BVB im Test

raka
06. September 2004, 10:38 Uhr

Neuer Trainer, neue Saison, die noch in der Anfangsphase steckt. Allerdings bietet sich durch die Länderspielpause die günstige Gelegenheit, einmal schon analytisch in den Borussen-Stall hineinzuhorchen. Zehn Ansatzpunkte dienen dazu, die Situation bei den Dortmunder etwas transparenter zu gestalten.

Neuer Trainer, neue Saison, die noch in der Anfangsphase steckt. Allerdings bietet sich durch die Länderspielpause die günstige Gelegenheit, einmal schon analytisch in den Borussen-Stall hineinzuhorchen. Zehn Ansatzpunkte dienen dazu, die Situation bei den Dortmunder etwas transparenter zu gestalten.

Zahlen und Fakten
Vier Zähler nach drei Bundesligaspielen, davon zwei vor heimischer Kulisse, sind keine befriedigende Ausbeute für die Borussen, die mit etwas mehr Glück und vor allem Konzentration im Abschluss durchaus die Maximalpunktzahl hätten verbuchen können. Paradox, dass ausgerechnet die beste spielerische Leistung gegen den VfL Wolfsburg mit einer kaum fassbaren 1:2-Niederlage bestraft wurde. Eine Woche später in Mönchengladbach fuhren die Gäste zum Ausgleich zwar den ersten Dreier ein, doch schon im neuen Borussen-Park war die Darbietung nicht mehr so schwungvoll wie gegen die Wölfe. Beim 3:2-Sieg offenbarten beide Deckungen erhebliche Schwächen, die vom BVB allerdings konsequenter ausgenutzt wurden. Da auch das zwischenzeitliche Pokal-Match in Lübeck erfolgreich gestaltet werden konnte, hätten Tomas Rosicky und Co eigentlich voller Selbstvertrauen die Aufgabe Hannover 96 angehen können. Trotz des relativ frühen Führungstreffer durch den Tschechen kehrte keine Sicherheit in die Vorstellung der Dortmunder ein. Die Niedersachsen, deren Offensivbemühungen nach dem Rückstand lange gegen Null tendierten, wurden in der Schlussphase quasi zum Ausgleich eingeladen, weil sich die Borussen vollkommen unverständlich in ihre eigene Hälfte zurückzogen.

Stimmung im Umfeld
Die Fans halten ihren Lieblingen als Zuschauer die Treue. Nahezu 50.000 verkaufte Dauerkarten und 71.000 bzw. 74.000 Besucher gegen Wolfsburg bzw. Hannover, die vom Namen her nicht unbedingt in die Kategorie "Zugpferde" eingestuft werden, sind ein eindrucksvoller Beweis der Rückendeckung. Aber im Stadion selbst macht sich bei den Spielen schon Unmut breit, wenn nicht alles nach Wunsch läuft. Die Massen wollen endlich wieder einmal verwöhnt werden und den Blick auf die Tabelle genießen. Deshalb können die Verantwortlichen noch so oft predigen, dass die Umstellung auf den neuen Trainer seine Zeit braucht, herunterschrauben können sie damit die Ansprüche der Kulisse nicht. Es müssen Erfolge her, sonst kann die großartige Kulisse in dem Freudentempel für das gastgebende Team auch zu einem echten Albtraum werden. Noch ist alles halbwegs ruhig, doch die Unzufriedenheit schwelt schon.

Die Abwehr
Jahrelang war die BVB-Deckung das Prunkstück des Teams, doch davon ist die momentane Defensivabteilung weit entfernt. In keiner der drei Partien stand am Ende die Null, vier Gegentore in diesen Begegnungen sind schlicht und einfach zu viel. Guillaume Warmuz erweist sich als guter, aber nicht überragender Torhüter. In der Innenverteidigung ist inzwischen Christian Wörns zurückgekehrt, aber der Nationalspieler reicht nicht aus, um hinten für Ordnung zu sorgen. Ahmed Madouni und der zur Zeit verletzte André Bergdölmo sind von der Rolle, Guy Demel schlägt sich ganz tapfer, aber die Innenverteidigung ist anfällig. Auch bei Standards, wie die Gegentreffer bei Eckbällen verdeutlichen. Die Außen präsentieren sich ebenfalls nicht von ihrer Schokoladenseite. Evanilson agiert sehr wechselhaft, Niclas Jensen war gegen 96 neben der Spur.

