Am Samstag steigt das letzte große Fußball-Fest auf dem altehrwürdigen Bökelberg in Mönchengladbach. Nach 85 Jahren Fußball-Geschichte ist nach dem Spiel gegen den TSV 1860 München Feierabend. Das Stadion hat ausgedient.

Gladbach nimmt Abschied vom ehrwürdigen Bökelberg

19. Mai 2004, 12:32 Uhr

Am Samstag steigt das letzte große Fußball-Fest auf dem altehrwürdigen Bökelberg in Mönchengladbach. Nach 85 Jahren Fußball-Geschichte ist nach dem Spiel gegen den TSV 1860 München Feierabend. Das Stadion hat ausgedient.

So mancher Zuschauer wird am Samstag um 17.15 Uhr die ein oder andere Träne verdrücken, wenn der Mönchengladbacher Bökelberg sein letztes Meisterschaftsspiel erlebt hat. Nach der Saison hat das Stadion ausgedient, die Borussia zieht in den modernen Nordpark um. Geografisch gesehen hat er mit 61 Metern über dem Meeresspiegel die Bezeichnung "Berg" kaum verdient, aus sportlicher Sicht war er dagegen für etliche Spitzenklubs in ganz Europa kaum zu erklimmen. Die Kultstätte im deutschen Fußball und seit 85 Jahren die Heimat des fünfmaligen deutschen Meisters Borussia Mönchengladbach verabschiedet sich von der Showbühne.

Doch vergessen werden die Fans den Bökelberg nicht. Das einmalige Flair hat das seine zum Mythos getan. Mitten im feinen Wohngebiet steht das Stadion, das man nicht unpassender hätte platzieren können. Die steilen Stehränge dokumentieren die offensichtliche Diskrepanz zu den edlen Villen in direkter Umgebung. Alle zwei Wochen war Schluss mit der Idylle. Dafür sorgte allein schon Manolo, der jahrelang auf dem Zaun einheizte, keine zwei Meter vom Spielfeldrand entfernt.

Triumphe und Tragödien

Doch es waren die Triumphe und Tragödien, die den Bökelberg und Borussia in ganz Europa berühmt machten. Denkwürdige Spiele, die in der deutschen Fußball-Geschichte einen festen Platz einnehmen. "Der Bökelberg hat eine Tradition, vergleichbar mit der Anfield Road in Liverpool. Wenn ich zum Stadion fahre, läuft ein Film vor mir ab. Da werden alte Erinnerungen wieder wach, die man nie vergisst", schwärmt Jupp Heynckes von seiner fußballerischen Heimat.

Das Gladbacher Urgestein hat kräftig zum Kult beigetragen. Unvergessen, als Heynckes und Co. am 20. Oktober 1971 Inter Mailand mit 7:1 abfertigten. Gewertet wurde das Spiel nicht, weil eine leere Cola-Dose Roberto Boninsegna außer Gefecht gesetzt haben soll. So jedenfalls die Version der Italiener, die zehn Minuten lang die Kabinentür verriegelten und den Stadionärzten den Zutritt verwehrten. Das Spiel wurde wiederholt, und Borussia schied aus.

Doch fortan hatte sich die "Fohlen-Elf" einen Namen gemacht. Ähnlich wie Inter erging es anderen europäischen Top-Klubs, die ältere Generation aus Liverpool weiß davon zu berichten. Bis 1987 (0:2 gegen Dundee United) verlor die Borussia kein Europacup-Heimspiel auf dem Bökelberg, der bis zum Ende der 50-er Jahre noch Westdeutsches Stadion hieß.

Kantersiege und Pfostenbruch

Legendär waren nicht nur Kantersiege wie das 11:0 gegen Schalke 04 (7. Januar 1967) oder das 10:0 gegen Eintracht Braunschweig (11. Oktober 1984), sondern auch der Pfostenbruch anno 1971. Im Spiel gegen Werder Bremen landete zwei Minuten vor Schluss nicht der Ball, sondern Herbert Laumen mit voller Wucht im Netz. Zu viel für das Holzgebälk, der morsche Torpfosten knickte kurz über der Grasnarbe um. Das Spiel wurde mit 2:0 für Bremen gewertet, doch am Ende wanderte die Meisterschale zum Bökelberg - so wie 1970, 1975, 1976 und 1977.

Apropos Bremen. Gegen Werder gab es nicht nur die höchste Heimniederlage (0:7 am 30. April 1966), sondern auch den denkwürdigen 5:4-Erfolg im DFB-Pokal-Halbfinale am "Tag der Arbeit" 1984. Ein packendes Spiel mit einer Wende in der Schlussminute, ein gebrochenes Nasenbein von Uwe Rahn und eine Tränengasbombe aus dem Bremer Block sorgten noch Jahre später für Gesprächsstoff.

Bye, bye Bökelberg

Damit ist am Samstag Schluss, wenn es heißt: Bye, bye Bökelberg. 85 Jahre nach dem ersten Spiel zwischen Borussia und Eintracht Mönchengladbach (1:0), nach unvergessenen Zeiten mit Hennes Weisweiler, Berti Vogts, Günter Netzer und Co. hat das mehrmals ausgebaute Stadion ausgedient. Nur mit dem Mythos und 34.500 Plätzen war halt kein Geld zu verdienen. Das hatte schon Ex-Präsident Helmut Grashoff erkannt, als die Bayern mit dem Olympiastadion die Millionen scheffelten und an der Borussia vorbeizogen.

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