3. Liga

SC Verl: Boss über Ziele, RWE und Vetternwirtschaft bei Transfers

27. Oktober 2020, 09:50 Uhr
Dieser Verler Einheit ist auch in der 3. Liga nur schwer zu besiegen. Foto: dpa

Dieser Verler Einheit ist auch in der 3. Liga nur schwer zu besiegen. Foto: dpa

Das Verler Märchen geht weiter: Auch in der 3. Liga schwimmt der Sportclub Verl auf einer Erfolgswelle. Nach sieben Spieltagen belegt der Aufsteiger Platz vier. RevierSport hat mit Boss und Präsident Raimund Bertels gesprochen.


Wer hätte das gedacht? Der SC Verl sorgt nach seinem überraschenden Aufstieg aus der Regionalliga auch in der 3. Liga für mächtig Furore. 13 Punkte nach sieben Spielen, so lautet die Bilanz der Ostwestfalen. Macht aktuell: Platz vier.

Interessant: Erfolgstrainer Guerino Capretti setzt auch eine Etage höher überwiegend auf seine Aufstiegshelden. Bis zu sieben Spieler aus der ehemaligen Regionalliga-Mannschaft stehen eigentlich auch in der 3. Liga stets in der Startelf. Mit Zlatko Janjic (sieben Spiele, fünf Tore, zwei Vorlagen) und Aygün Yildirim (sieben, vier, eine) stechen aktuell auch die beiden Spieler heraus, die schon in der Regionalliga West so oft den Unterschied zugunsten des SC Verls machten.

RevierSport hat mit Verls Boss und Präsident Raimund Bertels über die aktuelle Lage an der Poststraße und das Erfolgsrezept der Verler gesprochen - aber auch über die besondere Transferpolitik des Vereins.

Raimund Bertels, Hand aufs Herz: Hätten Sie sich solch einen Saisonstart in die 3. Liga erträumt?
Letztendlich weiß man nie, wo man steht. Unser Auftaktprogramm war auch nicht das Einfachste. Wir haben aber unseren Fußball durchgezogen und versucht, jeden Gegner zu bespielen. Wir verfolgen auch in Liga drei das selbe System wie in der Regionalliga. Da hat sich nichts geändert. Wir können auch auf jeden Gegner, jedes System reagieren. Da leisten das Trainerteam und die Mannschaft überragende Arbeit. Um zurück zu der Frage zu kommen: Natürlich kann man als Aufsteiger solch einen Start nicht erwarten. Aber mittlerweile glauben die Jungs auch an ihre Stärke und wollen einfach jedes Spiel gewinnen. Das werden wir auch in Zukunft weiter versuchen.

Was sagen Sie denn den Leuten, die meinen, dass der SC Verl den Durchmarsch in die 2. Bundesliga schaffen kann?

(lacht) Ganz ehrlich: die Tabelle interessiert uns gar nicht. Wir wollen einfach weiter attraktiv Fußball spielen und zu Weihnachten mal auf die Tabelle schauen. Dann können Sie mir gerne die Frage noch einmal stellen (lacht).

Sind es denn aktuell 13 Punkte für den Klassenerhalt oder wie ist das Ziel definiert?
Nein, es sind nicht 13 Punkte für den Klassenerhalt. Es ist einfach eine gute Ausbeute, die wir uns verdient haben. Wir blicken weder nach oben noch nach unten. Es sind einfach noch viel zu viele Spiele zu absolvieren. Mal schauen, wohin unser Weg führen wird.

Was ist denn das Erfolgsrezept des SC Verl?
Das ist kein Geheimnis: Wir ziehen einfach unser Ding durch. Egal, wie der Gegner heißt. Natürlich schwimmen wir seit einigen Monaten auf einer Erfolgswelle. Das kommt uns natürlich zugute. Ich hoffe, dass diese Welle noch lange Bestand hat. Es freut uns Verantwortliche einfach zu sehen, welch unglaubliche Energieleistungen die Mannschaft Woche für Woche, Spiel für Spiel verrichtet. Denn in der Regionalliga West war es so, dass wir gegen Rödinghausen und Rot-Weiss Essen 120 Prozent leisten mussten, um die Gegner zu bezwingen. In der 3. Liga ist dies Woche für Woche der Fall. Da gibt es, bei allem Respekt für die Regionalligisten, keine einfacheren Aufgaben. In Liga drei ist alles verdammt eng und jedes Spiel eine große Herausforderung, welches eine erneute Energieleistung voraussetzt, um es erfolgreich zu bestreiten. Und das gelingt uns einfach seit Wochen, Monaten sehr gut.

Wenn man sich den Verler Kader anschaut, dann stellt man fest, dass viele "No-Names" verpflichtet wurden. Bekommt der SC Verl keine gestandenen Drittligaspieler oder wollte/konnte der Klub solche Leute gar nicht verpflichten?

Ich verrate mal etwas: Im Sommer haben wir uns mit zwei, drei sehr guten Spielern unterhalten, die schon in der 2. und 3. Liga ihre Qualität nachgewiesen haben. Die Zahlen, die Statistiken haben für die Jungs gesprochen. Doch in den Kennenlern-Gesprächen haben wir jeweils nach zehn Minuten gemerkt, dass das nichts wird. Sie passen einfach nicht zu uns, zum SC Verl. Und das ist ein Beispiel, mit dem ich sagen will, dass wir wirklich zu 50 Prozent auf den Charakter schauen. Der Spieler kann so gut sein wie er will, wenn er charakterlich nicht passt, dann wird das nichts. Es gibt bei uns auch keine Vetternwirtschaft, wie bei anderen Vereinen. Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass oft Spieler verpflichtet werden, weil der Trainer bei der gleichen Berateragentur unter Vertrag steht oder ein Vorstandsmitglied mit dem und dem Berater gut kann. Salopp gesagt: Wir lassen uns von niemandem Spieler andrehen oder belabern. So etwas hat und wird es beim SC Verl nicht geben. Zumindest nicht, solange ich die sportliche Verantwortung habe. Hier geht es einfach um den Erfolg des Vereins und nicht darum, um irgendwelchen Leuten Gefälligkeiten zu tun. Mit unserem Kurs sind wir bis in die 3. Liga vorgestoßen. Das kann ja auch nicht die schlechteste Philosophie sein.

