Wer hat’s erfunden? Die findigen Schweizer natürlich! An sich sind die Tschutti-Heftli ein kreatives Fußball-Fanzine aus der Schweiz, das seit 2006 erscheint.

EM: Tschutti-Heftli? Ja! Ja Ja!

Das etwas andere EM-Sammelalbum aus der Schweiz

17. Juni 2008, 22:54 Uhr

Wer hat’s erfunden? Die findigen Schweizer natürlich! An sich sind die Tschutti-Heftli ein kreatives Fußball-Fanzine aus der Schweiz, das seit 2006 erscheint.

Für die EM 2008 im eigenen Lande haben sich die Heftmacher nun etwas ganz besonderes überlegt: „Um der Kommerzialisierung des Sports unseres Herzens etwas entgegenzutreten, haben wir uns entschlossen, ein künstlerisches Sammelalbum zur EM herauszugeben. Zum Selbstkostenpreis“, erklären die Macher. 18 Illustratorinnen und Illustratoren aus der Schweiz und Deutschland haben nun je elf Spieler, den Trainer und einige „EM-Legenden“ portraitiert. Mal als Heldengemälde, mal als Karikatur, mal gehäkelt, mal als Collage aus Marzipan und Smarties(?) und stets voller Charme. Die deutsche Mannschaft wurde als Plakat geschaffen, die Gesichter von Jogi Löw und seinen Spielern sind zum Teil verwischt.

„Das soll die Vergänglichkeit der Helden von heute dokumentieren“, kommentiert Silvan Glanzmann, Mit-Herausgeber der Tschutti-Heftli, den künstlerischen Hintersinn. Klassisch gibt es zu den 230 Abzieh-Kunstwerken ein Sammelalbum und die Bilder können in Tüten verpackt erworben werden. Also alles das, was wir seit Jahren von Bergmann, Sicker, Panini & Co. kennen, nur eben kreativer, jenseits des Einheitsbreis und mit mehr Liebe und Herzblut.

Konkurrenz zu dem europäischen Monopolisten Panini wollen die Außenseiter aus Luzern gar nicht sein. „Das Sammelbildliheft ist als reines Kunstobjekt zu verstehen und verfolgt keine kommerziellen Zweck“, erklären sie. Und tatsächlich ergeben die reinen Zahlen schon eine andere Ligenzugehörigkeit: 3.000 Tschutti-Alben stehen 5,5 Millionen Panini-Heften gegenüber, 700.000 verkaufte Klebebildchen (15 Bilder in einer Tüte für 1,50 EUR) gehen allein in Paninis Startauflage von 40 Millionen Päckchen à fünf Bilder (60 Cent), die bereits vor Turnierbeginn in Deutschland und Österreich nahezu ausverkauft war, unter. Im Gegensatz zum Branchenriesen hat das Kunstprojekt aber einen strategischen Vorteil: Man brauchte nur die Künstlerinnen und Künstler zu bezahlen und sich nicht um teure Lizenzen für die Bilder der Fußball-Stars zu kümmern.

Die Tschutti-Bilder sind auch durch das Medieninteresse vom Schweizer Geheimtipp zum grenzüberschreitenden Renner geworden. Nadine Redelings, vom Bochumer Fußball-Shop „Der Geist von Malente“, stieß bereits Mitte Mai auf die Panini-Alternative: „Sofort war mir klar, dass ich die Tschuttis auch in meinem Laden haben wollte. Aber es dauerte bis die Schweizer Kollegen, die das ganze Unternehmen ja nur als Hobby betreiben, ihre Logistik so weit hatten, die Bilder tatsächlich auch nach Bochum zu liefern“, erzählt sie.

Die erste Lieferung war bereits ausverkauft, bevor sie in der Ruhrstadt ankam. Die online-Bestellungen rasselten nur so in ihr Postfach, und einen Tag war sie allein damit beschäftigt, die begehrte Ware weiter zu verschicken. Natürlich kann prinzipiell jeder die Bilder selbst in der Schweiz bestellen, aber lästige Zoll- und Überweisungsgebühren verderben ein bisschen den Sammelspaß. „Bisher sind wir der einzige Laden in Deutschland, bei dem man die Bilder kaufen kann – und das hat doch etwas“, freut sich die junge Geschäftsinhaberin. Tatsächlich kamen schon während des Gesprächs die ersten Kunden vorbei, die nach den weißen Tütchen mit dem Stoff der Träume fragten.

Der Kultstatus ist den Tschutti-Heftli jedenfalls sicher, ansonsten gibt es den Ärger, den man schon seit Kindertagen kennt: Schon wieder ein Doppelter! Die „Dealerin“ Redelings verspricht Hilfe: „Wir planen schon die erste Tauschbörse und haben im Internet unter unserer Homepage bereits ein Forum dafür eingerichtet.“ Das ist auch dringend notwendig. Auch für mich. Denn wie immer in diesem Geschäft bekam ich das Album und die ersten drei Tüten umsonst. Da ich seit Jahrzehnten gnadenlos Panini-resistent bin, belächelte ich diesen plumpen Versuch, aus mir einen willigen Kunden zu machen. Ich lächele immer noch, aber nur weil ich gleich mit dem Artikel fertig bin und dann nach Bochum fahren kann, um mir noch ein paar Tüten Sammelbildli zu holen. Also, Tschutti, ääh, Tschüß.

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