Aktuell hat sich die Nationalmannschaft für die WM 2007 qualifiziert, es gab wenig Zweifler am aktuellen Titelverteidiger und EM-Champion. Elektrisierend ist das Happening in China, allerdings noch mehr die Absicht, das Turnier 2011 nach Deutschland zu holen. Dr. Theo Zwanziger, DFB-Präsident:

Zukunft des Fußballs ist weiblich - Vom Verbot zur Prosperierung

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03. Oktober 2006, 09:31 Uhr

Aktuell hat sich die Nationalmannschaft für die WM 2007 qualifiziert, es gab wenig Zweifler am aktuellen Titelverteidiger und EM-Champion. Elektrisierend ist das Happening in China, allerdings noch mehr die Absicht, das Turnier 2011 nach Deutschland zu holen. Dr. Theo Zwanziger, DFB-Präsident: "Wir arbeiten daran." Zukunftsmusik, die einen Rückblick lohnt!

Aktuell hat sich die Nationalmannschaft für die WM 2007 qualifiziert, es gab wenig Zweifler am aktuellen Titelverteidiger und EM-Champion. Elektrisierend ist das Happening in China, allerdings noch mehr die Absicht, das Turnier 2011 nach Deutschland zu holen. Dr. Theo Zwanziger, DFB-Präsident: "Wir arbeiten daran." Zukunftsmusik, die einen Rückblick lohnt! Markantes Datum: 1971 wurde der Frauenfußball im Verband Niederrhein salonfähig, "Titanenarbeit" begann, einer Sportart verdiente Akzeptanz zu vermitteln. Auch administrativ, die Satzungs-Strukturen erhielten elf Jahre später einen Ausschuss für Frauen- und Mädchenfußball.
Knapp dreißig Jahre nachdem sich Mitte der "Fünfziger" Frauenclubs in der Bundesrepublik gründeten. Damals im Kampf gegen Windmühlen und gegen chauvinistische Verbote durch Verbands-Großkopferte in ihrer Angst vor weiblicher Subversivität. Wenn man bedenkt, dass es den Versuch gab, mit Gesundheitsargumenten gegen Frauenfußball, der "jedem sportlichen Empfinden" oder Ästhetik widersprach, als Jahrmarkt-Attraktion verschrien, medial auch mit Sexismus bekämpft, vorzugehen, weiß man, wie absurd die Behandlung war. Das Verbot wurde erst am 31. Oktober 71 vom DFB aufgehoben, was nicht das automatische Aus von Vorurteilen, Spott, Ressentiments nach sich zog. Stollenschuhe blieben verboten, eine Winterpause dauerte sechs Monate. Die Entwicklung war nicht aufzuhalten, musste sich zwangsläufig in Ligenstrukturen ausdrücken: Landesligen entstanden (73/74), Verbandsliga (81/82), Regionalliga West (85/86) sowie als Konsequenz die zweigeteilte Nord- und Süd-Bundesliga (90/91). Die jeweils beiden Erstplatzierten spielten - seit 93 über die Matchdauer von zweimal 45 Minuten - über Halbfinale und Endspiel den Gesamtsieger aus. Erster Champion war der TSV Siegen (4:2-Finalerfolg über den FSV Frankfurt). Das erste offizielle Endspiel um die Meisterschaft gab es am 8. September 74, der TuS Wörrstadt schlug DJK Eintracht Gelsenkirchen-Erle 4:0. 97 kam es zur Eingleisigkeit, eine semiprofessionelle Konzentration der Ressourcen. Herausragendes deutsches Team ist seit dem der 1. FFC Frankfurt (99, 2001, 02, 03, 05 jeweils Meister), 02, 06 auch UEFA-Pokal-Sieger der Vereinsteams. Die Nationalmannschaft gibt es seit 82 (erster Bundestrainer war Gero Bisanz bis 96), genau wie eine Pokalkonkurrenz (74/75) sowie eine Indoor-Cup-Runde (85/86). Der Niederrhein hat seit 76 eine Verbandsauswahl.
Die Club-Erfolge blieben nicht aus, ein NRW-Aushängeschild war der KBC Duisburg, dem der FC Rumeln-Kaldenhausen 55 folgte, aus dessen Frauenabteilung im Sommer 01 der aktuelle FCR 2001 Duisburg hervorging: 85 wurde der KBC Deutscher Meister, 83 DFB-Pokal-Sieger. Der FCR holte 98 den Cup, 2000 den Titel, ist seit Jahren neben dem 1.FFC Frankfurt und FFC Turbine Potsdam eines der großen deutschen Teams.