Robin Brüseke, Lars Ritzka, Mehmet Kurt, Zlatko Janjic, Aygün Yildirim, um nur einige Leistungsträger zu nennen: Haben Sie manchmal Sorge, dass diese Mannschaft zum Teil bald weggekauft wird oder sind Sie da tiefenentspannt?
Nein, tiefenentspannt kann man da nicht sein. Natürlich haben wir die Sorge, dass immer mehr Scouts nach Verl kommen und sich die Namen in ihren Notizbüchern dick notieren. Die Gefahr besteht, dass dann unser tolles Konstrukt zusammenbricht. Aber so ist der Fußball. Bis auf den FC Bayern München muss doch jeder Klub Sorge haben, dass seine besten Spieler irgendwann gehen. So ist es auch beim SC Verl. Wir haben aber tolle Scouts und Informationen über weitere hoch veranlagte Jungs. Da haben wir in den letzten Jahren immer ein glückliches Händchen bewiesen.

Verfolgen Sie eigentlich noch die Regionalliga West?
Natürlich. Nach so langer Zeit in der Regionalliga muss man sich erst daran gewöhnen, dass man im Videotext die Drittliga-Tabelle und nicht das Regionalliga-West-Tableau aufruft (lacht). Ich bin ja auch gebürtiger Lippstädter und interessiere mich auch für den SV Lippstadt. Aber natürlich auch für Vereine wie unseren Nachbarn SC Wiedenbrück oder den SV Rödinghausen. Mein Faible für Rot-Weiss Essen ist auch bekannt. Wir pflegen zu RWE und Marcus Uhlig ein sehr gutes Verhältnis. Ich weiß, dass RWE Tabellenerster ist und hoffe, dass wir uns im nächsten Jahr in der 3. Liga wieder sehen. Dann hätte der SC Verl zwei weitere tolle Begegnungen im Spielplan.

Oder Essen steigt auf und der SC Verl auch - in die 2. Bundesliga...
Kein Kommentar (lacht).

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Kommentieren

27.10.2020 - 19:30 - Oldschool

Auch wenn der Erfolg den Bauern recht gibt, sind die mir trotzdem unsympathisch.
Die haben sich als Verein letzte Saison unfair verhalten.
Ich erinnere an die Spielabsagen nach den Pokalsieger oder auch das Theater um die Karten für die RWE Fans.
Respekt vor der aktuellen Leistung, trotzdem bleibt es ein Verein, den keiner braucht

27.10.2020 - 11:52 - Außenverteidiger

Was hilft? Totale Offenlegung der Finanzen und fundierte Begründungen über jeden Ausgabeposten. Nur darin liegt die Begründung pro Verein und Mitgliederherrschaft. Alles andere ist besser über eine Kapitalgesellschaft abzuwickeln.

27.10.2020 - 11:50 - Außenverteidiger

Jetzt, wo man nicht mehr im Existenzkampf der Regio West gegeneinander antritt, kann man wieder bürgerlich über den SC Verl schreiben. Die menschliche Komponente kann man somit ablegen und es muss nicht asoz*al werden.

Finde den Kurs vernünftig und richtig. Nur über persönliche Gespräche, kann ein Schädling erkannt werden. Die Vetternwirtschaft ist wirklich ein großes Problem. Die Vereine machen immer einen auf demokratisch, aber die Mitglieder sind gar nicht fähig eine Entscheidung im Sinne des Vereins zu treffen. Ein inneres Problem, vieler Traditionsvereine. Dahinter steckt natürlich die elementare Schwäche Netzwerke und deren Strukturen erkennen und verstehen zu können.

27.10.2020 - 11:42 - RWEimRheingau

Ja das sehe ich auch so Cronenberger, der Verein hat wohl doch das gewisse Etwas, das man benötigt um auch als sogenannter no Name Club Erfolg zu haben. Ein sehr sympathisches Interview, ich wünsche dem Verein für die Zukunft alles Gute!

27.10.2020 - 10:32 - Cronenberger

Zu dieser Entwicklung kann man dem SC Verl nur gratulieren!
Unauffällig, ruhige Klubführung ohne Trara und Floskeln!
Ein eingespieltes Team, das die Euphorie vom Aufstieg genutzt hat und gezielt und gut verstärkt wurde!
Eine solide Haushaltsführung, gepaart mir kurztfristigen Erfolgen, die einen gewissen finanziellen Spielraum, selbst in der derzeitigen Coronakrise ermöglichen!
Dazu auch das Selbstbewußtsein, sich nicht verstecken zu müssen und gedanklich nicht mit dem Abstieg etwas zu tun haben zu wollen!
Besser kann eine Gemeinschaft als Klub und Verein, mit einem guten Vorstand und solidem Hintergrund nicht funktionieren!
... Und alles breit aufgestellt und nicht von irgendwelchen machthungrigen Geldgebern gesponsert ....