Gewalt auf deutschen Fußballplätzen ist ein Thema, das in den letzten Wochen wieder nach ganz oben auf die Tagesordnung gerückt ist. Auslöser für ein immenses Medienecho waren Vorfälle bei Oberliga- und Regionalligapartien. Gewalt unter Fans und unter Spielern, Attacken gegen Schiedsrichter – viele sensationsträchtigen Geschichten kamen an die Öffentlichkeit, die alle Ausdruck ein und desselben Problems zu sein scheinen. Die Fußballplätze des Ruhrgebiets bilden da keine Ausnahme. Was können Vereine und Funktionäre tun, um die Auswüchse einzudämmen? Kann man solchen Vorfällen entgegenwirken, sie im Vorfeld verhindern?

Revier: Das "Gewaltproblem" auf den Sportplätzen

„Viele haben Angst, auf den Sportplatz zu gehen“

Felix Guth
08. November 2006, 19:46 Uhr

Gewalt auf deutschen Fußballplätzen ist ein Thema, das in den letzten Wochen wieder nach ganz oben auf die Tagesordnung gerückt ist. Auslöser für ein immenses Medienecho waren Vorfälle bei Oberliga- und Regionalligapartien. Gewalt unter Fans und unter Spielern, Attacken gegen Schiedsrichter – viele sensationsträchtigen Geschichten kamen an die Öffentlichkeit, die alle Ausdruck ein und desselben Problems zu sein scheinen. Die Fußballplätze des Ruhrgebiets bilden da keine Ausnahme. Was können Vereine und Funktionäre tun, um die Auswüchse einzudämmen? Kann man solchen Vorfällen entgegenwirken, sie im Vorfeld verhindern?

Selten fiel das Ergebnis einer Umfrage auf revierkick.de so deutlich aus, wie zum Thema „Besserer Schutz für Schiedsrichter“. Mehr als drei Viertel der User sprachen sich für härtere Sanktionen aus, kaum jemand dagegen. Nur etwa zwölf Prozent meinten, härtere Strafen lösten die Probleme nicht. Dieses Ergebnis macht auch deutlich: Diejenigen, die ihre charakterliche Unfähigkeit und ihren Frust auf dem Sportplatz ausleben, sind eine krasse Minderheit. Jedoch eine, die es immer wieder schafft, Aufsehen zu erregen und den Amateurfußball in ein negatives Licht zu rücken.

Seinen vorläufigen Tiefpunkt erreichte die neue Diskussion vor zwei Wochen, als im Kreis Siegen/Wittgenstein ein kompletter Spieltag abgesagt wurde. Eine Lösung für die Probleme?

Keineswegs, wenn es nach Ulrich Jeromin, dem Vorsitzenden des Fußballkreises Bochum, geht. „Damit haben die Verantwortlichen ihr Pulver doch schon verschossen“, sagt Jeromin, der in seinem Kreis allein für 239 Vereine in Bochum, Witten und Hattingen verantwortlich ist. Er setzt auf eine etwas behutsamere Taktik: „Man muss den Kontakt mit den Vereinen aufnehmen.“

Diese Kontaktaufnahme scheint dringlicher denn je. Denn auch in Jeromins „Hoheitsbereich“ häuften sich zuletzt die Fälle. Beim Hattinger Klub VfL Winz-Baak kam es binnen weniger Wochen gleich zu zwei Spielabbrüchen. Bei einem Kreisliga-C-Spiel der Reserve des Türkischen SV Witten reagierte ein Spieler auf einen Platzverweis wegen eines Tritts in den Unterleib mit einer weiteren Kopfstoß-Attacke gegen das Opfer. Ganz zu schweigen von der Massenschlägerei auf dem Wittener Husemann-Sportplatz die sich erst kürzlich jährte und die nicht nur republikweit für Schlagzeilen sorgte, sondern auch zivilrechtliche Folgen hatte. Nur wenige Beispiele, die erklären, warum der Bochumer Kreis-Schiedsrichter-Obmann Theo Mennecke sagt: „Das Maß ist voll.“[imgbox-right]http://www.revierkick.de/include/images/gallery/img_thumb_154.jpg Für Theo Mennecke (Schiedsrichterobmann im Kreis Bochum) "ist das Maß voll".[/imgbox]