Das erste europäische Turnier der UEFA gewann Schweden am 25. August 84 nach Elfmeterschießen im englischen Luton gegen England, insgesamt nahmen 16 Länderauswahlen teil. 57 wurde in Berlin ein privat organisiertes internationales Turnier veranstaltet, medial als Europameisterschaft beschrieben. Ort des Geschehens war das Poststadion, Teilnehmerinnen kamen aus England, Holland, Österreich, Deutschland. Insgesamt ein finanzielles Fiasko, das vor dem Kadi endete. 70 folgte in Italien die erste - inoffizielle - WM. Durchaus ersthaft, der Veranstalter war Spirituosenhersteller Martini & Rossi. Dänemark wurde vor 35000 Zuschauern Titelträger.
International feierte Deutschland 89, 91, 95, 97, 2001, 05 die Europameisterschaft, 95 auch die Vize-Weltmeisterschaft (0:2 gegen Norwegen). Am 13. August 03 wurde die DFB-Auswahl - zehn Jahre nach dem globalen Premiere-Turnier in China - Welt-Champion (2:1 gegen Schweden in den USA), holte 04 in Athen olympisches Bronze, genau wie 2000 im australischen Sydney. Mit eigenen Trikots, die es allerdings erst seit 99 durch den DFB gab. Verantwortliche Nationaltrainerin war Tina Theune-Meyer, die das Zepter am 1. August 05 an die 111-fache Nationalspielerin Silvia Neid übergab.
Eine ehemals als unfein, nicht integrierbar und nicht förderungswürdig deklarierte Sportart, die ausgelacht, verboten wurde, wird gefeiert: International, olympisch. Wie soll man auch an bald einer Millionen Frauen und Mädchen als integralem gesellschaftlichem Bestanteil vorbei gehen, die in Deutschland kicken, weltweit sind es etwa 30 Millionen in über 100 Verbänden. Wie soll man die Tatsache ignorieren, dass das deutsche WM-Finale 03 zur "prime time" via TV übertragen wurde und eine Fernsehkulisse von 13,6 Millionen Zuschauern lockte.
Welch eine Entwicklung des Renommees der selbständigen Sportart Frauenfußball, noch 95 verbot der DFB - bemüht um ein "sauberes" Image - Teilen der Nationalmannschaft, an den damals in Frankfurt angesetzten Euro-Games, einem jährlich stattfindenden schwul-lesbischem Sport-Großereignis, angelehnt an die Olympischen Spiele, am Badminton-Wettbewerb teilzunehmen.
Alles bald 112 Jahre nachdem sich der erste Frauenfußballverein der Welt 1894 gründete - natürlich in London, England: Der British Lady Football Club. Eine der Leitfiguren hieß markanterweise Netti Honeyball. Damals tatsächlich noch mit Showelementen, die von Stadt zu Stadt präsentiert wurden, Geld wurde verdient, gewissermaßen sozialistisch und proletarisch. 1892 erging das Verbot der Football Association (FA), gegen "Lady Teams" zu spielen. Die Entwicklung wurde schon damals nicht aufgehalten, höchstens gehemmt.
Allerdings wurde schon im frühen 18. Jahrhundert in Schottland gespielt, ohne Club-Strukturen. Ein kaledonischer Ritus auf den Hügeln von Inverness zwischen verheirateten und unverheirateten Frauen und Mädchen, mit Bäumen als Torpfosten, mit einer gefüllten Tierblase als "Ball", mit Männern auf Brautschau als Kulisse. Dokumentiert ist der "Sport" schon aus dem 12. Jahrhundert: In Frankreich wurde von Bäuerinnen "La Soule" mit einem Lederobjekt praktiziert, das mit Schleifen geschmückt war, auch bei den "Inuit" (so nennen sich die Eskimos selbst) gab es ein verwandtes Spiel. Der Fußball an sich wird auch schon den Chinesen zugeschrieben, die vor 3000 Jahren eine Beschäftigung mit dem Begriff "Tsu Chu" kannten. Eine Entsprechung kannte das antike Griechenland ("Episkyros").
