1:1 zuhause gegen Hannover. Ein ärgerlicher Punktverlust und ein Spiel kaum der Rede wert. Aber wenn triste Routine droht, muss man als Fan auch mal mit seinen Gewohnheiten brechen und etwas Neues wagen. Zum Beispiel das Rahmenprogramm am Spieltag auszubauen.

Ob ich verroste und verkalke: Der S04-Fanblog

Eine Reise in die fast verbotene Stadt

05. Mai 2008, 16:58 Uhr

1:1 zuhause gegen Hannover. Ein ärgerlicher Punktverlust und ein Spiel kaum der Rede wert. Aber wenn triste Routine droht, muss man als Fan auch mal mit seinen Gewohnheiten brechen und etwas Neues wagen. Zum Beispiel das Rahmenprogramm am Spieltag auszubauen.

Oder Züge zu verpassen. Begann der Trip für meine vierköpfige Schalke-Reisegruppe am Samstagmittag doch mit langwierigen Verhandlungen mit den Soester Fahrkartenautomaten. Als wir endlich das richtige Ticket in der Hand hielten, war die Regionalbahn nach Hamm bereits abgefahren. Woraufhin "Hänger", "Jatzer", "Presi" und ich beschlossen, einfach den nächsten Zug zu nehmen und uns solange im Discounter um die Ecke mit Proviant zu versorgen. Der Optimismus, unseren Regionalexpress von Hamm nach Essen trotzdem noch zu erwischen, erwies sich wenig später als unbegründet.
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Noch zu Zweitliga-Zeiten kam der kleine Elmar irgendwie auf die abenteuerliche Idee, sich mit ganzem Herzen dem FC Schalke 04 zu verschreiben. Dass der "geilste Klub der Welt" ihm in den folgenden Jahren neben einiger Freude auch unendlich viel Leid bescheren sollte, war ihm damals noch nicht klar. Nun versucht er sein königsblaues Gefühlschaos in seiner wöchentlichen Fan-Kolumne so gut es geht zu ordnen.[/infobox]
In der Lippestadt angekommen und bis 14.16 Uhr zur Handlungsunfähigkeit verdammt, begannen wir langsam nervös zu werden. Die Wahrscheinlichkeit, den Anstoß live mitzuerleben, sank rapide. 20 Euro pro Nase für eine Fahrt im ICE zu investieren, erschien uns dann aber doch zu dekadent. Die Rettung wartete schließlich um Punkt 15 Uhr vor dem Bochumer Hauptbahnhof in Form eines Taxis.

Flügelflitzer Mehdi auf Abwegen

Der iranische Fahrer erwies sich schon bei seiner Vorstellung als kompetent in Sachen Fußball: "Ich bin Mehdi. Wie Mehdi Mahdavikia." Und wie der Flügelflitzer der Eintracht dribbelte sich unser Chauffeur wieselflink über Schleichwege zur Veltins-Arena durch. Die fälligen 30 Euro betrachteten wir als völlig angemessen, standen wir doch pünktlich um 15.22 Uhr vorm Stadion und hatten damit die Wette gegen das Service-Personal der Deutschen Bahn gewonnen.

Nach dem Spiel und einer fürsorglichen Rundum-Betreuung durch die Straßenbahnschaffnerin, fassten wir in der Linie 302 den leichtsinnigen Entschluss, in königsblauer Montur das Bochumer Bermuda-Dreieck unsicher zu machen. Ich hatte die Rivalität mit dem VfL drei Tage vor dem Derby eindeutig unterschätzt. Während mir der kleine Nachbar gar nicht mal unsympathisch ist, flogen uns in der Höhle des Löwen Schmähgesänge, Stinkefinger und andere Nettigkeiten um die Ohren. Lediglich der Mittsechziger Udo erkundigte sich nach dem Schalker Ergebnis. Doch anscheinend nur, um eine Gelegenheit zu haben, seine Lebensgeschichte loszuwerden.

Eine Ansichtskarte von DomRep-Udo und verirrte Fantasteleien

Von einer Erbschaft und der Rente begünstigt, freut er sich nun auf seinen Lebensabend. Den will Udo in der Dominikanischen Republik mit seiner Frau verbringen. "Die ist kaffebraun", ließ er uns wissen und fügte stolz schmunzelnd "…und erst 31", hinzu. Die Postkarte aus der Karibik bitte an den Tisch Nr. 04 vor dem "Freibeuter" adressieren. Anschließend konnten wir nur knapp der Versuchung widerstehen, die Heimreise noch weiter hinauszuschieben und das Bochumer Nachtleben gründlicher als bis zur dritten Kneipe zu erforschen.

Ohne größere Zwischenfälle waren wir schon fast in der Heimat angekommen, als Presi schließlich die Bombe platzen ließ und sich als Anhänger der Unaussprechlichen zu erkennen gab. Das komplette Zugabteil klopfte sich auf die Schenkel, als er aufdrehte und überschwänglich von UEFA-Cup-Sieg und Meisterschaft für schwarz-gelb im nächsten Jahr halluzinierte. Presi konterte den Vorwurf, an Größenwahn und Realitätsverlust zu leiden, mit dem finalen Bonmot: "Man muss auch mal Fantasteleien haben!" Dieser Satz für die Ewigkeit hätte im Übrigen auch das Zeug, den Weg in königsblaue Poesiealben zu finden.

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