Mehrere tausend Menschen, unzählige Fotografen und ein Dutzend Kamerateams begleiteten Christoph Daum während seines ersten Trainings beim Zweitligisten 1. FC Köln. Ganz so groß war der Auflauf bei Stefan Thiele, dem neuen Übungsleiter des Traditionsvereins STV Horst Emscher-Husaren zwar nicht, doch die Sympathiewelle die ihm entgegen schlägt, ist fast genau so groß wie bei seinem Pendant aus der Domstadt.

Im Interview: Stefan Thiele (Trainer STV Horst-Emscher)

Mit „Weltmeister-Taktik“ zum Klassenerhalt?

Thomas Ziehn
29. November 2006, 20:02 Uhr

Mehrere tausend Menschen, unzählige Fotografen und ein Dutzend Kamerateams begleiteten Christoph Daum während seines ersten Trainings beim Zweitligisten 1. FC Köln. Ganz so groß war der Auflauf bei Stefan Thiele, dem neuen Übungsleiter des Traditionsvereins STV Horst Emscher-Husaren zwar nicht, doch die Sympathiewelle die ihm entgegen schlägt, ist fast genau so groß wie bei seinem Pendant aus der Domstadt.

Und in einem Punkt ist Ex-Profi Thiele Christoph Daum sogar voraus. Aus den ersten beiden Spielen unter seiner Regie ging der Bezirkligist jeweils als Sieger hervor. Das muss auch der von der Boulevard-Presse „Messias“ getaufte FC-Coach erst einmal schaffen. Revierkick.de sprach mit Stefan Thiele über seinen Start als Trainer, taktische Konzepte und die eigenen Ambitionen.

revierkick.de: Hallo Herr Thiele, wie viele Zaungäste und Medienvertreter waren eigentlich bei Ihrem ersten Training dabei?

Thiele: „Mein erstes Training als „Chef“ war am Dienstag nach der 0:10-Klatsche gegen die Eintracht. Ich habe da weder Zuschauer noch Kameramänner gesehen. Es war also wie immer, wenn wir trainieren.“

revierkick.de: Sie haben die „Husaren“ in einer extrem schwierigen Phase übernommen. Die Mannschaft hatte gerade einmal zwei Punkte auf dem Konto und musste eine 0:10-Pleite bei der SG Eintracht Gelsenkirchen hinnehmen. Wie viel Überredungskunst hat es gebraucht, bis Sie Ihre Zusage gegeben haben?

Thiele: „Ich hatte ja schon in der Abwesenheit von Rüdiger Kürschners die Trainingsarbeit für zwei Wochen übernommen. Also kannte ich die Mannschaft und wusste ungefähr, was sie drauf hat. Deshalb musste man mich nicht überreden. Ich habe allerdings keinen Vertrag unterschrieben oder so. Dem Vorstand und der Mannschaft habe ich mein Wort gegeben, dem Verein vorerst bis zur Winterpause zu helfen. Mein Wort halte ich. Die Mannschaft hat sogar nur unter der Voraussetzung weiter gemacht, dass ich sie trainiere.“

revierkick.de: Mit Jörg Sobiech und Ihnen selbst standen zuletzt zwei erfahrene Defensivspieler auf dem Platz. Wie lange wollen Sie Spielertrainer bleiben?

Thiele: „So lange wie es nötig ist und es meine Knie mitmachen. Zusammen mit dem oberligaerfahrenen Guido Sobiech im Tor und seinem Bruder Jörg versuche ich, die jungen Spieler von hinten heraus zu dirigieren. Mit unserer Erfahrung erkennen wir Angriffszüge der Gegner bereits relativ früh und können sie zumeist im Keim ersticken.

revierkick.de: Sie haben zu Beginn Ihrer Amtszeit die Viererkette abgeschafft und angekündigt, „unkomplizierter“ spielen zu wollen. Inwieweit wurde das bereits umgesetzt?
[imgbox-right]http://www.revierkick.de/include/images/gallery/img_thumb_174.jpg Eine schwere Knieverletzung verhinderte den Durchbruch von Stefan Thiele als Fußballprofi.[/imgbox]
Thiele: „Hinten spielen wir nun ganz klassisch mit einem Libero und zwei Manndeckern. Mit dieser Taktik ist Deutschland Weltmeister geworden. Die Abwehr hat dadurch viel mehr an Sicherheit gewonnen. Wir haben in unseren Reihen gute Fußballer, die aber allesamt noch jung und unerfahren sind. Die versuchen vorne ihre Tricks, die in der Jugend geklappt haben, aber gegen gestandene Bezirksligaspieler rein gar nichts nützen. Dadurch resultierten in der Vergangenheit viel zu häufig Ballverluste, die der Gegner zum eigenen Vorteil genutzt hat. Das müssen wir abstellen und zielstrebiger nach vorne spielen. Von heute auf morgen ist das aber nicht möglich. Es ist ein langer Prozess, der gerade erst begonnen hat.“

revierkick.de: Trotz der zwei Siege ist der STV Horst noch lange nicht aus der Abstiegszone heraus. Wie sehr sind Sie vom Klassenerhalt überzeugt?

