EM-Tagebuch: Günther Pohl berichtet aus Österreich/Schweiz (Donnerstag, 19. Juni):

Gestatten, Frau Tell

19. Juni 2008, 14:10 Uhr

Ich weiß nicht warum, aber in den Tagen der EM erinnere ich mich an ein Wandgemälde meiner Konfirmationskirche in Bochum-Gerthe. Dort thront hinter dem Altar Jesus, die Jünger zu seinen Füßen. Würde sich heute ein Künstler mit einem ähnlichen Motiv befassen, hätte er vielleicht folgenden Einfall: UEFA-Boss Michel Platini auf einer Wolke, dahinter der Genfer See. Zu seinen Füßen die Politiker aus Österreich und der Schweiz.

Denn was sich in den Tagen der EM in den beiden Alpenländern abspielt, wirkt so als hätten sich die Gastgeber mit Haut und Haaren dem Teufel UEFA verschrieben.

Wer zum Beispiel als Österreicher einen Steinwurf vom Ernst-Happel-Stadion in einem der Biergärten seinen Gerstensaft genossen hat, der musste quasi über Nacht von seiner Hausmarke Abstand nehmen. „Entweder du trinkst Carlsberg oder Coca-Cola.“ Essen darfst du rund um den Fußball eigentlich nur Produkte von McDonalds. Wag es ja nicht dich mit einem Mercedes-Taxi in den Bannkreis des Stadions (1,2 Kilometer) zu begeben. Das geht nur, wenn du einen Japaner fährst und auf dem Rücksitz einen JVC-Fernseher stehen hast.

An alles haben wir uns ja schon während der WM in Deutschland gewöhnt, als der liebe Gott noch Sepp Blatter hieß. Doch in der Schweiz gibt es massiven Widerstand. Wilhelm Tell hat endlich eine würdige Nachfolgerin gefunden. Sie hört auf den Namen Sabine Schaschl und ist Direktorin des Kunsthauses Baselland. Ihr geballter Zorn richtet sich seit zwei Tagen gegen die Weltherrscher vom Genfer See.

Bereits Tage vor der Euro haben die UEFA-Betonklötze den Bürgersteig vor dem Museum verschandelt, erinnern Zäune und Absperrungen an die Grenzen des Kalten Krieges. Weil das Areal zum Stadion gehört, ist es an Spieltagen Sperrzone, die Crux: Informiert hat das Kunsthaus im Vorfeld niemand.

Die Heldin fast resignierend: „Wir haben das alles über uns ergehen lassen.“ Doch jetzt ist Schluss mit lustig. Als Frau Schaschl wieder in ihr Museum zurückkehrte, traf sie fast der Schlag. In ihrer Abwesenheit hatten UEFA-Mitarbeiter eine Säule vor dem Museum mit einem großen Plakat überklebt. Statt „Kunsthaus Baselland“ prangt dort nun in großen Lettern die Haus- und Stadionordnung der UEFA.

Die Direktorin überlegt nun rechtliche Schritte gegen den Verband („Das ist ein Eingriff ins Privateigentum“) einzuleiten. Wir drücken „Frau Tell“ beim Rechtsstreit ganz kräftig die Daumen.

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