Ein kalter Donnerstagabend im Dezember: Sturm, Regen, dicke Pfützen auf dem Sportplatz des SSV Hacheney. Da ohnehin nur acht Mann da sind dann die Nachricht: Das Training fällt aus, alle Mann ab in die Halle. So sieht er aus, der Alltag bei den einstigen Helden, nur ein halbes Jahr nachdem die Kameras aus dem Dortmunder Süden abgezogen sind.

Dortmund: "Die Helden der Kreisklasse" - Ein halbes Jahr nach dem Abzug der TV-Kameras

"Man kann wieder konzentrierter arbeiten"

Lukas Böhse
02. Januar 2007, 19:46 Uhr

Ein kalter Donnerstagabend im Dezember: Sturm, Regen, dicke Pfützen auf dem Sportplatz des SSV Hacheney. Da ohnehin nur acht Mann da sind dann die Nachricht: Das Training fällt aus, alle Mann ab in die Halle. So sieht er aus, der Alltag bei den einstigen Helden, nur ein halbes Jahr nachdem die Kameras aus dem Dortmunder Süden abgezogen sind.

Ein ähnliches Bild ergibt sich an den Heimspiel-Sonntagen: Dorthin, wo noch in der vergangenen Kreisliga-C-Saison Hunderte mit Manni Burgsmüller und seinen Kickern hofften und bangten, verirren sich heute gerade 30 Leute. An den Gegnern liegt das sicher nicht, die sind im Gegensatz sogar eine Spur "attraktiver" geworden.

Doch von den bundesweiten SSV-Sympathisanten, die mit Fanbussen kamen und die Wohngegend um den Sportplatz an der Hacheneyer Straße lahm legten, sind nur noch wenige geblieben. Geschäftsführer Uwe Kiegelmann kennt den Grund: "Die Leute wollen eben im Rampenlicht stehen."

Dieses Rampenlicht, es leuchtete zwei Jahre lang gleißend hell. Kaum ein Amateurfußball der Republik, der die Elf nicht aus dem TV kannte. "Wir sind zu einem Kultverein geworden", sagt der erste Vorsitzende Willy Völlinger. Live-Spiele im TV, Trainingseinheiten mit Bundesliga-Spielern, eine Freundschaftsspiel-Tour durch ganz Deutschland mit dem krönenden Abschluss gegen die tibetische Nationalmannschaft am Millerntor auf St. Pauli. "Das sind Erlebnisse, die einem niemand mehr nehmen kann", sagt Oliver Bartl, als Torwart hautnah bei diesem besonderen Kapitel der Vereinsgeschichte dabei. "Man vermisst es", bekennt Bartl, der beim Training mit aktuellen oder ehemaligen Bundesligastars wie Uli Stein und Roman Weidenfeller einen besonderen Einblick in die Welt des Profifußballs erhaschte.

Doch seitdem der Privatsender Kabel 1 den Entschluss fällte, nach zwei Staffeln die "Helden der Kreisklasse" einzustellen, ist die Normalität beim Kreisligisten wieder eingekehrt. Dass es irgendwann so weit sein würde, war den Dortmundern dabei bewusst. "Aber es wurden uns nie konkrete Gründe genannt", sagt Geschäftsführer Uwe Kiegelmann. Deshalb gebe man "insgeheim" die Hoffnung nicht auf, dass es doch noch einmal zu einer Neuauflage der "Helden"-Serie kommt - wann auch immer das sein wird. Dass Interesse sei in jedem Falle noch vorhanden. "Über unsere Internetseite kommen ständig Anfragen", sagt Kiegelmann.[imgbox-right]http://www.revierkick.de/include/images/gallery/img_thumb_224.jpg Einer der verbliebenen "Helden der Kreisklasse": Hacheneys Torwart Oliver Bartl, hier mit zwei Anhängern. Foto: revierkick.deTorwart Oliver Bartl [/imgbox]

Von Held auf Null - das kann mitunter ein tiefer Fall sein. "Es gibt gravierende Unterschiede zu der Fernseh-Zeit. Die Trainingsbeteiligung war viel höher und die Motivation eine andere", meint Hacheneys Trainer Dieter Weinand.

Dennoch: Rein sportlich betrachtet, präsentiert sich der Klub in einem prächtigen Gewand. Nach dem direkten Wiederaufstieg unter dem Motto "Eine Frage der Ehre", steht der SSV zur Saison-Halbzeit als Tabellenzweiter im Spitzenfeld der Kreisliga B. Vier Punkte beträgt in der Gruppe 2 derzeit der Rückstand auf den Spitzenreiter Hörder SC II. "Mit dieser Mannschaft ist die A-Liga möglich", glaubt Willy Völlinger.

Dass der ehemalige Profi-Boxer Weinand als Trainer derart erfolgreich arbeiten kann, ist eine Folgewirkung der Zusammenarbeit mit Kabel 1 und insbesondere Manni Burgsmüller. "Es haben sich viele Möglichkeiten ergeben", sagt Vereinsboss Völlinger. Burgsmüller sorgte als "Manager" für hochwertige Spielkleidung, organisierte Bälle und half, einen neuen Jugendraum zu finanzieren. "Naturalien", wie es Willy Völlinger nennt. Außerdem erhielt der Klub eine neue Flutlichtanlage. "Aber wir sind mit der ganzen Aktion nicht reich geworden, auch wenn das viele glauben", betont der Vorsitzende.

Der vorsichtige Kontakt mit dem Profi-Alltag hinterließ aber auch im sportlichen Bereich seine Spuren. "Ich zehre von dem, was Manni mir beigebracht hat", sagt Trainer Dieter Weinand. Er habe ihm ein neues Verständnis von Spielsystemen vermittelt, auf bestimmte Situationen könne er nun gezielt reagieren. "Außerdem ist eine echte Freundschaft entstanden. Wir telefonieren immer noch regelmäßig."

Das an Wimpeln aus der ganzen Republik reich geschmückte Vereinsheim erzählt die Helden-Geschichte noch weiter. Doch darüber hinaus gewinnt man den Eindruck, als wäre man nicht nur traurig über die Rückkehr in normale Verhältnisse. "Es war auch eine Menge Stress. Und in Dortmund gab es nur Neider, da wurde viel von außen hereingetragen", sagt Uwe Kiegelmann. Torwart Oliver Bartel sieht im "kamerafreien" Training sogar einen Vorteil. "Man kann wieder konzentrierter arbeiten", sagt er.
Und wer weiß: Vielleicht erwachsen ja in Hacheney auch ohne künstlichen erzeugten Kultstatus wieder neue Helden. Dafür muss das Team einfach nur den Fußball weiterspielen, den es bislang gezeigt hat. "Denn wenn die Mannschaft zusammen bleibt, muss die Kreisliga A nicht das Ende sein", sagt Dieter Weinand selbstbewusst.

Autor: Lukas Böhse

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