In München wurden die Karten wieder neu verteilt: Das fünfte 1860-Präsidium in vier Jahren will den Klub befrieden, der wegen einer Privatfehde zwischen Präsident von Linde und Geschäftsführer Ziffzer 15 Monate führungslos dahinschlingerte.

1860: Einmal Chaos, immer Chaos?

"Wenn hier einer das Sagen hat, bin ich es"

Tim Jürgens
07. Juli 2008, 15:39 Uhr

In München wurden die Karten wieder neu verteilt: Das fünfte 1860-Präsidium in vier Jahren will den Klub befrieden, der wegen einer Privatfehde zwischen Präsident von Linde und Geschäftsführer Ziffzer 15 Monate führungslos dahinschlingerte.

Zwischenmenschliche Beziehungen sind zerbrechliche Gebilde. Manche Menschen können einfach nicht miteinander. Eine hochgezogene Augenbraue, eine schräge Formulierung, ein extrovertiertes Outfit, eine Bitte als Befehl gebellt, was auch immer – und das Verhältnis ist auf ewig vergiftet. Zwischen Löwen-Präsident Albrecht von Linde und dem Geschäftsführer der 1860-Fußballabteilung, Stefan Ziffzer, flogen jedenfalls vom ersten Augenblick der Zusammenarbeit an die Fetzen. Der feine Unternehmersohn aus dem edlen Vorort Starnberg hatte seinen Vorstandsjob an der Grünwalder Straße gerade angetreten, als der knorrige Sanierer mit hessischen Wurzeln ihm bereits das erste Mal drohte, persönliche Konsequenzen zu ziehen. Der Grund dafür hätte banaler nicht sein können. Ein Konflikt streng nach den eitlen Prinzipien preußischen Beamtentums geführt, die da lauten: »Das haben wir schon immer so gemacht! Das war noch nie so! Und wenn hier einer das Sagen hat, bin ich es.«

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Ende März 2007 hatte der frisch berufene Vorsitzende von Linde sich bei seiner Ankunft in der Geschäftsstelle als neues Büro den großen Konferenzraum ausgeguckt. Mehr als einen Blick auf die Trainingsplätze hat der Besucher von dort zwar auch nicht, aber es ist das größte Zimmer in dem schmucklosen Bau an der Grünwalder Straße. An den Wänden hängen Bilder früherer Löwen-Präsidenten. Doch der Gast hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht, und dafür hielt sich zweifelsohne Manager Ziffzer. Denn das Hausrecht in dem Gebäude liegt zumindest auf dem Papier bei der Fußballabteilung von 1860 (KGaA), über deren Wohl und Wehe Ziffzer zu befinden hatte. Der Verein (e.V.), dem der Präsident vorstand, ist lediglich in zwei – wesentlich kleineren – Räumen des Gebäudes Mieter. Ein Wort gab das andere, von Linde verwies auf seine Weisungsbefugnis gegenüber dem Geschäftsführer, der wiederum schroff entgegnete, wenn der Präsident ihm Vorschriften machen wolle, sei er schneller weg, als er seine Möbel in das Büro gestellt habe. Morgens um halb zehn in Deutschland. Erst am Nachmittag waren die Streithähne wieder in der Lage, halbwegs ein Wort miteinander zu wechseln.

Es war erst der Anfang eines im modernen Profifußball selten gewordenen Possenspiels aus Eitelkeiten, Intrigen und Machtdemonstrationen, das sich bis zu Ziffzers fristloser Entlassung am Pfingstsonntag 2008 vollziehen sollte. Der 2. Vorsitzende der 60er, SPD-Landtagsabgeordneter Franz Maget, fasst die zähe Leidenszeit zusammen: »Ich habe Stunde um Stunde in Sitzungen zugebracht, um mir Streitereien anzuhören.« Vordergründig ging es in der Auseinandersetzung um die wirtschaftliche Ausrichtung des Klubs – um die konträre Einstellung der Protagonisten zu Kostenreduzierung und Ertragssteigerung –, im Kern aber meist nur um eine Frage: Wer hat das Kommando?

Vor von Lindes Inthronisierung konnte Ziffzer im Schattenreich der KGaA walten wie ein Gutsherr. In der Geschäftsstelle schmunzelten die Mitarbeiter, wenn der Boss wieder mal vom Traumpaar »Stefan & Stefan« schwadronierte, »dem besten Managerteam Europas«, und damit Sportdirektor Stefan Reuter und sich selbst meinte. Sein damaliger Präsident Alfred Lehner quatschte Ziffzer nicht in die Geschäfte, genoss den Ruhm eines Sechz’ger-Bosses und repräsentierte still, so, wie sich mächtige Geschäftsführer ihre Spitzenfunktionäre wünschen. Ziffzer war im April 2006 angetreten, um den verschuldeten Klub vor der Insolvenz zu retten. Mit dem Verkauf der 1860-Anteile an der Allianz Arena an den FC Bayern sicherte der ehemalige Manager des Kirch-Konzerns den Blauen die Lizenz. Mit diesen Meriten zog er nicht nur die Sponsoren des Vereins auf seine Seite. Auch viele Fanpuristen, die den Duz-Freund von Uli Hoeneß vorher als zwielichtige Gestalt ohne wahres Löwen-Herz, mitunter sogar als Spion des FCB betrachtet hatten, fanden Gefallen an dem coolen Wirtschafter.

Autor: Tim Jürgens

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