TSV Marl-Hüls III

Tatsächlich elf Freunde

10. September 2016, 08:07 Uhr

Foto: privat

„Elf Freunde müsst ihr sein, wenn ihr Siege wollt erringen“ – welch abgedroschener Satz.

Kunstprofessor Richard Girulatis gravierte ihn 1903 auf den Sockel der „Viktoria“, die gemeinhin als Vorgängerin der Meisterschale gilt. In unzähligen Kabinenansprachen im Amateurfußball schon rezitiert, verschwimmt die Kombination aus Motto, Fußball-Weisheit und platzfüllender Floskel zu einem gern überhörten Einschub einer jeden Motivationsrede. Der TSV Marl-Hüls III hingegen hat genauer hingehört.

Nun ist beim „dritten Anzug“ des Oberligisten auch nicht erst 2012 der Groschen gefallen, als sich Stefan Schwarze, Stefan Schild, Benjamin Hawel und Stefan Seumenicht zusammensetzten, um aus ihren allesamt kickenden Freunden ein Gebilde zu schaffen, das im Endeffekt nicht weniger sein sollte, als eine komplette Fußballmannschaft. Eine, in der Geld keine Tore schießt und auch den Alltag nicht bestimmt. Aber auch eine, die nunmehr zwei Aufstiege geschafft hat und aus der niedrigsten Klasse derweil in der Kreisliga A angekommen ist. Dort spielte vor zwei Jahren noch die zweite Mannschaft des TSV, die mittlerweile in die Bezirksliga aufgestiegen ist. Ein Vorhaben, das schon lange in den Köpfen der Gründer herumgeisterte.

80 Prozent der Spieler sind auch nach zwei Aufstiegen noch da
Als in der vergangenen Saison endlich der Sprung in die A-Liga geschafft war, blieb eines aus: „Normalerweise steigt man auf, holt neue, ausgebildete Spieler und vollzieht einen kleinen Umbruch“, weiß Stefan Seumenicht, der selbst lange Zeit für den TSV gespielt hat und wie seine Wegbegleiter diverse Spielzeiten auf dem Buckel hat.

Schief gewickelt: 80 Prozent der Spieler, die in der Premieren-Saison 2013/14, in der die Mannschaft den direkten Aufstieg schaffte, an den Start gegangen waren, gehören immer noch zum Kader. „Auch die, die die Füße falsch herum eingehakt haben“, sagt Seumenicht mit einem Augenzwinkern. Der 32-Jährige ist für alles Organisatorische rund um das Team verantwortlich, an der Seitenlinie unterstützt ihn Thorsten Jürgensmeier, der bereits in der Zweitvertretung des Oberligisten als „rechte Hand“ von Ex-Trainer Matthias Juszczak fungierte. „Die ersten beiden Jahre haben gezeigt, dass man den Jungs schlecht etwas erzählen kann, wenn man selbst mal einen schlechten Tag hat“, sagt Seumenicht.

Unsere Währung ist Bier
Stefan Seumenicht

Es scheint die perfekte Idylle zu sein: Im Schatten einer Oberliga-Mannschaft, die den Etat durch einen solventen Hauptsponsor nahezu mühelos stemmen kann und darüber hinaus noch beste Bedingungen für den kompletten Verein ermöglicht. Doch auch da täuscht das Bild ein wenig. Die „Dritte“ ist weitgehend auf sich allein gestellt. „Wir bekommen das Vertrauen vom Verein, möglichst viel in Eigenregie zu machen. Man lässt uns wirklich alle Freiheiten“, freut sich der Mitbegründer der Mannschaft. Sponsoren-Akquise, Training, Transfers – alles in Eigenregie. Ohne auch nur einen Cent zu zahlen. „Unsere Währung ist Bier“, kann sich Seumenicht ein schelmisches Grinsen nicht verkneifen.

Nach der Saison gibt es einen Umbruch
Doch keineswegs soll der Eindruck einer „Theken-Truppe“ entstehen. Denn schließlich ist das Projekt von Erfolg gekrönt. Mit einer zusätzlichen Senioren-Mannschaft in einer Liga, in der nicht mehr nur geholzt, sondern auch tatsächlich schon taktiert wird, haben die Hülser eine weiter Auffangstation für Jugendspieler geschaffen. Neben der zweiten Mannschaft, die eins höher unterwegs ist, können aus dem Unterbau des Vereins Spieler in der Kreisliga Erfahrung sammeln. Das wird in Zukunft ohnehin einfacher möglich sein: „Nach der Saison gibt es einen Umbruch“, weiß Seumenicht. Die privaten Anliegen der Spieler ändern sich schließlich rasant: „Wir könnten uns auch ‚Alte Herren II’ nennen“, sagt er mit einem Lachen.

Und so wird sich der 32-Jährige schon bald mit den Vereins-Funktionären an einen Tisch setzen und beraten, wie es mit der „Dritten“ weitergeht. „Ich kann mir vorstellen, dass welche aus der Mannschaft dazu bereit sind, alles weiterzuführen“, denkt er laut. Und hofft es. Denn an dem Team hängt nicht nur eine Menge Arbeit, sondern auch Herzblut. Schließlich hat er mit seinen Kollegen noch einmal das nach außen propagiert, was Kunstprofessor Richard Girulatis einst auf die „Viktoria“ gravierte.

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