BVB-Interview

Zorc: "Wir wollen weiter am Kader arbeiten"

Sebastian Weßling
13. Januar 2019, 14:49 Uhr

Foto: Getty

Michael Zorc will beim Bundesliga-Tabellenführer Borussia Dortmund die Zügel anziehen und warnt vor Zufriedenheit. Der Sportdirektor spricht über die BVB-Führung, den Trainer - und die M-Frage.

Ganz zufrieden ist Michael Zorc nicht, als er die Terrasse des Mannschaftshotels Gran Melia Don Pepe in Marbella betritt. „Setzen wir uns doch lieber nach dort drüben in die Sonne“, sagt der Sportdirektor von Borussia Dortmund. Für den 56-Jährigen scheint derzeit sehr oft die Sonne: Mit dem BVB steht er nach schwieriger Vorsaison auf Tabellenplatz eins, und gerade hat er Christian Pulisic für 64 Millionen Euro verkauft. Im Interview spricht Zorc über mögliche Nachfolger, die Qualitäten von Trainer Lucien Favre, Herausforderungen für die Rückrunde – und verrät, warum Spielerberater auch ein Segen sein können.

Herr Zorc, was machen Sie mit dem vielen Geld?
Wir haben ja noch einiges vor. Klar ist, dass Christians Abgang eine Lücke hinterlässt. Die gilt es bis zum Sommer zu schließen. Wir wollen noch weiter am Kader arbeiten. Und es ist immer gut, wenn man etwas Geld in der Hinterhand hat.

Es werden viele Namen gehandelt. Boca-Präsident Angelici hat offen darüber gesprochen, dass er mit Borussia Dortmund über den Innenverteidigers Leonardo Balerdi verhandelt.
Im Moment ist Manuel Akanji wegen seiner Hüftprobleme nicht einsetzbar. In den nächsten Tagen wird sich entscheiden, wie es weitergeht und wie lange er ausfällt. Natürlich kann es sein, dass wir nochmal reagieren, indem wir einen Transfer, der eigentlich für den Sommer geplant war, vorziehen. Aber das ist alles noch im Konjunktiv, das sind Überlegungen. Wir haben Abdou Diallo, der jetzt wieder voll im Training ist. Ömer Toprak ist fit und gesund. Julian Weigl hat das im Spiel gegen Gladbach sehr gut gemacht und trainiert hier fast ausschließlich auf der Innenverteidiger-Position. Dan-Axel Zagadou hat wieder große Umfänge des Trainings mitgemacht. Wir fallen nicht ins Bodenlose.

Ist Thorgan Hazard von Borussia Mönchengladbach ein Wunschkandidat?
Ich lese viele Namen in der Zeitung und wundere mich aktuell, was da schon alles besprochen worden sein soll. Wir werden immer mit Spielern in Verbindung gebracht, kommentieren all die Gerüchte aber nicht.

Ist denn aktuell bei möglichen Abgängen etwas in der Pipeline?
Der Transfermarkt ist ja noch bis Ende des Monats geöffnet. Es kann sein, dass noch etwas passiert. Das wäre dann aber auch eher Kader-Kosmetik. Wir haben nicht die absolute Notwendigkeit, jemanden zu verkaufen. Wenn es Sinn ergibt für alle Beteiligten, werden wir etwas umsetzen. Wenn nicht, dann bleibt eben alles so, wie es ist.

Das geht nicht ohne Gespräche mit Spielerberatern. Wie ist Ihr Verhältnis zur Branche?
Professionell. Du musst das einfach so nehmen, wie es ist. Es nutzt ja nichts, sich naiv eine andere Welt zu erträumen, die es einfach nicht gibt. Auch die jungen Spieler haben oft schon professionelle Berater. Manchmal ist das auch ein Glück, denn sonst wäre zum Beispiel ein Jadon Sancho nicht bei uns gelandet. Der kommt ja von Manchester City! Der Berater hat gesehen, was in Dortmund passiert, die ganz besondere Qualität unseres Klubs, die Nische, die wir uns erarbeitet haben. Auch von Berater-Seite spürt man einen gewissen Respekt vor dem, was wir bei Borussia Dortmund aufgebaut haben in den vergangenen Jahren.

Sie zahlen ja auch für Beraterdienste, der Geschäftsbericht weist da in der Regel mindestens achtstellige Summen aus.
Ja, das wird auch nicht weniger werden.


Sie selbst haben als sportlich Verantwortlicher des BVB inzwischen weit mehr als eine Milliarde Euro umgesetzt.
Ja, das habe ich auch gelesen. Da wird einem schwindelig, nicht wahr? (lacht) Aber ich mache das ja jetzt auch schon seit 20 Jahren. Es ist immer gut, wenn die Summen für die Verkäufe höher sind als für die Einkäufe. 

Neben Spielern wie Ousmane Dembélé mussten Sie auch Ihren Chefscout Sven Mislintat ziehen lassen. Was hat den Klub härter getroffen?
Es ist doch klar, dass es immer wieder personelle Veränderungen geben wird und die auch zu akzeptieren sind. Sven hat über viele Jahre hervorragende Arbeit bei uns geleistet. Ich bin sehr stolz darauf, dass wir diese Lücke aus den eigenen Reihen schließen konnten. Markus Pilawa ist seit geraumer Zeit in der Verantwortung und macht einen riesigen Job – wie er es auch schon gemacht hat, als Sven Mislintat noch da war.

