Ausgerechnet im Saison-Endspurt häufen sich bei Bundesligist Borussia Mönchengladbach die Probleme. Die Anhänger sind sauer, die Spieler rebellieren gegen Trainer Dick Advocaat und die Experten sehen schwarz.

Gladbach droht im Chaos zu versinken

08. April 2005, 14:37 Uhr

Ausgerechnet im Saison-Endspurt häufen sich bei Bundesligist Borussia Mönchengladbach die Probleme. Die Anhänger sind sauer, die Spieler rebellieren gegen Trainer Dick Advocaat und die Experten sehen schwarz.

Bundesligist Borussia Mönchengladbach ist momentan nicht zu beneiden: Die Fans sind verstimmt, die Spieler rebellieren gegen Coach Dick Advocaat und die Experten befürchten das Schlimmste: Ausgerechnet im Saison-Endspurt drohen die Borussen im Chaos zu versinken. Im Kreuzfeuer der Kritik steht vor allem der frühere Bondscoach, der sich mit seiner "harten Welle" keine Freunde gemacht hat. Nach der Degradierung von Marcelo Pletsch, Markus Hausweiler und Igor Demo in den Amateurkader treten die Differenzen zwischen Spieler und Trainer offen zu Tage.

Lattek: "Das ist tote Hose"

"Die Situation ist für mich eine neue Herausforderung", sagt Advocaat vor dem Gastspiel bei Spitzenreiter Bayern München am Samstag (15.30 Uhr). Nicht wenige Fans und Experten befürchten jedoch, dass der eigenwillige Coach dieser Situation nicht mehr gewachsen ist. "Wenn er so weitermacht, fährt er gegen die Wand - wenn er nicht schon dagegen gefahren ist. Es scheint in der Mannschaft nicht zu stimmen, weil er mit ihr nicht redet. Die Mannschaft spielt leblos, das ist tote Hose!", kritisierte der frühere Gladbacher Meistercoach und heutige DSF-Experte Udo Lattek.

Offenkundig liegen zwischen Advocaat und vielen Profis atmosphärische Störungen vor. Hinter vorgehaltener Hand berichten Spieler von einer "miesen Stimmung" im Team. Wie die Bild-Zeitung schreibt, hätten Advocaat und sein Assistent Pim Verbeek in der Mannschaft bereits den Beinamen "Dick und Doof" erhalten. Kredit hat der frühere Trainer des PSV Eindhoven und der Glasgow Rangers aber auch bei den Fans verspielt. 95 Prozent der Anhänger seien gegen den Trainer, wie ein Fanklub-Vorsitzender durchblicken ließ.

Matthäus sieht "Fohlen" in Gefahr

"Ich mache mir Sorgen", sagte Gladbachs Fußball-Idol Günter Netzer dem Sport-Informations-Dienst (sid): "Das kann kein Dauerzustand sein. Mit dem neuen Stadion und den neuen finanziellen Möglichkeiten sind die Anforderungen gestiegen. Dem müssen sich die Verantwortlichen bewusst sein." Netzer glaubt bei sechs Punkten Vorsprung zum Tabellen-16. VfL Bochum aber nicht an den Abstieg, DFB-Rekordnationalspieler Lothar Matthäus ist da skeptischer: "Ich sehe Gladbach in größter Gefahr. Es fehlt mir das Konzept."

In der Tat lässt Advocaat, unter dessen Regie die Borussia nur 3 von 16 Spielen gewann, allzu oft eine klare Linie vermissen. Mal Stammelf, mal Ersatzbank, mal Tribüne: Bis auf die Winter-Neuzugänge (Kasey Keller, Wesley Sonck, Bernd Thijs, Jörg Böhme und Craig Moore) kann sich kaum ein Spieler seiner Rolle im Team sicher sein.

Pletsch macht seinem Ärger Luft

EM-Star Marek Heinz war vor Wochen bereits gänzlich aussortiert, gegen den VfL Bochum stand er plötzlich im Borussia-Park wieder auf dem Platz. Nun traf es Pletsch und Co. "Wenn man so was miterlebt, ist man nicht nur verunsichert, sondern man hat dann auch keine Lust mehr mit einem Trainer am Spieltag zusammenzuarbeiten, der sich für dich wochen- oder monatelang nicht interessiert hat", beschreibt Pletsch im Express seine Gemütslage.

Auch bei den Ein- und Auswechslungen sorgt der Coach immer wieder für Verwunderung. Gegen Bochum holte er in Marcell Jansen den besten Akteur vom Feld und warf die taktische Marschroute über den Haufen. Am Ende hieß es nach einer 2:0-Führung noch 2:2 und Erinnerungen an die fast schon legendäre Auswechslung von Hollands Flügelstar Arjen Robben bei der Euro 2004 gegen Tschechien (2:3) wurden wach.

Königs steht weiter hinter Advocaat

Gladbachs Präsident Rolf Königs steht noch beharrlich hinter Advocaat und Sportdirektor Christian Hochstätter, der nach seiner verfehlten Einkaufspolitik ebenso unter Beschuss steht. "Wir wollen keine Job-Hopperei", so der MG-Boss, wohlwissend das ein Abstieg den Klub um Jahre zurückwerfen würde.

Die Mannschaft wird indes im Sommer auseinander fallen. Neben den drei ausgemusterten Akteuren sowie Nico van Kerkhoven (VC Westerlo) stehen auch Publikumsliebling Thomas Broich (Borussia Dortmund, 1860 München), Bernd Korzynietz (Arminia Bielefeld) und Marek Heinz (Sparta Prag) vor dem Abschied. Ob Kapitän Christian Ziege seine Karriere fortsetzen kann, steht in den Sternen. Stattdessen will Advocaat, so er denn darf, seine Einkaufstour fortsetzen und weitere vier gestandene Profis ins "Kaufhaus des Westens" holen. Zumindest in dieser Hinsicht verfolgt der Niederländer eine klare Linie.

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