Kaum ein Verein erlebte ein solch turbulentes Jahr wie Galatasaray Mülheim. Der Klub hatte drei Vorsitzende, drei Trainer für die erste Mannschaft und musste eine vierstellige Summe an Ordnungsstrafen zahlen. Seit drei Wochen teilen sich die Brüder Turgut und Sahin Karadag den Chefposten des Klubs. Beide haben in diesen 21 Tagen schon kräftig aufgeräumt. Im Gespräch mit revierkick.de nahmen Sie Stellung zur Vereinspolitik.

Im Interview: Turgut und Sahin Karadag (neuer Vorstand Galatasaray Mülheim)

"Die Jugendlichen wären nicht zu kontrollieren"

aer
22. Dezember 2006, 19:53 Uhr

Kaum ein Verein erlebte ein solch turbulentes Jahr wie Galatasaray Mülheim. Der Klub hatte drei Vorsitzende, drei Trainer für die erste Mannschaft und musste eine vierstellige Summe an Ordnungsstrafen zahlen. Seit drei Wochen teilen sich die Brüder Turgut und Sahin Karadag den Chefposten des Klubs. Beide haben in diesen 21 Tagen schon kräftig aufgeräumt. Im Gespräch mit revierkick.de nahmen Sie Stellung zur Vereinspolitik.

Die Karadag-Brüder über...

... die erste Mannschaft: „Wir werden in der Winterpause versuchen, Verstärkungen für unsere erste Mannschaft zu holen, damit sie den Klassenerhalt in der Landesliga noch schafft. Außerdem hoffen wir, dass Kapitän Hakan Turna bleibt. Ihm liegt ein Angebot von TuRa 88 Duisburg vor. Hakan hat uns versprochen, zu bleiben – aber im Fußball ist alles möglich. Das Wichtigste ist aber nicht, ob wir Landes- oder Bezirksliga spielen. Wir wollen Undiszipliniertheiten vermeiden. Disziplin ist im Moment das Allerwichtigste für unseren Verein.“

... die zweite Mannschaft: „Der Rückstand in der Kreisliga A zu den rettenden Plätzen ist sehr groß, die Mannschaft geht in jedem Spiel unter. Wir werden einen neuen Trainer verpflichten, der fünf, sechs Mann mitbringt. Natürlich wissen wir, dass es sehr schwer ist, noch in der Liga zu bleiben.“

... die A-Jugend: „Wir haben eine sehr gute Mannschaft, die in der Leistungsklasse auf dem ersten Platz steht. Ahmed Günaydin ist ein hervorragender Trainer, der auch einige andere Angebote hat. Wir wollen unbedingt in die Niederrheinliga aufsteigen. Unser Trainer sucht schon Spieler für eine mögliche Aufstiegsrunde und hat unsere volle Unterstützung.“[infobox-right]Zu den Personen:

Turgut Karadag (32) ist selbstständig und leitet in Duisburg einen Elektronik-Großhandel. Er spielte in der Jugend bei der GSG Duisburg und Viktoria Buchholz, bevor er aus beruflichen Gründen die Schuhe an den Nagel hängte. Er hat einen deutschen Pass. Sein Bruder Sahin (36) hingegen ist noch türkischer Staatsbürger. Er arbeitet in Duisburg als Immobilienmakler. Beide sind Galatasaray-Istanbul-Fans vom Scheitel bis zur Sohle.[/infobox]

... die Steuerschulden: „Es hat sich niemand um den Posten des Vorsitzenden gerissen, weil keiner weiß, wie viel wir bezahlen müssen. Im Januar werden wir mit dem Finanzamt sprechen. Es geht um die Jahre 2000 bis 2004. Wir werden dem Finanzamt alles vorlegen, was wir besitzen und einen Kompromiss anstreben. Unser Verein hat 180 Spieler. Wenn wir den Klub schließen müssen, würden Kriminalität und Drogenkonsum in Mülheim ansteigen. Die Jugendlichen wären nicht zu kontrollieren. Damit wäre niemandem geholfen.“

... die Trainerwechsel: „Unter unserer Führung gab es einen Trainerwechsel bei der Landesligamannschaft – von Nizamettin Akyüz zu Sakis Papachristos. Niza konnte das Amt aus beruflichen Gründen nicht mehr ausüben. Wir arbeiten in Duisburg, und zu „Papas“ Restaurant können wir in zehn Minuten laufen. Der Kontakt ist nie abgebrochen. Ihm wurde Unrecht getan, deshalb hat er in unserer Familie eine zweite Chance verdient.“

... die Hallen-Stadtmeisterschaft: „Wir wollen unser Image in Mülheim verbessern. Aber sobald ich sehe, dass etwas passiert – auch von Zuschauerseite gegen uns – ziehe ich meine Mannschaft sofort zurück. Sportlich sind wir sehr ehrgeizig. Das habe ich bei den Gesprächen mit unserem Trainer „Papa“ schon gemerkt.“

