Schweigen bei den Betroffenen, ungläubiges Staunen und Fassungslosigkeit beim Rest der Liga: Der drohende Bestechungsskandal um Rekordmeister THW Kiel hat den deutschen Handball in einen kollektiven Schockzustand versetzt. Bevor am Montagabend in Hamburg Präsidiums- und Aufsichtsratsmitglieder des Ligaverbandes HBL zu einer Sondersitzung zusammenkamen, hielt sich die Konkurrenz allerdings angesichts der spärlichen Informationen mit möglichen Vorverurteilungen zurück.

HBL unter Schock: Bestechungsverdacht gegen Kiel

Angeblich Manipulationen seit 2000

Oliver Görz
02. März 2009, 13:58 Uhr

Schweigen bei den Betroffenen, ungläubiges Staunen und Fassungslosigkeit beim Rest der Liga: Der drohende Bestechungsskandal um Rekordmeister THW Kiel hat den deutschen Handball in einen kollektiven Schockzustand versetzt. Bevor am Montagabend in Hamburg Präsidiums- und Aufsichtsratsmitglieder des Ligaverbandes HBL zu einer Sondersitzung zusammenkamen, hielt sich die Konkurrenz allerdings angesichts der spärlichen Informationen mit möglichen Vorverurteilungen zurück.

Kiels Manager Uwe Schwenker wies den Vorwurf, der THW habe den Champions-League-Sieg 2007 gegen den Nordrivalen SG Flensburg-Handewitt durch Schiedsrichter-Bestechung erkauft, am Montagnachmittag zurück, wollte sich zu den Verdächtigungen ansonsten jedoch nicht äußern. Stellvertretend für die Mannschaft des THW erklärte Torwart Thierry Omeyer: "Die Nachricht war ein Schock für uns. Aber ich denke, dass da nichts dran ist."

Zuvor hatte HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann angekündigt, den Verdachtsmomenten schnellstmöglich nachzugehen. Dabei ist die Rede von Manipulationen beim Finalrückspiel der Königsklasse am 29. April 2007 unter der Leitung des polnischen Schiedsrichter-Duos Miroslaw Baum und Marek Goralczyk. Die damals unterlegenen Flensburger reagierten vorerst zurückhaltend. "Ich kann und mag mir nicht vorstellen, dass der THW damals in solch einer Weise operiert hat", sagte SG-Manager Fynn Holpert.
[imgbox-left]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/004/496-4542_preview.jpeg "Diese Nachricht war ein Schock": THW-Torhüter Thierry Omeyer. (Foto: firo)[/imgbox]
Auch damals beteiligte Spieler wollten dem Bestechungsverdacht keine zusätzliche Nahrung geben. "Das war ein 50:50-Spiel, das wir genauso gut hätten gewinnen können. Ich kann mir nicht vorstellen, dass da etwas dran ist", meinte Flensburgs dänischer Nationalspieler Lars Christiansen.

Strittig war allerdings beim Kieler 29:27-Sieg zumindest eine Szene: SG-Spieler Joachim Boldsen hatte nach einem Foul am Kieler Christian Zeitz bereits nach 15 Minuten die Rote Karte gesehen, was durchaus unterschiedlich bewertet worden war. Christiansen empfand die Entscheidung damals jedenfalls als "nicht fair".

Unterdessen wurde bekannt, dass sich der Manipulations-Verdacht nicht allein auf das Champions-League-Finale vor zwei Jahren beschränken soll. "Es heißt, dass des THW seit 2000 Spiele beeinflusst haben soll", sagte der HBL-Aufsichtsratsvorsitzende Manfred Werner dem sid: "Ob das dann zwei oder noch mehr sind, und um welche genau es sich handelt, weiß ich nicht."
[imgbox-left]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/001/852-1876_preview.jpeg Wollte sich nicht zu den Vorwürfen äußern: THW-Manager Uwe Schwenker. (Foto: firo)[/imgbox]
Auslöser dafür, dass die Vorwürfe nun aufgekommen sind, ist derweil offenbar ein Schreiben von HBL-Aufsichtsratsmitglied Dieter Matheis an Schwenker, in dem dieser um Aufklärung der Sache gebeten hat. Matheis, zugleich Gesellschafter des Kieler Liga-Konkurrenten Rhein-Neckar Löwen und ehemaliger Finanzvorstand von Löwen-Sponsor SAP, hatte dies bestätigt: "Das stimmt, es gibt ein entsprechendes Schreiben." Zudem soll es zu dem Fall eine Selbstanzeige geben. Gerüchte, diese stamme vom früheren THW-Coach Noka Serdarusic, wurden von dem 58-Jährigen jedoch dementiert. Serdarusic hatte am vergangenen Mittwoch wegen gesundheitlicher Probleme sein Engagement bei den Rhein-Neckar Löwen für die kommende Saison überraschend abgesagt.

Streit hatte es zwischen dem THW und den Löwen in den vergangenen Wochen um Welthandballer Nikola Karabatic gegeben, dessen Wechsel zu den Mannheimern am Kieler Veto gescheitert war. Die polnischen Schiedsrichter waren in der Vergangenheit schon einmal mit Manipulations-Vorwürfen konfrontiert worden. Anlass war ihre Spielleitung beim olympischen Frauen-Finale 2004 in Athen, das Dänemark gegen Südkorea mit 38:36 nach Siebenmeterwerfen gewonnen hatte. Der frühere Geschäftsführer des Weltverbandes (IHF), Frank Birkefeld, witterte damals eine unlautere Einflussnahme: "Dänemark konnte dieses Spiel einfach nicht verlieren, weil Südkorea nicht gewinnen durfte."

Autor: Oliver Görz

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