Als erster Bundesligaverein überhaupt hat Schalke 04 am Montag eine wissenschaftliche Studie veröffentlicht, welche die Geschichte des eigenen Clubs während des Dritten Reiches erforscht. „Zwischen Blau und Weiß liegt Grau. Der FC Schalke 04 in der Zeit des Nationalsozialismus“, heißt das 360 Seiten starke Werk, das beim Klartext-Verlag erschienen und für 17,90 Euro erhältlich ist.

NS-Studie „Zwischen Blau und Weiß liegt Grau“ erschienen

11. April 2005, 20:40 Uhr

Als erster Bundesligaverein überhaupt hat Schalke 04 am Montag eine wissenschaftliche Studie veröffentlicht, welche die Geschichte des eigenen Clubs während des Dritten Reiches erforscht. „Zwischen Blau und Weiß liegt Grau. Der FC Schalke 04 in der Zeit des Nationalsozialismus“, heißt das 360 Seiten starke Werk, das beim Klartext-Verlag erschienen und für 17,90 Euro erhältlich ist.

Als erster Bundesligaverein überhaupt hat Schalke 04 am Montag eine wissenschaftliche Studie veröffentlicht, welche die Geschichte des eigenen Clubs während des Dritten Reiches erforscht. „Zwischen Blau und Weiß liegt Grau. Der FC Schalke 04 in der Zeit des Nationalsozialismus“, heißt das 360 Seiten starke Werk, das beim Klartext-Verlag erschienen und für 17,90 Euro erhältlich ist.

Über dieses Thema wurden in der Öffentlichkeit immer wieder Mutmaßungen angestellt, feierten die Knappen doch zwischen 1933 und 1945 sechs ihrer sieben deutschen Meisterschaften und konnten einmal den deutschen Pokal erringen. Mit dieser Studie beauftragt wurde das Institut für Stadtgeschichte in Gelsenkirchen, welches auf diesem und angrenzenden Themengebieten schon viele Jahre tätig ist. Verfasst wurde sie von den beiden Historikern und Institutsmitarbeitern Dr. Stefan Goch und Norbert Silberbach.

„Schalke 04 ist mit dieser Studie ein hohes Risiko eingegangen. Denn die Verantwortlichen wussten nicht, ob die Ergebnisse ein Ende mit Schrecken bedeuten würden“, erklärte Dr. Heinz-Jürgen Priamus, Leiter des Instituts für Stadtgeschichte Gelsenkirchen. „Gleichzeitig haben sie sich dabei mit diesem mutigen Schritt in eine Reihe mit Großunternehmen wie Daimler Benz, Volkswagen oder der Deutschen Bank gestellt, die diese Zeit ebenfalls haben erforschen lassen.“

Autor Dr. Stefan Goch stellte die Schwierigkeit des Unternehmens heraus. „Da alle Vereinsdokumente dieser Zeit bei Bombenangriffen Ende 1944 und der Zerstörung der Geschäftsstelle im Haus der Vereinsgaststätte Thiemeyer verloren gegangen sind, galt es, alle erreichbaren Quellen zu finden und auch aufzuarbeiten.“ Was die beiden Autoren in akribischer Arbeit innerhalb von 18 Monaten taten, sich dabei in Archiven in ganz Deutschland von Berlin über Leipzig, Frankfurt, Münster und Düsseldorf, Hannover und Freiburg umtaten. „Wir waren auf diese Ersatzüberlieferungen angewiesen.“

Die Untersuchung des Gegenstands, veranschaulicht Dr. Goch, gestaltete sich so, „als würde man in einem komplett dunklen Raum eine ziemlich zackige Skulptur ertasten wollen“. Um dieses Gebilde trotzdem fassen und beschreiben zu können, wurde zunächst ein chronologischer Abriss der Vereinsgeschichte formuliert, dem zahlreiche Biographien folgen, welche das Verhalten der Spieler, Vereinsverantwortlichen und auch der Mitglieder in der Zeit des Dritten Reiches dokumentieren. „Wir haben zudem alle Urteile und Vorurteile über Schalke 04 in dieser Zeit untersucht“, verdeutlichen die Autoren, dass auch über vermeintlich verschobene Spiele zu Gunsten oder zu Ungunsten des Vereins, Bevorteilungen bei der Einberufung zum Kriegsdienst im Zweiten Weltkrieg u.ä. gezielt geforscht wurde. „Wir finden weder den absoluten Schurken, noch den großen Helden in dieser Zeit“, so Dr. Goch. „Es war zu allen Zeiten schwierig, sich als erfolgreicher Sportler dem Lob eines politischen Systems zu entziehen.“

„Zwischen Blau und Weiß liegt Grau“ – ein Titel, der mit Bedacht gewählt wurde. Ernst Kuzorra ist ein griffiges Beispiel. „Der wollte mit Politik nix zu tun haben“, behaupteten verschiedene Zeitzeugen über den berühmten Kapitän der Schalker Kreiselelf. Dennoch war Kuzorra ab 1938 Mitglied der NSDAP, findet man seine Unterschrift unter Wahlaufrufen für Adolf Hitler, die freilich zumindest vorformuliert wurden. Gleichzeitig trat er dem Reichssportführer entgegen, als er seine Mannschaft beim Endspiel um die deutsche Meisterschaft 1941 gegen Rapid Wien verschoben glaubte. Und besorgte für die Kinder jüdischer Kunden seines Tabakgeschäftes Eintrittskarten, als denen der Besuch von Sportveranstaltungen schon längst verboten war.

Dies ist ebenso spannend zu lesen, wie die Geschichte des jüdischen Kaufmanns Dr. Paul Eichengrün, der 1932 als 2. Vorsitzender fungiert und von diesem Amt zurücktritt, als die Nazis die Macht ergreifen. Dies mit den überlieferten Worten „alles für Schalke“. Dr. Eichengrün kann dem Holocaust entfliehen, andere Schalker Mitglieder entgehen ihm nicht wie der Schalker Jugendspieler Ernst Alexander, der 1942 in Auschwitz ermordet wird. Insgesamt wurden die jüdischen Mitbürger – wie in der gesamten Gesellschaft auch – bei den Knappen ausgegrenzt. Dr. Goch: „Es war die Apartheid nebenan.“ Ebenso eindringlich gewinnt durch die detailreiche Schilderung der Alltag im Nationalsozialismus Gestalt, in dem auch berühmte Nationalspieler durch ihren Kriegseinsatz zu Opfern wurden.

„Ich war einer der größten Skeptiker, als wir im Vorstand darüber diskutierten, eine solche Studie in Auftrag zu geben“, räumte Josef Schnusenberg, stellvertretender Vorsitzender des FC Schalke 04, ein. „Aber ich bin eines Besseren belehrt worden. Es ist eine sehr objektive Darstellung, die belegt, wie unsere Väter und Großväter auch im Alltag mit dem NS-Regime konfrontiert wurden.“ Dann ergänzte der 62-Jährige. „Für uns gilt es, aus dem Blick in die Vergangenheit die richtigen Folgerungen zu ziehen. Mir geht das Zitat von Paul Spiegel nicht aus dem Kopf, der gesagt, dass nun wieder Überzeugungstäter heranwachsen“, so Schnusenberg. „Es würde uns stolz machen, wenn man von uns in 20, 30 Jahren sagen würde: Die haben alles dafür getan, dass sich so etwas nicht wiederholt, sondern unsere demokratischen Strukturen erhalten geblieben sind.“

(Quelle: www.schalke04.de)

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