Unterstützung erhält er von seinem Gelsenkirchener Kollegen, Fritz Grun, Schiedsrichter-Lehrwart des Kreises, der sagt: „Was sich in den unteren Ligen Woche für Woche teilweise abspielt, ist beschämend. Da müssen die Funktionäre noch härter als bisher durchgreifen.“

Denn es ist nicht die Tatsache von Gewaltausbrüchen auf dem Sportplatz allein, die Besorgnis erregend ist. „Die Problematik hat sich im Verlauf der letzten Jahre gesteigert“, meint Mennecke. Er sorgt sich daher um die Sicherheit „seiner“ Schiedsrichter. „Viele haben Angst, auf den Sportplatz zu gehen“, berichtet er.

Deshalb richtete der Schiedsrichter-Ausschuss einen dringenden Appell an die Vereine. „Es muss eindeutige Solidaritätsbekundungen gegenüber den Unparteiischen geben. Wir sind keine Menschen zweiter Klasse.“ Nur ein empörtes Kopfschütteln hat Mennecke für die Aussagen von Bundesliga-Bossen wie Bayerns Uli Hoeneß, bei der Becherwurf-Attacke aus dem Pokalspiel in Stuttgart habe es - sinngemäß - „nur“ den Schiedsrichter-Assistenten getroffen und keinen Spieler.

Alarmierende Aufrufe sind das eine - konkretes Handeln das andere. Um die Aggressivität seitens der Zuschauer einzudämmen, hat der Kreis Bochum eigenständig die Präsenz von mindestens einem Ordner pro Spiel festgeschrieben. Im Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen (FLVW) werde eine Verpflichtung jedoch kritisch beäugt, sagt der Bochumer "KSO" Mennecke.

Eine weitere Anregung kommt von der Fußballfachschaft in Witten. „Es ist die Frage, ob man die Vereine vor auffälligen Spielern warnen kann“, sagt deren Vorsitzender Walter Hafermas. Ob die Erstellung und Verwaltung einer „schwarzen Liste“ aber überhaupt möglich ist, bleibt offen.

Letztlich stehen die Vereine in der Pflicht, mit größerer Konsequenz auf Gewaltaktionen ihrer Spieler zu reagieren. „Die Spieler dürfen keine Plattform haben“, fordert Theo Mennecke. Beim in Witten betroffenen Türkischen SV ließ die Reaktion nicht lange auf sich warten. „Der Spieler wird für uns nicht mehr auflaufen“, sagt Geschäftsführer Cengiz Burunc. Dabei müssen die Vereine jedoch eine rechtlichen Aspekt bedenken. „Der Vereinsausschluss ist der falsche Ansatz. Denn dann können die Spieler nicht mehr so einfach sportrechtlich belangt werden“, sagt Theo Mennecke.

Noch vor dem Rechtweg lautet die Devise: Wehret den Anfängen. „Bei den Vorfällen im Jugendbereich sind fast zu 50 Prozent Trainer und Betreuer die Auslöser“, meint Lothar Reichmann, seit über 50 Jahren als Schiedsrichter im Ruhrgebiet unterwegs. Er plädiert für eine bessere pädagogische Ausbildung der „Übungsleiter“.

Letztlich fällt auf: Es gibt eine Fülle an Ideen und Wegen, dem Gewaltproblem im Sport zu begegnen. Bochum steht da nur exemplarisch für die anderen Kreise im FLVW. Wichtig scheint hierbei der gemeinsame Wille, sich auf eine Linie zu einigen. Denn die Wirkung von Einzelgängen wie jüngst in Siegen ist schnell verpufft.

Autor: Felix Guth

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