Thiele: „Ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt. Am nächsten Sonntag kehren zwei rotgesperrte Spieler wieder in den Kader zurück, eine Woche darauf ein weiterer. Wenn wir alle Mann – auch die Langzeitverletzten und zurzeit noch nicht spielberechtigten Spieler - an Bord haben, werden wir noch schwieriger auszurechnen sein.“

revierkick.de: Im Forum von revierkick.de wurde die Entscheidung, Sie zum neuen Trainer zu befördern, sehr positiv aufgenommen. Es gab viele Glückwünsche und Aufmunterungen. Gab es auch kritische Stimmen im Umfeld?

Thiele: „Als ich die vielen positiven Reaktionen im Forum gelesen habe, musste ich mich erst einmal persönlich dafür bedanken. Kritik gibt es bei so einer Entscheidung wahrscheinlich immer, aber ich habe noch nichts davon mitbekommen.“

revierkick.de: Sie sind in Gelsenkirchen-Horst geboren worden und aufgewachsen. Ist das Engagement auch so etwas wie eine „Herzensangelegenheit" für Sie?

Thiele: „Ich hatte ja ursprünglich gar nicht vor, einen Amateurverein zu übernehmen. Wie sie sagten, bin ich in Horst geboren und der Platz war in meiner Jugend so etwas wie meine zweite Heimat. Jede freie Minute habe ich dort gekickt. Mir liegt viel an dem Verein aber die Entscheidung war nicht nur eine „Herzenssache“. Für ein Bezirksliga-Team sind die Voraussetzungen und das Umfeld sehr gut. Unseren Spielern werden die Schuhe geputzt und die Trainingssachen gewaschen. Das gibt es teilweise nicht einmal in der Oberliga. Außerdem lässt der Name „STV Horst Emscher-Husaren“ immer noch aufhorchen.“

revierkick.de: Am nächsten Sonntag (14.15 Uhr) gastiert Ihr Team beim TSB Gladbeck. Die Gladbecker haben 15 Punkte und zuletzt überraschend 2:3 beim bis dato punktlosen Tabellenletzten, der DJK TuS Hordel II, verloren. Wie schätzen Sie den Gegner ein?

Thiele: „Ehrlich gesagt kann ich dazu wenig sagen. Ich hatte leider noch nicht die Gelegenheit, die Gladbecker zu beobachten. Die Niederlage gegen Hordel kam für mich nicht überraschend. Die Mannschaft ist nicht so schlecht, wie es der derzeitige Tabellenplatz aussagt. Da werden noch einige Vereine Probleme haben. Die Partie am Sonntag ist natürlich sehr wichtig für uns, da wir gegen einen direkten Konkurrenten spielen. Ich hoffe, dass wir die bessere Tagesform haben werden.“

revierkick.de: Mit welcher Taktik werden Sie das Spiel angehen?

Thiele: „Ich bin ein Verfechter des Offensiv-Fußballs. Ich gewinne lieber 4:3 als 1:0. Man muss aber das Spielermaterial haben, um so spielen zu können. Wir haben auf den Außenpositionen zwei schnelle Leute. Ideale Konterspieler, die aber viel Platz brauchen. Ich werde mir überlegen, was am Sonntag die bessere Option sein wird.“

revierkick.de: Wird es in der Winterpause Verstärkungen geben?

Thiele: „Wir sind gerade dabei, den Markt zu sondieren. Ein oder zwei neue Spieler würden uns sicherlich weiter bringen. Aber sie müssen zu uns passen, finanzierbar und echte Verstärkungen sein. Wir werden wegen Neuverpflichtungen auf gar keinen Fall unnötiges Risiko eingehen. Ich bin davon überzeugt, dass auch mit dem jetzigen Kader der Klassenerhalt möglich ist.“

revierkick.de: Mit gerade einmal 33 Jahren sind Sie ein sehr junger Trainer. Welche Ziele haben Sie sich für Ihre Karriere an der Seitenlinie gesteckt?

Thiele: „Ich versuche mich Schritt für Schritt nach oben zu arbeiten. Das heißt, dass ich nicht ewig gegen den Abstieg spielen will, sondern irgendwann die Liga mitbestimmen möchte. Ich habe meine A-Lizenz und möchte noch meinen „Fußball-Lehrer“ nachschieben. Bei einigen Bundesligisten habe ich bereits ein Praktikum absolviert. Vielleicht bietet sich demnächst bei Bayer Leverkusen noch einmal so eine Gelegenheit. Mit Michael Skibbe habe ich ab und zu Kontakt. In einigen Jahren möchte ich selbstverständlich einen höherklassigen Verein trainieren. Wie hoch das sein wird, muss man sehen. Mein Traum wäre natürlich die erste Bundesliga.“

Autor: Thomas Ziehn

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