Deutschland hat sich bis ins Finale vorgekämpft - und zugesehen haben vor allem die Frauen.

EM: Mehr weibliche TV-Seher als männliche

Frauen stehen auf `Rudelgucken´

sid
27. Juni 2008, 12:00 Uhr

Deutschland hat sich bis ins Finale vorgekämpft - und zugesehen haben vor allem die Frauen.

Was den Quoten-Wächtern bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 erstmals vereinzelt aufgefallen war, hat sich nun bei der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz bestätigt und sogar noch verstärkt: Mehr Frauen als Männer verfolgen die Auftritte von Poldi, Schweini und Co. an den Fernsehschirmen in Deutschland. Gleich bei drei der bisher fünf EM-Auftritte der Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw waren die Frauen unter den TV-Zuschauern in der Mehrzahl.

Ließen sie bei den ersten beiden Gruppenspielen gegen Polen und Kroatien den Männern noch den Vortritt, schalteten sie sich laut media control verstärkt bei den entscheidenden Spielen gegen Österreich (13,32 Mio. Frauen ab 14 Jahren/13,21 Mio. Männer), Portugal (13,31/12,80) und gegen die Türkei (14,11/13,40) ein. Das in Baden-Baden ansässige Unternehmen wertet anhand der Daten von knapp 6000 ausgewählten Haushalten, darunter 140 mit EU-Ausländern, die TV-Quoten aus und rechnet sie auf die Gesamtbevölkerung hoch. Erfasst werden dabei allerdings türkische TV-Seher genauso wenig wie die Besucher von Public-Viewing-Veranstaltungen.

Die tatsächliche Zahl der Zuschauer liegt also stets höher als angegeben. Für Psychologen lassen sich unterschiedliche Erklärungen für das Phänomen der neuen Fußball-Begeisterung der Frauen finden. `Die emotionale Komponente des Fußballs spricht die Frauen an, da finden Emotionen statt und es dürfen auch welche gezeigt werden´, sagt Sportpsychologin Prof. Dr. Dorothee Alfermann von der Universität Leipzig. Zudem gehöre Fußball mittlerweile auch bei vielen Frauen zum Leben, und von der (Männer-)Gesellschaft werde das akzeptiert.

Zu dieser Entwicklung habe auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) beigetragen, der den Frauen-Fußball in den vergangenen Jahren verstärkt gefördert habe. Ein weiterer wichtiger Grund für das hohe Interesse der Frauen laut Alfermann: `Fußball-Ereignisse haben eine nationale Bedeutung bekommen.´ Auch ihr Kollege Prof. Dr. Jens Kleinert vom Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule in Köln hat gesellschaftliche Veränderungen als Basis für die neue Lust der Frauen am `sozialen Phänomen Fußball-Schauen´ ausgemacht.

`In den vergangenen Jahren hat sich eine Verschiebung ergeben, der starke Geschlechterunterschied wurde aufgeweicht´, sagt Kleinert. Zudem gebe es seiner Meinung nach zuweilen `ein falsches Frauenbild. Die suchen genauso wie Männer die Aufregung und den Thrill´. Allerdings sieht der Sportpsychologe wichtige Kriterien, die für die Frauen erfüllt sein müssen: `Gerade Frauen schauen gern in Gesellschaft Fußball - Männer auch schon mal allein. Bei Frauen ist das soziale Motiv stärker gewichtet als bei Männern. Fußball allein zu schauen, ist für die meisten Frauen eher langweilig. Aber Fußball mit anderen - das ist was Tolles.´

Der Psychologe verwendet in diesem Zusammenhang den Begriff des `Rudelguckens´. Von der Fröhlichkeit, die in gemeinsamer TV-Runde entstehe, ließen sich die Frauen besonders anstecken, meint Psychologie-Professor Adolf Vukovich von der Universität Regensburg. `Fußball-Übertragungen sind für die Frauen ein Blick ins emotionale Paradies´, sagt Vukovich und meint damit, dass es den Frauen besonders gefalle, dass beim Fußball-Schauen emotional alles erlaubt sei, was gefällt.

Autor: sid

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