Der 1. Weltkrieg veränderte die herkömmliche Rollenverteilung von Mann und Frau: Die Frau dominierte auf dem Feld, in den Fabriken, man spricht von Solidarität, die sich im Spiel spiegelte, die Emanzipation der Frau im Fußballteam. Beispielhaft: Die Dick Kerr´s Ladies, die als Betriebsmannschaft einer Munitionsfabrik 1920 das erste internationale Spiel gegen Femina Paris vor 61000 Zuschauern im Londoner Chelsea austrugen. Zu einem nationalen Match dieser Auswahl strömten über 53000 Zuschauer in den Goodison Park des FC Everton (Liverpool). Dominiert jedoch durch den Gedanken von Charity.
In Deutschland wurde in Frankfurt 1930 der 1. Deutsche Damen-Fußballclub (DDFC) gegründet, im Zuge der gesellschaftlich-politischen Entwicklung (33 erfolgte die Machtübernahme der Nazis) ohne viel Perspektive, das damalige Frauenbild sah vielleicht Gymnastik vor, keinesfalls Fußball. Das sah auch der DFB 55 noch so. Wie gesagt, erst 71 dachte man"n" wirklich um. Alles auch auf Initiative der UEFA, eine Abspaltung der Frauen wurde befürchtet, schließlich gab es bereits im November 69 die Gründung der "Confederation of Independent European Female Football". Dazu kam die genannte inoffizielle WM in Italien.
Letztendlich konnte sich der DFB einer europäischen Entwicklung nicht entziehen, in der damaligen CSSR wurde vom Club Sparta Prag eine offizielle Frauenmannschaft ins Leben gerufen, selbst in der DDR gab es Frauenspiele Ende der Sechziger, ab 79 Titelkonkurrenzen. Allerdings nur ein (!) Länderspiel: Am 9. Mai 90 - nach der Wiedervereinigung - gegen die Tschechoslowakei (0:3).
Die Frage bewegt, ob mehr als die genannte Semiprofessionalität möglich ist? Die von Time Warner mit 40 Millionen Dollar gesponserte WUSA (Women's United Soccer Association), die 2001 gegründete Profiliga in den USA (Verdienstmöglichkeit zwischen 25000 und 40000 Dollar), machte vor der WM 2003 Bankrott, etwas vergleichbares soll wieder entstehen. Große Turniere werden angenommen, der Ligabetrieb jedoch nicht im gleichen Maß. Notiz am Rande: Vor knapp 26 Jahren erhielten die Spielerinnen der Nationalmannschaft für ihren EM-Titel jeweils ein 40-teiliges Kaffeeservice.
Dafür hat der DFB mittlerweile mit Dr. Zwanziger einen geschäftsführenden Präsidenten, der sich als echter Freund des Sports versteht, der über den Tellerrand schaut und den Frauenfußball als "Überlebenschance für die Vereine" bezeichnet. Kein Wunder, wenn man sich die Zuwachs-Ziffern auf der Zunge zergehen lässt. Wie gesagt, ehemals verlacht und verdammt, jetzt für die Mitgliederzahlen ein existenzieller Faktor. Fakt: Bald 900000 der weit über sechs Millionen DFB-Mitglieder sind weiblich, sechs von zehn Mädchen drängt es zum Fußball. Der Titel des durch den DFB, dem Westdeutschen Fußball- und Leichtathletikverband (WFLV), dem Sportministerium NRW und dem Landessportbund NRW im April 05 veranstalteten ersten Mädchen- und Frauenfußballkongress ist markanter denn je: "Die Zukunft des Fußballs ist weiblich."
Wie gesagt, eine nahezu globale Entwicklung, schließlich legt sich auch FIFA-Präsident Sepp Blatter fest: "Frauen spielen genau die Art von Fußball, die wir alle sehen möchten: Elegant, technisch hochstehend, offensiv." Vor allen Dingen in der Hochburg NRW: Neben dem FCR Duisburg spielt auch die SG Essen-Schönebeck in der höchsten Liga, genau wie der FFC Heike Rheine und der FFC Brauweiler-Pulheim. Auch wenn es vielen vielleicht weh tut, der Fußball ist schon lange kein maskulines Refugium mehr. Stöckel- und Stollenschuh, das ist keine widersprüchliche Inszenierung mehr, die Bastion Fußballsport dient nicht mehr der Verfestigung von herkömmlichen Geschlechterrollen.Oliver Gerulat

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