Personelle Veränderungen gab es auch in der Führung, nämlich durch das Hinzukommen von Matthias Sammer als Berater und Sebastian Kehl als Leiter der Lizenzspieler-Abteilung. Welche Rolle spielt die berühmte Elefantenrunde für den aktuellen Erfolg?
Vieles von dem, was wir im Sommer umgesetzt haben, hat einen kleinen Beitrag dazu geleistet, dass wir aktuell erfolgreich sind. Aber wir haben gerade erstmal die Hinrunde gespielt, wir haben noch gar nichts gewonnen. Wir brauchen nicht jetzt schon das ganz große Fazit ziehen oder uns im Erreichten sonnen. Und man sollte uns alle nicht zu sehr überhöhen: Die Arbeit wird am Trainingsgelände in Brackel gemacht. Die Trainingsarbeit von Lucien Favre, das Zusammenspiel mit der Mannschaft, die Qualität der Mannschaft – all das ist top. Wir haben die Mentalität des Teams verändert. Ein Beispiel: Letztes Jahr haben wir 4:4 gegen Schalke gespielt, zuletzt haben wir 2:1 gewonnen. Dazwischen liegt etwa ein Jahr. Jetzt frage ich Sie: Auf wie vielen Positionen hat sich die Startelf geändert?

Puh, da müsste ich jetzt mal jede Position einzeln durchgehen. 
Ich gebe Ihnen genau eine Minute Zeit. (lacht)

Also, Roman Bürki, Lukas Piszczek…
Schon falsch! Beide waren verletzt. Es waren elf andere Spieler. Jadon Sancho saß beispielsweise nicht einmal auf der Bank. Elf andere Spieler – das zeigt natürlich deutlich die Veränderung, die die Mannschaft in sehr kurzer Zeit erlebt hat. Das ist natürlich ein extremes Beispiel, aber es zeigt, worum es geht. Wir haben die richtigen Schlüsse gezogen, unsere Konstellation ist hervorragend und wir sind gut aufgestellt. Aber die Arbeit mit dem Team macht der Trainer.

Wie kontrovers wird denn mit Kehl und Sammer diskutiert?
Sehr! Es hat ja keinen Sinn wenn du da so eine Ja-Sager-Runde hast. Die Entscheidungsprozesse sind jetzt vielleicht etwas anders, der Entscheidungsträger ist dennoch der gleiche: Am Ende muss ich im sportlichen Bereich eine Entscheidung treffen, weil ich die Verantwortung trage. Wenn es gut läuft, so wie jetzt, ist es schön, dann scheint die Sonne. Und wenn es anders ist, bekomme ich eben auf die Mütze. Wir haben ganz klare Abgrenzungen in den Kompetenzen. Das ist zwingend erforderlich, denn eine Basisdemokratie funktioniert im Fußball nicht.


Was werden die größten Herausforderungen in der Rückrunde?
Zum einen ist es wichtig, dass wir nicht so hart vom Verletzungspech getroffen werden. Wir haben jetzt schon mit Manuel Akanji einen Fall, bei dem wir schauen müssen, wo es genau hingeht. Und wir dürfen nichts aus dem ableiten, was wir bis jetzt erreicht haben, sondern daraus, wie wir es erreicht haben. Wir müssen uns immer wieder vergegenwärtigen, wie wir die Spiele gewonnen haben, wie wir trainiert haben, was wir getan haben. Wir dürfen nicht einfach denken: Wir sind Erster, haben ein paar Punkte Vorsprung und können hier und da mal ein paar Prozent weniger geben. Die Gier im positiven Sinne, die Gier auf Erfolg, müssen wir uns weiter erhalten!


Spüren Sie diese Haltung in der Mannschaft schon?
Das wird sich zum Leipzig-Spiel sicher noch steigern. Aktuell ist es so: Du guckst auf die Tabelle, Weihnachten kommt,dann Neujahr, du bist irgendwo im Urlaub und viele klopfen dir auf die Schultern. Wir müssen die Zügel jetzt wieder anziehen!

Es ist Aufgabe des Trainers, damit umzugehen. Wie bewerten Sie Lucien Favres Arbeit?
So, wie wir es uns erhofft haben, ist es eingetreten. Er ist extremst motiviert, an vielen kleinen Punkten zu arbeiten – und zwar nicht nur mit der Zielsetzung, Spiele zu gewinnen, sondern auch mit dem Ziel, jeden einzelnen Spieler zu verbessern, mit ihm an Kleinigkeiten zu arbeiten. Das Ganze ergibt dann in der Summe oft auch guten Fußball. Und darüber hinaus ist die Zusammenarbeit mit ihm ausgesprochen vertrauensvoll und gut, das passt.

Er gilt als etwa kauziger, detailversessener Typ. 
Natürlich arbeitet er da auch etwas spezieller als der eine oder andere seiner Vorgänger. Aber das macht es auch aus. Und ansonsten ist er in Dortmund sehr gut angekommen, das Ganze ergänzt sich sehr gut. 

Bleibt die Abschlussfrage: Am wievielten Spieltag steht Borussia Dortmund als Deutscher Meister fest?
Die Frage stellt sich mir nicht. Hans-Joachim Watzke hat doch schon gesagt, dass der FC Bayern München Favorit ist. Da folge ich ihm. Wir schauen immer nur auf die nächste Aufgabe. Alles andere macht einfach keinen Sinn. Für Träumereien bekommen wir keinen Sieg, keinen Punkt, nicht mal einen Einwurf!

Interview: Sebastian Weßling

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