an der Vize-Weltmeisterschaft, im Finale gegen Brasilien leitete ein Patzer jedoch die 0:2-Niederlage ein.

Autor: bb

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