Ex-Schalker kickt nun in Australien

28.12.2018

Baumjohann

Ex-Schalker kickt nun in Australien

Lange her: Alexander Baumjohann im Sprintduell mit Marcel Schmelzer. Das Bild entstand beim Supercup 2011. Foto: Sebastian Konopka

Das Läuten im Telefon klingt so weit weg, als müsse der Ton den Weg in die Vergangenheit zurücklegen. Dann aber hebt Alexander Baumjohann in Sydney doch ab. Bei ihm ist es gerade 7.30 Uhr, der Mittelfeldspieler hat seine Töchter zur Schule gefahren.

Der Mann, der in der Bundesliga für Schalke 04, für Borussia Mönchengladbach, für Bayern München und für Hertha BSC spielte, muss gleich zum Training. Bei seinem neuen Klub, den Western Sydney Wanderers. Im Sommer war der 31-Jährige nach Australien in die A-League gewechselt, von der er sagt: „Das Niveau hier ist etwa auf dem Level der Zweiten Liga in Deutschland.“ Baumjohann sagt das ohne Arroganz. Er ist niemand, der sich in seine Vergangenheit zurückzieht wie auf einen Hochsitz und von dort verächtlich hinunterschaut auf die Gegenwart. 


Das hier, die fußballerische Zweitklassigkeit an einem zugegeben erstklassigen Ort, sieht der 31-Jährige als Chance. „Ich will hier nicht meine Karriere ausklingen lassen“, sagt er. „Ich habe den Anspruch, auf meinem besten Level zu spielen, und ich habe das Fußballspielen nicht verlernt.“ Alexander Baumjohann war einmal eines der größten deutschen Talente. Auf Schalke wurde der gebürtige Waltroper mit 17 zu den Profis hochgezogen, Manager Rudi Assauer nannte ihn voreilig den „neuen Michael Ballack“. 2008 schoss er, schon für Gladbach, ein Tor, das die Aufmerksamkeit der Branche auf ihn zog. Es war ein Dribbling über 60 Meter und an unzähligen Bremer Gegnern vorbei. Ein Tor des Monats, das ihn berühmt machte. Er war 21, wechselte wenig später zum FC Bayern. Nun sah es so aus, als könne er vielleicht hineinwachsen in diese großen Erwartungen. 

Zwei Kreuzbandrisse in Berlin

Zehn Jahre später erkennt niemand Alex Baumjohann in Sydney auf der Straße. Das Interesse am Fußball ist in Australien viel kleiner als in Europa. Von ganz oben 2008 nach Down Under 2018 ging es für Baumjohann. Aber er sagt: „Es war die absolut richtige Entscheidung.“ Die Gründe dafür klingen schlicht, jedoch nur aus der Perspektive desjenigen, der lediglich das Oben und nicht das Unten kennt. Baumjohann kennt das Unten gut. Erstens ist er jetzt gesund, was er selten war. Als er 2013 vom Zweitligisten Kaiserslautern zurück in die Bundesliga zu Hertha BSC wechselte, riss ihm im vierten Ligaspiel das Kreuzband. Er arbeitete sich zurück, aber das Kreuzband riss 2014 erneut. 

Nach dem schlimmen Schaden im Knie blieb er nur Ersatzmann, bis sein Vertrag 2017 auslief. Grund Nummer zwei ist sein Chef. Markus Babbel, in der Bundesliga zuletzt Trainer in Hoffenheim, holte Baumjohann zu den Wanderers und baute die Elf um den Spielmacher herum. „Mit ihm habe ich endlich einen Trainer, der auf mich setzt. Das war in den letzten Jahren nicht immer der Fall“, sagt Baumjohann. Als er 2009 zu den Bayern wechselte, fragte ihn am ersten Tag der damalige Trainer Louis van Gaal, wer er denn sei. Dessen Vorgänger, Jürgen Klinsmann, hatte ihn noch verpflichtet. Nach einem halben Jahr ging Baumjohann zurück zu seinem Ausbildungsverein Schalke 04, kam dort unter Felix Magath aber ebenfalls nicht zurecht. 

In Berlin kam er in vier Jahren nur auf 39 Pflichtspiele. Von dort ging es 2017 nach Brasilien. Doch da lief „alles schief“, sagt Baumjohann. Probleme mit dem Visum, ein Handbruch, ein Faserriss, ein Erstliga-Abstieg mit dem Coritiba FC, ein Wechsel zum EC Vitoria nach Salvador do Bahia, aber nur drei Einsätze. „Das Jahr hat gereicht“, sagt er. Baumjohann, der oft von vorn beginnen musste, brauchte den nächsten Neuanfang und fand ihn in einem Land, in dem er vorher nie war. 

Vertrag nur bis zum Sommer

Die Wanderers liegen zwar nur auf Platz acht von zehn Teams in der A-League. Aber für Baumjohann läuft es. Alle neun Pflichtspiele hat er bestritten, zwei Tore erzielt. Der Verein hat Perspektive. „Ich glaube, dass der Klub demnächst der führende in Australien sein wird“, sagt Baumjohann. Ein neues Stadion wird nächstes Jahr eröffnet, ein neues Trainingszen­trum auch. 

Ob Baumjohann selbst davon noch viel haben wird, ist ungewiss. Er hat absichtlich vorerst nur einen Vertrag bis Sommer unterschrieben. Australien ist für ihn kein fußballerisches Aussteigerland. Baumjohann sieht Sydney als Sprungbrett: „Man kann hier auf sich aufmerksam machen für Ligen, in denen das Niveau und die Bezahlung besser sind – wie in China oder Japan“, sagt er. Die Bundesliga sei zwar für ihn vorbei, aber seine Karriere nicht. „Ich will noch fünf, sechs Jahre spielen.“ Die zwei Jahre, die ihm die Kreuzbandrisse gestohlen haben, will er sich zurückholen. „Ich hatte Höhen, Tiefen und Pech in meiner Karriere“, bilanziert er, „und ich habe sicher auch den einen oder anderen Fehler gemacht. Aber wenn ich noch einmal von vorn beginnen dürfte, würde ich alles wieder so machen.“ Autor: Jörn Meyn

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