Die Gewalt in den unteren Fußballklassen eskaliert. Türkische Spieler stehen überproportional oft vorm Sportgericht. Dabei geht es wie so häufig um

"Ehrenfouls"

Wenn Gewalt in unteren Ligen angefacht wird

Silke Hoock (WAZ)
12. September 2009, 13:30 Uhr

Die Gewalt in den unteren Fußballklassen eskaliert. Türkische Spieler stehen überproportional oft vorm Sportgericht. Dabei geht es wie so häufig um "Ehre".

Erklärungsversuche von Psychologen und Funktionären: Oft entlädt sich der purer - auch sozialer - Frust auf dem Platz und auf den Rängen.

„Hurensohn”, „Kanaken-Sau”. Schon vor dem Anpfiff des Fußballspiels schleudern sie sich die Beleidigungen um die Ohren. Die Stimmung ist so aufgeladen, dass besorgte Spieler ihre Frauen und Kinder nach der Pause nach Hause schicken. In der 80. Minute, nach einer umstrittenen Schiedsrichterentscheidung, eskaliert das Ganze: Als ein türkischer Zuschauer auf den Platz stürmt, folgen ihm 60 Landsleute. Auftakt einer Massenschlägerei. Das Ergebnis: ein schwerverletzter deutscher Zuschauer mit Brüchen im Gesicht und viele andere Verletzte, deren Finger, Rippen, Jochbeine den Fußballschuhen nicht standhalten.

"Wir müssen lernen, uns zu beherrschen"

„Jeder Deutsche weiß, was er nicht zu uns sagen sollte. Niemand sollte unsere Mutter beleidigen. In unserer Gesellschaft ist die Mutter ein Heiligtum. Passiert sowas, rasten wir aus”, sagt Yxsel Tigil, Geschäftsführer des Türkischen Sportclubs Hamm, nach diesem Vorfall. Der Mann, der seine brutalen Kicker umgehend vom Spielbetrieb aus der Kreisliga C abmeldete und sich bei den verletzten Spielern des Kamener SC II und den Zuschauern entschuldigte, räumt ein: „Wir müssen lernen, uns zu beherrschen. So etwas darf nicht passieren.”

Im Fußball, so Tigil, entlade sich der Frust der türkischen Männer. Häufig seien die Spieler nicht richtig angekommen in der deutschen Gesellschaft. „Sie haben keine Ausbildung, keinen Job und fühlen sich benachteiligt.” Jede gelbe Karte empfänden sie als persönliche Beleidigung.

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Diese These bestätigt Psychologe Christian Lüdke: „Wer mit sich zufrieden ist, prügelt nicht.” Der Sport biete den Anlass, sich abzureagieren und eine gewisse Ohnmacht in Allmacht zu verwandeln. Lüdke wirft vielen türkischen Männern vor, gewaltbereit zu sein. „Sie kennen nur die primitive Form der Konfliktbewältigung. Das wird den jungen Männern von ihren Vätern beigebracht. Sie lernen sogar, wie man Frauen schlägt, ohne das es blaue Flecken gibt”, sagt Lüdke, der mit so genannten straffällig gewordenen Problemfamilien in ganz Deutschland arbeitet und dabei auch türkische Familien kennen gelernt hat. Sein Rat: in Bildung investieren.
Die Qualität der Aggression verändert sich

Dass Gewalt im Fußball ein Problem ist, haben die Verantwortlichen der unterklassigen Amateurligen längst erkannt. „Zwar hat die Zahl der Übergriffe nicht zugenommen. Dafür hat sich die Qualität verändert. Es ist brutaler geworden. Wie die Gesellschaft insgesamt”, sagt der Direktor des Fußball- und Leichtathletik-Verbandes Westfalen, Karsten Jaksch-Nink. Er räumt vorsichtig ein, dass es auch bei ethnischen Gruppen Probleme gebe.

Eindeutig dagegen fällt die Einschätzung von Rainer Lehmann, Geschäftsführer des Fußball- und Leichtathletikverbandes Niederrhein, aus: „Vielleicht haben wir zulange weggeschaut. Wir wissen, dass ethnische Konflikte auf dem Platz ausgetragen werden. Wir haben das nie offen ausgesprochen, sonst hätte man uns für ausländerfeindlich gehalten.” Der Amateur-Fußball sei ein Abbild der Gesellschaft, es herrsche eine gewisse Grundaggressivität. „Es kommt auch vor, dass sich Türken untereinander bekriegen. Also Aleviten gegen Kurden. Dann wird es ganz schwierig.”

Das Gewaltproblem aller Nationalitäten versuche man zu lösen, indem man Problemlotsen ausbilde. Diese besuchen die Vereine und zeigen auf, wie Fußball ohne Gewalt und Trickserei funktionieren kann.

„Wir sagen allen Spielern: Gewalt hat im Fußball nichts zu suchen”, erklärt Ulrich Jeromin, Problemlotse in Bochum. Er bedauert, dass sich Türken und auch Griechen zu zu schnell provozieren lassen. „Aber es hört doch kein Spieler darauf, wenn wir sagen: So etwas macht man nicht. Fakt ist: Türkische Spieler landen überproportional häufig vor den Sportgerichten”, stellt er klar.

Häufig bewusste Provokation

„Während deutsche Spieler eher nach rüden Fouls des Gegenspielers ausrasten”, erklärt Henning Schick, Referatsleiter für Ausländer-Integration beim niedersächsischen Fußballverband, „werden Migranten eher nach umstrittenen Schiedsrichter-Entscheidungen und Beleidigungen aggressiv.” Schick, der 4000 Platzverweise in der niedersächsischen Amateur-Liga und deren Ursache unter suchte, fand genau dieses Muster am häufigsten vor.

„Leider haben wir nicht selten feststellen müssen, dass sehr bewusst provoziert wurde, um diese Ausraster zu erzeugen.” Gerade Jungen aus dem türkischen Kulturkreis hätten ein sehr ausgeprägtes Familienverständnis und Ehrgefühl. Man erwarte von ihnen, solch ein Verhalten zu praktizieren. Laut Schick wird erwartet, dass auf Beleidigungen der Respektpersonen wie Mutter und Vater unmittelbar reagiert wird. Und das dann häufig nicht nur von dem Spieler direkt. Sondern auch vom zuschauenden Bruder oder einem Cousin.

Autor: Silke Hoock (WAZ)

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