Ein bisschen verrückt muss man schon sein, wenn man im Ruhrgebiet - dessen höchster Punkt mit 420 Metern über dem Meeresspiegel gut und gerne als Hügel bezeichnet werden darf - einen Skilift eröffnet. 1987 hatte Gustav Adolf Siebe diese wahnwitzige Idee und errichtete an seiner Weide in Hattingen einen 200 Meter langen Schlepplift. Apres-Ski-Hütte inklusive.

Familie Siebe betreibt in Hattingen den einzigen Freiluft-Skilift im Ruhrgebiet

200 Meter Pistenspaß

Markus Kleine-Beck
16. Februar 2009, 12:47 Uhr

Ein bisschen verrückt muss man schon sein, wenn man im Ruhrgebiet - dessen höchster Punkt mit 420 Metern über dem Meeresspiegel gut und gerne als Hügel bezeichnet werden darf - einen Skilift eröffnet. 1987 hatte Gustav Adolf Siebe diese wahnwitzige Idee und errichtete an seiner Weide in Hattingen einen 200 Meter langen Schlepplift. Apres-Ski-Hütte inklusive.

Damit betreibt die Familie Siebe den ersten und einzigen Freiluft-Skilift im Ruhrgebiet. Flutlicht sorgt dafür, dass bei geeigneten Bedingungen – und die herrschen im Ruhrgebiet bekanntlich selten - Spaß auch unter dem Vollmond winkt. „Natürlich kommen keine ambitionierten Skifahrer hierher. Da steht der Spaß ganz klar im Vordergrund“, sagt Gustav Adolf Siebe, der vor mittlerweile 22 Jahren das Projekt Skilift in Angriff genommen hat. Dabei hatte er erst zwei Jahre vorher das Skifahren gelernt: „Ich bin mit meiner Frau vorher lieber im Winter in die Sonne gefahren, aber unsere beiden Töchter haben erst meine Frau und dieses Dreigespann, dann mich zu einem Kurs animiert. Von dem Tag an war ich begeisterter Skifahrer.“

„Natürlich kommen keine ambitionierten Skifahrer hierher. Da steht der Spaß ganz klar im Vordergrund.“

Und wie die beiden aus dem Urlaub kamen und sich die ein Hektar große, mit 17 Prozent Gefälle versehene Weide vor ihrem Gasthaus ansahen, kam ihnen die Idee zu einem Lift vor der Haustür. „Wir haben uns gedacht: Eine kleine Abfahrt wäre hier möglich, fehlt nur noch ein Lift. Es sollte eine reine Gaudi werden. Wir haben direkt mit Musikanlage und einer Aprés-Ski-Hütte geplant“, erklärt der Gastronom. Denn gerade der Einkehrschwung hatte dem Ehepaar bei ihren Urlauben zugesagt. Nachdem die Idee feste Formen angenommen hatte, wurden die Kontakte, die in den diversen Skiurlauben geknüpft wurden, angesprochen. „Danach sind wir zur Fachmesse für Technik im Gebirgstourismus „Intermontec“ nach München gefahren und haben dort unseren jetzigen Lift geholt.“ Der wurde vom Hersteller aufgebaut, wozu der Boden geebnet worden ist, die Liftführungen und Wendepunkte einfundamentiert wurden und das Flutlicht und die Musikanlage an den neuen Stromanschluss angeschlossen werden mussten. Mit dabei war zu Beginn auch noch eine Pistenraupe, die aber nach nur zwei aktiven Einsätzen in zwölf Jahren ihren Weg ins damals frisch geborene Internet-Versteigerungshaus Ebay fand. „Das war die naheliegendste Lösung für uns, auf eine Anzeige in der Zeitung hätten wohl nicht so viele Leute reagiert, wie auf diese Annonce“, sagt der Skilift-Betreiber. „So hat sich relativ schnell ein Käufer gefunden, der die Raupe in Papenburg zum Torf abtragen nutzen wollte“, schmunzelt der 70-Jährige.

[imgbox-left]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/010/540-10935_preview.jpeg Gustav Adolf Siebe auf seiner "Weide". (RS-Foto: Markus Kleine-Beck)[/imgbox]

Der Lift aber blieb, trotz immer weniger Schnee im Revier. „Insgesamt 35 bis 40 000 Mark hat das ganze damals gekostet“, erklärt Siebe. Geld, dass durch den wegen Schneemangel seltenen Liftbetrieb – eine Fahrt kostet einen Euro – allein nicht wieder reingekommen ist. Aber: „Jedes Mal, wenn es hier schneit und sich die ersten Skifahrer an uns erinnern, tun das auch die Zeitungen und andere Medien, sodass wir bald wieder in aller Munde sind.“ Eine besser Werbung gibt es kaum, und so hat der Lift über die Jahre für ausreichend Publicity gesorgt. So wie vor vier Wochen, als übers Wochenende 20 Zentimeter Schnee fielen und die Piste sofort gut gefüllt war. „Es war ja Schnee angekündigt, da haben wir uns das OK vom TÜV geholt, den Lift bereit gemacht und schon war hier der Teufel los.“ 3000 Leute, schätzt Siebe, haben sich pro Tag hier getummelt. „Aber die einen kommen, die anderen gehen, da verliert man schon mal leicht den Überblick“, relativiert er die Zahl.

Vor allem Kinder kommen oft und gerne zum Schlittenfahren an seinen Hang. „Es kommen teilweise ganze Schulklassen in Omnibussen angefahren, um hier ihren Tag zu verbringen.“ Unfälle sind vorprogrammiert. „Die Kinder haben alle Hände voll zu tun, nicht vom Schlitten zu fallen und fahren dementsprechend immer stur geradeaus – komme, was da wolle.“ Während die Eltern am oberen Ende des Hanges stünden und das Schauspiel lachend verfolgten. „Mehr als einen Beinbruch hat es aber hier noch nicht gegeben“, erzählt der Gastronom weiter.
„Jedes mal, wenn es hier schneit und sich die Skifahrer an uns erinnern, tun das auch die Zeitungen und andere Medien.“

Vorsichtiger gehen da die Skifahrer zu Werke, von denen ein nicht unerheblicher Teil aus rüstigen Rentnern besteht. „Die meisten fahren nicht mehr in den Skiurlaub, aber für einige Abfahrten auf meinem Hügel und ein Glas Glühwein im Anschluss reicht das Können noch.“

Und auch, wenn die Musikanlage nicht mehr funktioniert, Eratzteile langsam knapp werden und der Lift sich nicht rentiert, bereut Familie Siebe ihre Entscheidung nicht und will den Betrieb fortführen.

Falls in ein paar Jahren wieder genügend Schnee fällt.

Autor: Markus Kleine-Beck

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