Deutschland-Türkei im Halbfinale der EM. Das letzte Aufeinandertreffen bei einem großen Turnier fand 1954 statt. In Reihen der türkischen Elf stand damals Co?kun Ta?, der später als erster türkischer Fußballer in Deutschland spielte. Unser Blogger Ralf Piorr stellt heute nur Fragen, Co?kun Ta? antwortet.

Der EM-Blog (13)

"Ein grauenhaftes Spiel"

21. Juni 2008, 11:14 Uhr

Deutschland-Türkei im Halbfinale der EM. Das letzte Aufeinandertreffen bei einem großen Turnier fand 1954 statt. In Reihen der türkischen Elf stand damals Co?kun Ta?, der später als erster türkischer Fußballer in Deutschland spielte. Unser Blogger Ralf Piorr stellt heute nur Fragen, Co?kun Ta? antwortet.

Coşkun Taş, sind Sie noch mitgenommen von dem Spiel gestern?

Natürlich. Es ist am Ende ein langer Fußballabend geworden, und ich habe verhältnismäßig viel geraucht. Ich habe mit der Türkei jede Sekunde gezittert, aber als Fußball-Lehrer muss ich sagen: das war doch kein Fußballspiel, so schlecht, so defensiv, mit so wenig gelungenen Aktionen.

Was haben Sie gedacht, als Ivan Klasnic den Führungstreffer erzielte?

Jetzt ist es aus. Man konnte ja nichts anderes denken. Aber so unberechenbar ist Fußball. 118 Minuten Langeweile und plötzlich passiert so etwas vollkommen Verrücktes.

[imgbox-left]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/008/066-8384_preview.jpeg "Es war ein grauenhaftes Spiel, aber ich habe jede Sekunde gefiebert."[/imgbox]Wie bewerten Sie das bisherige Weiterkommen der türkischen Mannschaft?

Schon nach dem 3:2-Sieg über Tschechien habe ich einfach nur erstaunt vor meinem Fernseher gesessen. Natürlich war da viel Glück dabei und das Ganze ist gestern noch einmal übertroffen worden. Die meisten Tore fielen nicht aus gezwungenen Aktionen, sondern waren Zufallsprodukte. Aber es muss auch ein Glaube in der Mannschaft sein, der wirklich Berge versetzen kann.

Vor über 50 Jahren sind Sie mit der Türkei bei der WM in der Schweiz als krasser Außenseiter aufgetreten. Heute gehört die Mannschaft zu den Besten in Europa.

[imgbox-right]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/008/068-8386_preview.jpeg Nationalspieler Coskun Tas, 1953.[/imgbox]Damals trennten uns Welten von der Fußballspitze. Wir mussten in der Vorrunde der WM ja zweimal gegen die deutsche Elf um Fritz Walter antreten und haben uns überhaupt keine Chance ausgerechnet. Wir behielten Recht und verloren mit 1:4 und 2:7. Unsere Mannschaft war nicht so stark, da der türkische Fußball insgesamt noch nicht gut organisiert war. Heute ist das durch die europäischen Trainer und die modernen Entwicklungen des Fußballs anders. Ein Mann wie Fatih Terim hat bei Jupp Derwall gelernt, viele Türken spielen in den besten Ligen Europas. Nach 48 Jahren schaffte die Türkei 2002 wieder eine WM-Teilnahme und wurde in Japan Dritter. Der Erfolg jetzt beweist, dass sich da kontinuierlich etwas entwickelt.

[infobox-left][imgbox-left]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/008/069-8387_preview.jpeg Coşkun Taş, 1935 in Aydin geboren, mehrfacher türkischer Meister mit Besiktas Istanbul, Nationalspieler und WM-Teilnehmer 1954. Erster türkischer Fußballer in Deutschland beim 1. FC Köln. Am Endspiel 1960 durfte er trotz überragender Leistungen nicht teilnehmen, weil in einem „deutschen Endspiel nur Deutsche stehen sollten“, wie Kölns Vereinspräsident Franz Kremer erklärte. Taş blieb in Deutschland, arbeitete jahrzehntelang bei den Ford-Werken und lebt noch heute in Köln.[/imgbox][/infobox]

Die Erfolge werden auch hier in Deutschland enthusiastisch von den türkischen Migranten gefeiert.

Das muss man ihnen gönnen. Es sind so viele Menschen auf der Straße und bisher ist alles friedlich geblieben. Natürlich ist das die Fußballbegeisterung, die Ablenkung vom Stress und von der Arbeit. Gleichzeitig fordern sie aber auch sportliche und gesellschaftliche Anerkennung. Bei der WM 2006 war die Türkei nicht dabei, dafür feiern die Fans jetzt ihren EM-Sommer 2008.

Man sieht viele Autos, an denen die deutsche und die türkische Fahne wehen.

Ich glaube, es sind viel mehr Türken für Deutschland, als das Deutsche mit der türkischen Elf sympathisieren. Und natürlich spiegeln die Flaggen eine Realität wieder: Die dritte und die vierte Generation fühlen sich als Deutsche. Nur macht es die Ausgrenzung, die es noch gibt, ihnen nicht immer leicht. Ich hoffe, es wird ein Fußballfest und die Idioten, die es auf beiden Seiten gibt, verderben nicht alles.

Und die deutsche Elf?

[imgbox-right]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/008/064-8382_preview.jpeg Trommler beim türkischen Freudenfest nach dem Sieg gegen Kroatien, Herne. [/imgbox]Ich habe gegen Portugal eine brillante deutsche Elf gesehen, die hervorragend taktisch eingestellt war und wirklich schönen Kombinationsfußball gezeigt hat. Am Ende habe ich auch gezittert mit den Deutschen und gejubelt, als der Schlusspfiff kam. Man muss als Realist feststellen: Gegen Deutschland haben die Türken keine Chance. Nur ist Fußball nicht immer realistisch.

Für wen drücken Sie im Halbfinale Deutschland-Türkei die Daumen?

Ich weiß es wirklich nicht. Ich war früher in der Jugend ein Fanatiker, die Türkei ist mein Heimatland. Als ich im Juni 1959 nach Deutschland kam, war ich inklusive der Mitarbeiter im Generalkonsulat der 18 Türke in Köln. Heute habe ich einen deutschen Pass und lebe seit über 50 Jahren in diesem Land. Ich bin assimiliert, fühle mich als Deutscher aus dem Land Atatürks, als Fußballer, als Mensch, der über 30 Jahre bei Ford gearbeitet hat, als Familienvater und vor allem als Kölner. Vielleicht zünde ich mir einfach ein Zigarillo an und genieße das Spiel am Mittwoch. Denn eins weiß ich bestimmt: Eine Mannschaft meines Herzens wird ins Finale kommen.

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