Das Mittelfeld
Torsten Frings ist nicht mehr da, dafür dreht Rosicky wieder auf. "Mozart" genießt es offensichtlich auf seiner Lieblingsposition aufzutrumpfen und nähert sich seiner lange vermissten Bestform. Doch im offensiver Bereich fehlt ihm die Unterstützung, denn nur er sorgt für Ordnung und Druck, eine Alternative ist nicht in Sicht. Sollte der 23-Jährige ausfallen, sieht es düster in der BVB-Schaltzentrale aus, denn Leonardo Dede hat links noch nicht den richtigen Schwung gefunden. Im defensiven Mittelfeld dagegen überrascht Sunday Oliseh mit teilweise mehr als ordentlichen Leistungen. Sebastian Kehl an seiner Seite ist auf dem richtigen Weg, ruft sein Potenzial allerdings bei weitem nicht ab.

Der Angriff
Jan Koller sowie Henrique Ewerthon sind die Alleinunterhalter in der Spitze, in der Salvatore Gambino nur als Einwechselspieler zu Kurzauftritten kommt. Insbesondere der Tscheche hat trotz seines Tores in Gladbach Ladehemmung. So versäumte er es gegen Hannover aus idealer Position in der Schlussphase den Sack zuzumachen. Seine Zuspiele erreichen den Mitspieler zu selten. Der Brasilianer dagegen kämpft mit seiner alten Schwäche: Er benötigt zu viele Chancen, darüber täuschen auch die zwei Saisontore nicht hinweg. Der Sturm hat insgesamt noch nicht die Orkanstärke erreicht, die man von ihm erhofft hat.

Das System
Ist so geblieben, wie es in den letzten Jahren nahezu immer war. Matthias Sammer hat zwar zwischenzeitlich einige Versuche zur Änderung gestartet, doch der BVB bleibt bei seiner alten Ordnung, die schon Mitte der 90er von Ottmar Hitzfeld installiert wurde. Hinten steht die Viererkette, davor stehen zwei "Abfangjäger", im Zentrum Rosicky und vorne versucht ein Trio für zählbaren Erfolg zu sorgen. Als kleine Variante ist nur dadurch erkennbar, dass Leonardo Dede auf dem Flügel weiter zurückhängt als zum Beispiel Gambino.

Die Neuzugänge
Es gibt nur zwei, von denen auch nur einer spielt, dafür aber gut. Sunday Oliseh überzeugt nicht nur aufgrund seiner spielerischen und kämpferischen Darbietungen, sondern zeigt gleichzeitig mehrfach Ansätze, dass er Führungsaufgaben in der Mannschaft übernehmen will. Durch seine Rückkehr ist das defensive Mittelfeld stärker geworden, weil der Nigerianer mehr Impulse setzt als der inzwischen in den aktiven Ruhestand getretene Stefan Reuter. Florian Kringe würde es dem Ex-Bochumer sicher liebend gern gleichtun, doch nach dazu erhielt er in der Eliteliga bei den Borussen bisher keine Gelegenheit.

Der Trainer
Ein kaum veränderter Kader, da ruhen die Hoffnungen verständlicher Weise auf dem neunen Coach auf der Kommandobrücke. Der Holländer musste aber schon erkennen, dass die Erinnerungen an den einstigen Charme der Dame Borussia eindrucksvoller ist als der jetzige. Ganz so locker ist der frühere Rotterdamer nicht mehr, auch er merkt den steigenden Druck. Aber er dürfte erfahren genug sein, um mit diesen Erwartungen und Schwierigkeiten umzugehen. Die Zeit dafür wird er bekommen, doch an den Extravaganzen der schwarz-gelben Stars haben sich schon einige seiner Vorgänger die Zähne ausgebissen. So lange Bert van Marwijk konsequent bleibt, befindet er sich auf dem richtigen Weg, der aber verdammt steinig ist.

Der Knackpunkt
Die bisherige Heimschwäche. Nur ein Zähler aus zwei Auftritten im Westfalenstadion und der kommende Gegner, der seine Visitenkarte dort abgibt ist ausgerechnet Bayern München. Aber vielleicht kommt der Rekordmeister von der Isar zur rechten Zeit. Ein Sieg gegen den einstigen Edelrivalen kann nicht nur den sich anbahnenden Heimkomplex vertreiben, sondern auch für das notwendige Selbstvertrauen sorgen, das den Grundstein für eine kleine Serie legt.

Die Perspektive
Das nächste Spiel ist immer das schwerste - diese Binsenweisheit trifft für die Dortmunder mit einer kleinen Änderung zu: Die anstehenden zwei Aufgaben sind richtungsweisend. In Bochum und gegen die Bayern, in diesen Begegnungen ist alles drin, von null bis sechs Punkten reicht die Skala, die dann entweder noch oben oder unten tendieren wird. Der Sprung auf die vorderen Plätze ist ebenso denkbar wie der Sog der Mittelmäßigkeit.

Autor: raka

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