SCHALKE - Statt Szepan und Kuzorra jetzt Dario Rodriguez

rp
18. April 2005, 10:37 Uhr

Es dauerte nur knappe drei Minuten, bis Leo Schnur trotz seiner fast 80 Jahre zum ersten Mal vom Stuhl aufsprang: Gerald Asamoah hatte gerade das Schalker 1:0 gegen den HSV erzielt.

Es dauerte nur knappe drei Minuten, bis Leo Schnur trotz seiner fast 80 Jahre zum ersten Mal vom Stuhl aufsprang: Gerald Asamoah hatte gerade das Schalker 1:0 gegen den HSV erzielt. „Das ist einfach das Wunderbare am Fußball“, erzählt der betagte Mann, „da schießt jemand ‚nur’ einen Ball ins Netz und Tausende von Menschen fallen sich in die Arme. Das ist überall gleich und verbindet alle Menschen, ob in Schalke oder in Uruguay.“

Schon beim Einlaufen der Mannschaften beschlich den gebürtigen Herner ein fast wehmütiges Gefühl. „Auf dieses Spiel habe ich 69 Jahre gewartet“, sagt er und lächelt. Als er die „Knappen“ tatsächlich das letzte Mal gesehen hat, spielten noch Kuzorra und Szepan.

Dazwischen lag der Antisemitismus der Nazis, die Flucht seiner Familie nach Uruguay und der Neuanfang in einem fremden Land, das mittlerweile seine Heimat geworden ist. Also beinahe ein ganzes Leben.

Aber diesen Ballast der Geschichte spürt er in den 90 Minuten „Auf Schalke“ nicht eine Sekunde. Was zählt, ist der Fußball unten auf dem Rasen. Schließlich ist Leo Schnur fast ein Experte: der Besuch bei drei Weltmeisterschaften sagt alles. „Die Schalker verwalten ihr 1:0. Sie haben keine Courage und vielleicht sogar Angst“, analysiert er treffend zur Halbzeitpause, und der Verlauf der zweiten Halbzeit soll ihm bekanntlich recht geben.

Sein besonderes Augenmerk aber gilt „seinem“ Nationalspieler Dario Rodriguez. „Ich habe ihn vor kurzem in der Nationalmannschaft gesehen, da war er überragend, aber hier wirkt er auf der linken Seite wie an einer taktischen Kette“, kommentiert Schnur die viel zu seltenen Offensivvorstöße des Mannes aus Uruguay.

Beim Zusammentreffen nach dem Spiel wirkt Rodriguez gelöst und erfreut, ein Gespräch in seiner Sprache führen zu können, denn schließlich eint die beiden ja die Erfahrung, fremd in einem Land zu sein. „Ich spreche kaum Deutsch und dadurch ist es schwierig, Kontakt zu bekommen“, erzählt Rodriguez.

Sein einjähriges Kind ist in Deutschland geboren, und vor allem seine Frau lernt die Sprache und hilft ihm, sich hier wohl zu fühlen. Die Isolation, die er im ersten Jahr bei Schalke empfunden hat, ist einem leichten Gefühl von „zu Hause“ gewichen. Auch deswegen stand er noch lange nach Abpfiff auf dem Platz, weil er wusste, dass mit dieser Niederlage gegen den HSV die Meisterschaftsträume wohl vorbei sind. Und er hat mittlerweile begriffen, was den Menschen dieser Region ein Meisterschaftstitel bedeuten würde.

Der alte Mann und der Fußballprofi - ein deutscher Jude, der vor den Nazis nach Uruguay geflohen ist, und ein Kind aus Montevideo, das sich den Traum erfüllt, den so viele in Uruguay träumen, denn in Europa Fußballprofi zu werden, heißt: die Armut der Heimat zu verlassen. Jenseits aller Kameras verabschiedeten sich beide herzlichst voneinander – ein seltener Doppelpass der Geschichte.

Autor: rp

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