Nach einer extrem brutalen Racheattacke auf einem Fußballfeld in der Bochumer Kreisliga mussten heute zwei Spieler (23, 37) als Angeklagte vor einem Strafgericht auflaufen. Wegen gefährlicher Körperverletzung.

Bochum: Kreisliga-Kicker nach brutaler Attacke vor Gericht

"Fast im Bereich des versuchten Totschlags"

Bernd Kiesewetter
18. März 2009, 19:08 Uhr

Nach einer extrem brutalen Racheattacke auf einem Fußballfeld in der Bochumer Kreisliga mussten heute zwei Spieler (23, 37) als Angeklagte vor einem Strafgericht auflaufen. Wegen gefährlicher Körperverletzung.

Zwei Fußballer stehen nach brutaler Gewalt auf dem Spielfeld vor Gericht. Ihr Opfer (28) ist ein Gegenspieler, der mehrere Brüche im Gesicht erlitt und sich eine Platte implantieren lassen musste, damit sein Auge festgehalten wurde.

Der Fall dürfte auf deutschen Fußballplätzen nicht leicht seinesgleichen finden. Der 37-Jährige ist vom Sportgericht bereits lebenslang gesperrt worden, der 23-Jährige, sein Neffe, für ein Jahr. Das ganze Drama am Nachmittag des 20. April 2008 im Bochumer Süden fing mit einem Foul des 28-Jährigen an dem jüngeren der jetzt Angeklagten an. Obwohl der Schiedsrichter die Situation bereits geregelt hatte, revanchierte sich der Gefoulte mit Gewalt.

Anklage: Gegen Kopf wie gegen den Ball getreten

Laut Anklage soll er den 28-Jährigen, einen defensiven Mittelfeldspieler, so wuchtig mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben, dass dieser zu Boden stürzte. Daraufhin soll sein Onkel, Verteidiger, mit zehn Meter Anlauf auf das Opfer zugestürzt sein und es mit seinen Fußballschuhen aus vollem Lauf, als wolle er einen Abschlag vom Tor machen, ins Gesicht getreten haben. Danach soll er noch zwei weitere Male vor den Kopf getreten haben.
[box_derwesten]
Mehrere Knochen im Gesicht gebrochen

Dem Opfer wurden mehrere Knochen im Gesicht gebrochen, vor allem am Auge. Einige Knochen am Auge waren gesplittert. Zwei Zähne wurden beschädigt. Außerdem erlitt der Spieler mehrere Blutergüsse am Kopf. Richter Dr. Axel Deutscher meinte einmal: „Da könnten wir fast im Bereich des versuchten Totschlags sein.” Wegen potenziell lebensgefährlicher Verletzungen. Das Opfer muss heute wegen der Verletzungen extra eine Brille tragen. Außerdem teilte sein Anwalt mit: „Er muss wahrscheinlich nochmal operiert werden.”
Spielabbruch

Das Spiel war damals sofort abgebrochen worden - und mit 2:0 für die Mannschaft des Opfers gewertet. Obwohl die anderen 2:1 geführt hatten.

Vor dem Schöffengericht gaben die Angeklagten die Vorwürfe im Grunde zu, allerdings nur mit Abschwächungen. Beide behaupteten, das Opfer habe sie damals vor der Attacke übel beleidigt. Der Hauptangeklagte hatte den Richtern zunächst aufgetischt, er habe dem Opfer mit dem bloßen Ausholen seines Beines nur „Angst einjagen” wollen, dann aber leider - völlig unabsichtlich - doch den Kopf getroffen.

Gericht bot 18 Monate Haft auf Bewährung an

Da gingen dem Richter die Augenbrauen hoch. Er bot dem 37-Jährigen einen Deal an: Falls er alles wie angeklagt zugebe, könne er mit 18 Monaten Haft auf Bewährung rechnen. Danach gab der angeklagte Verteidiger zwar zu, das am Boden liegende Opfer doch vorsätzlich gegen den Kopf getreten zu haben, aber nur einmal, nicht dreimal. Und der Kopf sei auch durch einen Arm geschützt gewesen.

Prozess beginnt bald von vorn - mit Zeugen

Dieses Herumlavieren reichte dem Richter. Er stoppte den Prozess und beginnt ihn am 27. April nochmal ganz von vorn - dann aber mit einem Rechtsmediziner und Zeugen. Darunter sind auch zwei Polizisten, die sich das Gewaltspiel privat angeschaut hatten. Sie sollen die Szenen so geschildert haben, wie es jetzt in der Anklage steht.

Der jüngere Angeklagte kann mit einer Einstellung gegen 100 Sozialstunden rechnen. Obwohl er nur „eine Backpfeife” und Wegschubsen, keinen Faustschlag zugibt. Der Richter meinte aber: Wenn jeder Fußballspieler wegen solcher Delikte strafrechtlich verurteilt würde, „dann könnten wir einige Mannschaften dezimieren”. Strafverteidiger Marcus Doll ergänzte: „Vor allem in der Bundesliga.”

Mittlerweile ist das Opfer soweit erholt, dass es wieder Fußball spielen kann.

Autor: Bernd Kiesewetter

Kommentieren