Der Kalender präsentierte den 26. November 2005, als die Borussen im Nürnberger Frankenstadion einen 2:1-Sieg einfuhren.

BVB: Aus der finanziellen Not wurde vorrübergehend Tugend

Der verblasste Jugendtraum

16. Juni 2008, 23:37 Uhr

Der Kalender präsentierte den 26. November 2005, als die Borussen im Nürnberger Frankenstadion einen 2:1-Sieg einfuhren.

Keine sonderliche Sensation, denn der 1.FCN rangierte zum damaligen Zeitpunkt auf Rang 16, der BVB erklomm mit diesem Erfolg den fünften Platz. Die RevierSport-Schlagzeile hieß: „Der Jungbrunnen sprudelt für den UEFA-Cup“. Das deutete allerdings an, dass der Triumph an der Noris nicht in die Kategorie Normalität einzuordnen war. So markierten die zwei Youngster David Odonkor (21) und Nuri Sahin (17) die beiden Treffer, die auch Christian Wörns zu einer Laudatio inspirierten: „Ich bin wirklich verblüfft, wie gut wir dastehen. Trotz aller Verletzungen. Das ist eine Errungenschaft der jungen Leute, die sich in dieser Runde unglaublich entwickelt haben.“

Die Dortmunder hatten in der damaligen Saison aus der finanziellen Not eine personelle Tugend gemacht und auf den sogenannten hungrigen eigenen Nachwuchs gesetzt. Was blieb ihnen angesichts der leeren Kassen und des vom Kapitän angedeuteten gut gefüllten Lazaretts auch anderes übrig? Keeper Roman Weidenfeller drückte sich später etwas drastischer aus: „Bei uns herrschte ein richtiger Jugendwahn.“ Aber einer, der von der Öffentlichkeit geschätzt wurde, weil nicht auf große Stars, sondern auf vereinseigene Rohdiamanten gesetzt wurde. Ein Sommermärchen, das in der Zeit des absoluten Kommerzes viele Anhänger hatte.

Jugend gegen Kommerz

Zum Feinschliff ist es in der Folgezeit nur pointiert gekommen, denn der heutige schwarz-gelbe Kader verrät, dass der eingeschlagene Weg wieder verlassen wurde, auf dem Transfermarkt ist auch der BVB wieder zu den alten Regeln zurückgekehrt. Was ist aus ihnen geworden, den Talenten, die eine neue Dortmunder-Ära einläuten sollten?

Der unbestrittene „Überflieger“ hieß Nuri Sahin, der in kürzester Zeit alle Altersrekorde purzeln ließ, in den Rubriken jüngster Bundesligaspieler und –torschütze setze er sich ebenso an die Spitze wie in der türkischen Nationalmannschaft, in der niemand je weniger Jahre, Monate und Tage aufweisen konnte. Doch die Europameisterschaft in der Schweiz und Österreich verfolgt der Mittelfeldspieler vor dem Fernseher. Am Bosporus war er zuletzt ebenso wenig erste Wahl wie bei den Borussen, die ihn für zwölf Monate nach Rotterdam ausliehen. Jetzt kehrt er ins Revier zurück und weiß: „Es wird schwer, mich hier durchzusetzen, aber ich werde es versuchen.“

Sein damaliger Mitstreiter David Odonkor ist dagegen bei der EM dabei. Ein kleines Wunder, das sich für den pfeilschnellen Außenstürmer nach der überraschenden WM-Nominierung vor zwei Jahren wiederholt hat. Beim BVB war man weniger von seiner weiteren Entwicklung überzeugt, deshalb wurde er für 6,5 Millionen Euro zu Betis Sevilla verkauft. Eine stolze Summe für den Angreifer, der auf der iberischen Halbinsel keineswegs zum ständigen Stammpersonal gehört.
Der Fall Odonkor

Ein fester Bestandteil der schwarz-gelben Elf sollte nach der felsenfesten Auffassung von Hans-Joachim Watzke hingegen Sebastian Tyrala werden: „Er ist mindestens so gut wie Nuri Sahin, wenn nicht noch besser.“ Die Offensivkraft, der zu dem Zeitpunkt gerade 18 war, wurde jedoch von mehreren schweren Verletzungen zurückgeschmissen und äußerte sich selbst eher skeptisch: „Ich weiß nicht, ob ich die Bundesliga packe.“

Er sollte leider Recht behalten, denn insgesamt kann er inzwischen lediglich auf sieben Erstligaeinsätze mit 117 Minuten zurückblicken, in der gerade abgelaufenen Saison wurde er nur einmal, in der 89. Minute, eingewechselt. In der letzten Winterpause kam ein angedachtes Ausleihgeschäft zu Dynamo Dresden nicht zustande, nun wird der einstige Bad Sassendorfer wohl mit der Viertklassigkeit, die zukünftige Heimat der zweiten Mannschaft, Vorlieb nehmen müssen.

