Thijs Waterink geht wieder ans Telefon. Das hat er wochenlang unterlassen, nachdem er Ende Januar bekannt gemacht hatte, dass er Geld angenommen hat von einem der Drahtzieher im Wettskandal.

PADERBORN - Was weiß Waterink?

tm
05. März 2005, 12:06 Uhr

Thijs Waterink geht wieder ans Telefon. Das hat er wochenlang unterlassen, nachdem er Ende Januar bekannt gemacht hatte, dass er Geld angenommen hat von einem der Drahtzieher im Wettskandal.

Thijs Waterink geht wieder ans Telefon. Das hat er wochenlang unterlassen, nachdem er Ende Januar bekannt gemacht hatte, dass er Geld angenommen hat von einem der Drahtzieher im Wettskandal. Der Fußballspieler war regelrecht untergetaucht und nirgends zu finden. Jetzt ist Thijs Waterink wieder zu sprechen, sagt aber nichts zur Sache, denn sein Anwalt möchte das so – von wegen schwebendem Verfahren. Immerhin gewährt der niederländische Mannschaftskapitän des SC Paderborn Einblick in sein Seelenleben: „Ich fühle mich in der Situation alleine gelassen.“

Sein Klub hat sich eine Weile nicht mehr bei ihm gemeldet, dabei möchte Waterink gerne zurück ins Geschäft: „Sie könnten doch fragen, wann ich wieder ins Training komme“. Doch Paderborn hat ihn von seinen Pflichten frei gestellt, wenigstens zahlen sie seine Bezüge weiter. Andererseits aber hatten sie sich noch schnell zum Ablauf der Transferfrist verstärkt, um seinen Ausfall im Kampf um den 2. Liga-Aufstieg kompensieren zu können; Waterinks Rückkehr in die Mannschaft des Regionalligazweiten genießt also keine besondere Priorität im Verein. „Wir warten seine Befragung durch den DFB und die Ergebnisse ab, dann entscheiden wir!“ sagt Michael Born, der Geschäftsführer.

Doch auch 5 ½ Wochen nach Bekanntwerden der Affäre hat weder der DFB noch die Staatsanwaltschaft bisher mit Thijs Waterink gesprochen. Seltsam, dabei könnte er doch ein wenig zu den Hintergründen, den Vorgehensweisen sagen. Für die staatliche Behörde aber ist er wohl ein zu kleiner Fisch, denn selbst wenn er alle Hintergründe gekannt hätte, müsste er kaum mit einer Anklage rechnen. „So ein Verfahren wird normalerweise gegen eine Spende für einen wohltätigen Zweck eingestellt,“ glaubt Günter Jäck, ein Strafrechtsexperte aus Karlsruhe, der Stadt des Bundesgerichtshofes. Die strafrechtliche Schuld sei einfach zu gering. Das findet auch sein Anwalt Jost Ferlings: „So einer wie Waterink interessiert die doch erst in zweiter Linie.“

Thijs Waterink hat zugeben, im August 2004 vor dem skandalösen Pokalspiels gegen den Hamburger SV in der Nähe des Hermann-Löns-Stadions 10.000 Euro von einem Unbekannten angenommen und am nächsten Tag in der Kabine verteilt zu haben. Jeder aus Mannschaft und Betreuerstab habe 500 Euro erhalten. Das hat dem Präsidenten seines Klubs, Wilfried Finke, erzählt und der hat es am 31. Januar auf einer etwas sonderbaren Pressekonferenz in Paderborn publik gemacht. Zu Schnittchen und Kaffee lud der komplette Vorstand des Sportclubs in die Vereinsgaststätte und Finke gab – vom Hörensagen, wie er behauptete – seine Darstellung der Dinge.

Flugs streute er noch die Theorie, dass neben Schiedsrichter Hoyzer und seiner Mannschaft sicher auch die des HSV beteiligt gewesen sei; man müsse nur mal die Videoaufzeichnung des Spieles studieren. Die Paderborner Verstrickung in das Geschehen ordnete er sehr übersichtlich und zudem sehr komfortabel für sich: ein Beteiligter, null Mitwisser, dazu eine unverfängliche Sonderprämie eines wenn auch vielleicht etwas dubiosen Gönners.

Diese Version jedoch ist eher absurd. Alles deutet darauf hin, dass in Paderborn mindestens einer wusste, was auf dem Platz vor sich geht. Weil Waterink zu allen Vorwürfen schweigt, schafft er keinen davon aus der Welt. Sein Rechtsanwalt, der ihn als Beschuldigten und nicht als Zeugen einstuft, will von dieser Linie nicht abrücken.

Was also geschah am 23. August 2004? Auf Vermittlung des früheren Paderborner Spielers Andreas Zimmermann soll sich Waterink im Wald neben dem Stadion mit dem Unbekannten, einem der inhaftierten kroatischen Brüder, getroffen haben. Was aber haben die beiden besprochen? Was wusste Waterink? Und was gab er seinen Mannschaftskollegen weiter?

Inzwischen hat Robert Hoyzer, der geständige Skandalschiedsrichter, zu Protokoll gegeben, er habe Waterink während des Spiels beim Stand von 2:0 für Hamburg zugeraunt: „Mach mal was!“ Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass er in dieser Beziehung die Unwahrheit sagt. Wenig später fiel der Niederländer im Strafraum, Hoyzer gab dafür einen völlig unberechtigten Elfmeter und schob so den Außenseiter auf die Siegstraße, letztlich gewann Paderborn, auch dank eines zweiten aus der Luft gepfiffenen Elfmeters, mit 4:2.

In Zweifel gezogen hat Waterink bisher keine dieser Tatsachen und Behauptungen. „So lange mein Mandant nicht weiß, was los ist, kann er nichts sagen“, behauptet sein Anwalt Jost Ferlings und beruft sich auf ungenügende Akteneinsicht durch die Staatsanwaltschaft Berlin. Ihm fehlten vor allem Informationen darüber, was die kroatischen Beschuldigten bisher ausgesagt hätten.

Wovor aber fürchtet er sich da? Wenn es keine Verabredung gegeben hätte, dass Waterink bei dem Betrug mithilft, warum sollte Waterink das für sich behalten?

Es ist eine abstruse Situation: Da hat also ein Klub von einer Spielmanipulation profitiert, in einer zusätzlichen Runde im DFB-Pokal auch noch daran verdient, und es gibt nur ein Bauernopfer in einem Kaff nahe Arnheim. Der 36 Jahre alte Fußballprofi Thijs Waterink sitzt dort und sieht das Ende seiner Karriere näher kommen – in einem unscheinbaren Reihenhaus an einer unter dem Lehm der Baufahrzeuge versunkenen Straße in einer bescheidenen Neubausiedlung. Viel mehr wird nicht geblieben sein aus 17 Berufsjahren eines mittelmäßigen Fußballspielers, der für den SC Wageningen gekickt hat oder den FC den Bosch, für den FC Gütersloh, Arminia Bielefeld u. a. 21mal in der Bundesliga, für den Karlsruher SC oder nun Paderborn. Wegen 500 Euro Zusatzprämie droht ihm der Job nun verloren zu gehen.

Autor: tm

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