... das Klubhaus im Mülheimer Ruhrstadion: „Hier herrschte Chaos, als wir kamen. In den Geschäftsräumen lagen Briefe und Rechnungen auf dem Boden verteilt, Telefon und Internet waren abgeschaltet, weil sich niemand darum gekümmert hat. Wir haben in den vergangenen drei Wochen fast jeden Tag hier verbracht, renoviert und umgebaut. Es gibt nun einen sauberen Arbeitsraum mit Schreibtisch, Computer und sortierten Aktenordnern, einen Vorstandsraum mit Teppich und Sitzgarnitur, wo wir Gäste vernünftig empfangen können. Sitzmöbel gibt es auch im Klubhaus selbst. In einem weiteren Raum steht eine Waschmaschine, wir haben jemanden eingestellt, der die Trikots wäscht. Telefon und Internet funktionieren wieder. Wir mussten viel Vorkasse leisten.“

... die Zusammenarbeit mit der Stadt: „Was der Mülheimer Sport-Service macht, finden wir zu 100 Prozent gut. In anderen Städten wird nicht so viel getan, wir wissen das aus unserer Zeit in Duisburger Vereinen. Wir haben ein neues Umkleidegebäude neben unserem Trainingsplatz an der Von-der-Tann-Straße bekommen. Wir wollen das Gespräch mit dem MSS suchen, können aber verstehen, dass der MSS erst einmal skeptisch ist, weil schon wieder ein neuer Vorstand von Galatasaray kommt. Neulich war die Oberbürgermeisterin bei uns zu Gast – zu Gesprächen mit der vielleicht zukünftigen Mülheimer Partnerstadt Istanbul-Beykoz. Sie hat sich sehr wohl gefühlt.“

... die Ordnungsstrafen in vierstelliger Höhe: „Das Problem in den letzten Jahren war, dass sich 16 Mann in den Vorstand haben wählen lassen. Aber nach drei Wochen waren 15 wieder weg oder haben im Klubhaus höchstens Fernsehen geguckt und Tee getrunken. Niemand hat sich um den Verein gekümmert. Das ist jetzt anders. Außerdem gab es – ehrlich – ein Problem mit dem Postboten. Vor dem Ruhrstadion gibt es drei Briefkästen, für das Schwimmbad nebenan, den Platzwart und für uns. Einige Briefe sind falsch angekommen. Wir haben nur sechs Mann im Vorstand. Das reicht völlig aus. Wir beide stellen gerade Kontakte zu Sponsoren her und bemühen uns darum, Gäste und Zuschauer hier im Ruhrstadion besser zu empfangen. Von alten Leuten, die nur auf Traditionen pochen, halten wir nichts. Für die Taten des alten Vorstandes entschuldigen wir uns in aller Form.“

... den Kontakt nach Istanbul: „Die Medien und die Öffentlichkeit denken, dass Istanbul viel Geld in den Verein pumpt. Das Gegenteil ist der Fall. Wir sind froh, dass wir den Namen Galatasaray tragen dürfen und Rabatt bei der Ausrüstung mit Trikots und Trainingsanzügen bekommen. Das ist alles. Sahin hat beim Champions-League-Spiel von Galatasaray in Eindhoven mit dem Präsidenten reden können. Er will erst einmal Leistung sehen, bevor er uns fördert – das ist verständlich. Er hat verlangt, dass wir alle drei Monate einen Bericht mit den aktuellen Ergebnissen vorlegen. Klar ist: Wir werden wahrgenommen.“

... die Nationalität: „Wir sehen uns nicht als türkischen Verein. Für uns hat Fußball nichts mit Nationalität zu tun. Ich finde es sehr schade, dass in den letzten Jahren kein deutscher Jugendlicher an unsere Tür geklopft hat, um einmal mitzutrainieren. Wir wollen in der kommenden Saison unbedingt deutsche Spieler einbauen. In der Mannschaft von Galatasaray Istanbul stehen auch Spieler aus sechs, sieben Nationen. Traurig sind wir, wenn wir – wie zum Beispiel in Moers – von Zuschauern Sätze hören wie „Geht doch nach Hause, ihr Türken“. Diesen Leuten würden wir am liebsten die Pässe unserer Spieler zeigen. 13 der 18 aus unserer „Ersten“ sind Deutsche.“

... Galatasaray in fünf Jahren: „Wir müssen ein, zwei Jahre komplett aufräumen und dem Verein feste Strukturen geben. Der Verein ist eine Baustelle von der ersten Mannschaft bis zur E-Jugend. Zuletzt sind die Vorsitzenden höchstens drei, vier Monate im Amt geblieben. Wir wollen keine leeren Versprechungen geben, sondern durch Taten überzeugen. Unsere Arbeit ist auf fünf bis zehn Jahre angelegt. Wenn alles gut läuft, können wir irgendwann die Oberliga anpeilen und den Talenten, die zu uns kommen, eine Zukunft in einer türkischen Profiliga anbieten. Aber erst einmal hängt alles davon ab, was das Finanzamt sagt.“

Autor: aer

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