Der will sich ein weiterer ehemaliger Hoffnungsträger durch einen Wechsel (SC Paderborn?) entziehen. Noch im Sommertrainingslager hatte Sahr Senesie so seine persönlichen Hoffnungen: „Ich glaube, Thomas Doll steht auf mich.“ Irren ist menschlich, denn lediglich drei folgende Minieinsätze sprechen eine deutliche Sprache. Dem inzwischen 22-Jährigen haben auch die Ausflüge zu den Grashoppers nach Zürich und zur TSG nach Hoffenheim nicht den notwendigen Schub verliehen. Seit Sommer 2002 kam er unterm Strich auf 24 Auftritte in der deutschen Eliteliga, ein Treffer blieb ihm dabei verwehrt.

Senesie täuschte sich

Die Bilanz von Markus Brzenska (24) fällt schon stattlicher aus. 86 Mal durfte er Erstligaluft schnuppern, trotzdem droht ihm nun vielleicht das BVB-Aus, das ihm Premiere-Reporter Marcel Reif schon am 9. November 2003 vorausgesagt hatte, als „Brenner“ nach einem Foul an Michael Ballack in der ersten Hälfte frühzeitig duschen musste: „Brzenska hat heute zwei Spiele auf einmal gemacht - sein erstes und sein letztes.“

In der vergangenen Rückrunde war er bei Coach Doll kein Thema mehr, wurde ins Reserveteam verbannt: „So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Vor allem in der Innenverteidigung wollen die Borussen, die ihm bereits in der Winterpause mit Mats Hummels einen weiteren jungen Konkurrenten vor die Nase gesetzt haben, weiter kräftig aufrüsten. Hinzu kommt das Sechs-Millionen-Paket aus Brasilien und Mainz, in dem Felipe Santana sowie Neven Subotic verschnürt sind. Wer weiß, wo Brzenska in der neuen Spielzeit was erleben wird?

Ein ähnliches Schicksal durchlebte in den letzten Monaten Marc-André Kruska, der richtige Freude nur noch in der U21-Nationalmannschaft genießen konnte. Erst als Sebastian Kehl auf der Saisonzielgeraden erneut verletzungsbedingt ausfiel, durfte der gerade einmal 20-Jährige in die Bresche springen. Der Mittelfeldakteur gibt sich äußerlich immer optimistisch: „Im Training gebe ich immer Gas, meine Chance wird kommen.“ Diese Zuversicht wird ihn nur schwerlich von einem weiteren Reservistendasein, zumindest solange „Kehly“ fit ist, befreien.
Kruska und Kehl

Von mehr träumt hingegen David Vrzogic, der beim Ex-Coach Bert van Marwijk ein enormes Ansehen besaß: „Er kann ein richtig Großer werden.“ Es ist ihm zu gönnen, zumal er den Rückschlag eines Kreuzbandrisses, den er sich beim Schulsport zugezogen hatte, inzwischen überwunden hat. Der erst 19-Jährige soll auf der linken hinteren Außenbahn für Furore sorgen. Mit seiner Schnelligkeit und Technik will er die Phalanx der Arrivierten, zu denen derzeit kein einziger ehemaliger Nachwuchs-Borusse mehr gehört, durchbrechen.

Viele andere, wie zum Beispiel Salvatore Gambino, der sich nach seinem Tordoppelpack gegen Bayer Leverkusen bereits Gedanken machen sollte, ob er für die deutsche oder italienische Nationalmannschaft auflaufen möchte, und selbst beim Zweitligisten 1.FC Köln nur als gelegentliche Aushilfskraft zum Zuge kommt, haben es ebenfalls nicht geschafft.

Dem BVB wurde kein anderes Gesicht verliehen. Ebenso wenig wie Kosi Saka (22), der nach dem verpassten Durchbruch im Revier sein Glück beim Hamburger SV versuchte und nun an den Drittligisten Carl Zeiss Jena ausgeliehen wird. Uwe Hünemeier (22), dem selbst eine überragende Hinrunde in der Regionalliga nicht zur Beförderung reichte, oder auch Mehmet Akgün (21), der seit Sommer 2003 nicht aus der BVB-Warteposition hinauskam und seit Januar für 150.000 Euro sein Glück beim Willen II Tilburg in der niederländischen Ehrendivision versucht.

Der bisher letzte Nachwuchsakteur, der lieber in der Fremde sein Glück sucht, ist Christopher Nöthe, der sich nach drei schwarz-gelben Bundesligaversuchen nun dem Zweitligaaufsteiger Rot-Weiß Oberhausen anschließen wird. Nur zur Vervollständigung: Der Jungbrunnen spülte den BVB in der Saison 2005/06 nicht in das internationale Geschäft, am Ende reichte es aber immerhin für Platz sieben.

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