Die Zwischenbilanz fällt deprimierend aus.

BVB: Verletzungspech wird zu finanziellem Drahtseilakt

rk
06. Januar 2004, 11:19 Uhr

Die Zwischenbilanz fällt deprimierend aus. "Wir verzeichnen das größte Verletzungspech eines Vereins in der über 40jährigen Bundesligageschichte", lautet die Begründung von Präsident Niebaum.

Die Zwischenbilanz fällt deprimierend aus. Der BVB rangiert satte 14 Zähler hinter dem Tabellenführer Werder Bremen in der Winterpause lediglich auf Rang sechs. Selbst der Rückstand auf das alljährliche Minimalziel Champions League-Qualifikation lässt bei zehn Punkten Differenz den Verantwortlichen den Atem stocken. Die Ursachenforschung ist ebenso schnell beendet wie der wenig erfreuliche Blick auf die Tabelle, denn bei zwischenzeitlich 15 zu ersetzenden Spielern erkennt sogar ein Laie, warum die Schwarz-Gelben bisher der Bundesligaspitze hinterhereilen. "Wenn ich in die Kabine komme, frage ich mich manchmal, ob ich überhaupt alle Anwesenden kenne", übte sich Matthias Sammer zwischenzeitlich sogar in Sachen Galgenhumor. Dr. Gerd Niebaum ist da nüchterner: "Wir verzeichnen das größte Verletzungspech eines Vereins in der über 40jährigen Bundesligageschichte."

Nicht nur das, es fielen ja nicht irgendwelche Kicker aus, sondern gleich zuhauf Leistungsträger, Korsettstangen, auf die keine Mannschaft so langfristig verzichten kann. Angefangen bei Christoph Metzelder, der ebenso wie Torsten Frings in der laufenden Spielzeit noch keine Meisterschaftspartie bestritt, über Marcio Amoroso, der nach einem blendenden Start mit gleich vier Treffern mit Knieproblemen frühzeitig passen musste, bis hin zu der extra von Real Madrid losgeeisten Verstärkung Flavio Conceicao oder "Außenminister" Leonardo Dede. Alles Namen, die fußballerisch auf der Zunge zergehen. "Auf Dauer können wir diese Qualität nicht ersetzen", mahnte der BVB-Coach zurecht Bescheidenheit an und war mit Rang sechs zur Halbzeit der Saison verständlicherweise noch nicht einmal unzufrieden: "So blind kann niemand sein, dass er diese Leistung nicht erkennt."

Es war und ist die Zeit der Jugend gekommen, nicht aus freien Stücken, sondern einzig allein aus der Not geboren. Die hängte sich mächtig rein, sammelte wie zum Beispiel Salvatore Gambino, der gleich mit zwei Toren gegen Bayer Leverkusen einen Schokoladentag erwischte, oder Sahr Senesie, der seinen ersten Bundesligatreffer mehrfach knapp verfehlte oder ihn vom Schiedsrichter in Frankfurt zu unrecht nicht anerkannt bekam, reichlich Pluspunkte. "Ein oder zwei Youngster wären ideal", analysierte Tomas Rosicky äußerst treffend, "aber vier oder fünf sind zu viel." Für jedes Team in der deutschen Eliteliga, denn das wahrlich ehrenwerte Bemühen der jungen Wilden kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Christoph Metzelder, der wie ein Komet nach seinem Wechsel aus Münster aufstieg, die Ausnahme und nicht die Regel ist.
Und wenn eine Elf sich mit dieser Personalmisere herumschlagen muss, dann darf sie sich, im Gegensatz zu einer normalen Spielzeit, keine Aussetzer erlauben. Diesem Druck hielten die "Rest-Borussen" nicht stand. Auftritte wie in Köln, Stuttgart oder Bochum waren einfach nur peinlich. Im Ruhrstadion schwächte Sebastians Kehls zweiter Platzverweis-Aussetzer innerhalb von gut zwei Monaten seine Farben zusätzlich nicht nur kurz-, sondern langfristig.

Unabhängig von der begrenzten Spielerzahl, die Sammer permanent zur Verfügung stand, riss die eklatante Auswärtsschwäche der Dortmunder weitere Punktelöcher, die richtig weh tun. Von acht Auftritten in der Fremde kehrten Jan Koller & Co. mit sechs Niederlagen im Gepäck zurück. Lediglich in Frankfurt (1:0) sowie zum Auftakt in Schalke (2:2) konnte gepunktet werden. Nur die beiden Aufsteiger Freiburg und Köln haben eine katastrophalere Auswärtsbilanz. Auch nicht unbedingt vorzeigbar ist die Anzahl der Gegentore, die BVB-Keeper Roman Weidenfeller kassierte. Satte 25 an der Zahl, die der Ex-Kaiserslauterer natürlich nicht im vollen Umfang auf seine Kappe nehmen muss, aber das eine oder andere Törchen war schon haltbar. Kein Wunder, dass der Blitztransfer von Jens Lehmann zu Arsenal London ins Visier der Kritik gerät. "In solchen Situation vermisse ich den Jens, denn der hat in der Kabine Klartext gesprochen", wies Lars Ricken nach der Pleite darauf hin, dass die einstige Nummer eins nicht nur seine Qualitäten auf dem Rasen, sondern auch mannschaftsintern hatte. Gerade Führungsspieler sind in der ersten Serie bei den Dortmundern schwer auszumachen gewesen, spätestens nach dem Ausfall von Dede.

Doch die sportlichen Probleme verblassen in diesen Tagen, wenn die Finanzen der Borussen auf den Tisch kommen. Das Ausgleichstor von Energie Cottbus, das den direkten Weg in die europäische Königsklasse verbaute und der zweite vergebene Matchball gegen den FC Brügge haben ein 30 Millionen Euro-Loch in die Kasse gerissen, das so gut wie nicht zu stopfen ist. Darum kann es in der Rückrunde für den BVB nur ein Ziel geben: Platz drei muss mit allen Mitteln ergattert werden, denn ein weiteres Jahr ohne das pekuniäre Füllhorn der Champions League kann nicht ohne drastische Einschnitte verkraftet werden. Da widersprich selbst Club-Boss Dr. Gerd Niebaum nicht: "Spielerverkäufe sind in diesem Fall zumindest kein Tabu mehr."

Autor: rk

Kommentieren