Ralf Peter ist seit dem 1. August 2001 Jugendbundestrainer beim DFB, verantwortlich für die weibliche U15 bis U17. Alles mit Anbindung nach oben. „Meine Aufgabe war am Anfang, Aufbauarbeit zu leisten. Eine U15 einzurichten, war die erste Amtshandlung“, erinnert sich Peter, „dazu sollte die U17 verstärkt werden. Alles ging natürlich nicht von heute auf morgen.“

U17: Coach über Entwicklung, Ausbildung, Motivation

Ralf Peter im “Schlaraffenland”

Oliver Gerulat
09. April 2008, 09:16 Uhr

Ralf Peter ist seit dem 1. August 2001 Jugendbundestrainer beim DFB, verantwortlich für die weibliche U15 bis U17. Alles mit Anbindung nach oben. „Meine Aufgabe war am Anfang, Aufbauarbeit zu leisten. Eine U15 einzurichten, war die erste Amtshandlung“, erinnert sich Peter, „dazu sollte die U17 verstärkt werden. Alles ging natürlich nicht von heute auf morgen.“

Im Rahmen der Vorbereitung der A-Nationalmannschaft auf Turniere ist Peter immer mit im Boot, auch zur U19 hat er Kontakt. Selbst gespielt hat Peter bis zur Oberliga (VfB Rheine, Eintracht Rheine, FC Gronau-Epe). Parallel studierte er Pädagogik und Sport, war im gymnasialen Schuldienst in Werne, dazu auch Honorarcoach (FuLV Westfalen: 1991–95) und Clubtrainer im Juniorenbereich (Borussia Mönchengladbach: 1995-99 / FV Niederrhein: 1999-2001).

Geleitet hat er auch den „Stützpunkt West“ für die A-Nationalmannschaft der Frauen, dazu trägt er Verantwortung für die Trainer-Ausbildung der Anwärter zur A-Lizenz. Dort laufen ihm etliche Profis über den Weg. Während seiner Zeit als Mönchengladbacher Jugendtrainer arbeitete er zum Beispiel mit einem Sebastian Deisler oder einem Andrzej Voronin zusammen.

Ralf Peter, löst Ihr Team das letzte europäische Ticket für die WM in Neuseeland?
Das ist das Ziel, unsere Gruppe ist die schwerste. Schweden ist in Europa das Beste, was man kriegen kann, das wird ein fünfzig-fünfzig-Spiel. Das sind immer ganz enge Matches. Schweden hat einen guten Nachwuchs und eine starke Liga.

Aber Ihr Team gehört auch ganz nach oben, oder?
Ich hoffe, wir sind die Besten. Genug Selbstvertrauen haben wir, den Sieg der Gruppe anzugehen. Die Schweizer können uns ärgern, das ist ein prima Team. 2007 haben wir bei einem Vier-Nationen-Turnier gegen die Auswahl 1:2 verloren. Für uns ist das Warnung. Polen stufe ich als nicht so stark ein.

Mädchenfußball boomt – warum ist das plötzlich so?
In erster Linie aufgrund der überragenden Erfolge der A-Nationalmannschaft. Jede Turnierteilnahme ist Werbung. Die WM in China war zuletzt eine tolle Sache. Viele Mädels werden dadurch angespornt. Es wächst weiter, der Gipfel ist noch nicht erklommen, die WM 2011 in Deutschland wird das zusätzlich steigern.

Wie würden Sie das typische Publikum beim Mädchen- und Frauenfußball beschreiben?
Bei uns ist das eine Mixtur. Wenn wir morgens spielen, sind viele Schüler im Stadion, in den Abendstunden viele Erwachsene. Man kann unsere Kulisse nicht mit der bei den Männern vergleichen, ich sehe bei uns mehr Niveau.

Die Entwicklung im Mädchenfußball darf nicht wieder abebben, was darf nicht passieren?
Wichtig ist, dass wir 2011 eine gute WM abliefern. Die U20-WM geht schon 2010 über die Bühne. Ich sage dazu Schnupperturnier, das auch eine große Bedeutung hat.

Was sind die wichtigsten Unterschiede, die man bei der Arbeit mit Mädchen und Jungen beachten muss?
Grundsätzlich mache ich bei der Führung der Teams nichts anderes. Bei den Mädels ist es vielleicht so, wenn man kritisiert, wird man vielleicht drei Wochen nicht angeschaut. Wenn man einem Jungen in den Hintern tritt, ist das sofort wieder vergessen. Andererseits sind die Mädchen zuhause viel engagierter, sie sind bereit, mehr dafür zu tun. Im männlichen Bereich ist oft schon der Berater dabei und es geht zu oft um Kohle. Wichtig ist für mich, bei den Mädchen kann ich in zwei Gruppen trainieren, der einen den Rücken zukehren, weil ich weiß, es läuft.

Was ist der Unterschied zwischen der aktuellen Generation und der vor vielleicht zehn Jahren?
Die Mädchen heute sind selbstbewusster, treten auch so auf. Sie wissen von sich, dass sie hübsch sind und eine dementsprechende Außenwirkung haben. Das spielt eine große Rolle. Man kann unsere Sportart so sicherlich super präsentieren. Ein gutes Beispiel war vor einigen Jahren die Amerikanerin Mia Hamm. Man konnte diese attraktive und intelligente Akteurin toll vermarkten, sie stellte sich gut da.
Wie beurteilen Sie den Frauenfußball weltweit?
Es gibt Regionen, in denen viel los ist, in anderen gibt es kaum etwas. Südamerika ist ein schlafender Riese. Brasilien hat viele gute Einzelspielerinnen, aber null Strukturen. In Kanada und den USA ist der women-soccer die Nummer eins im Schulsport. Deshalb gibt es ein riesiges Potenzial.

Und in Asien?
Ich habe die Koreanerinnen beim Frühstück beobachtet, das war wie beim Militär in Zweierreihe. Der Trainer kam und hat erst einmal geschrieen. Ich habe kein Wort verstanden, aber nett war das nicht.
Die Koreaner sind für die U17-WM bereits qualifiziert!
Sie sind seit Oktober 2007 wie eine Vereinsmannschaft in einem Internat und trainieren. Die Neuseeländerinnen machen das als WM-Gastgeber auch. Das ist bei uns nicht möglich. Die Unterschiede in der Welt sind sehr interessant.
Ist es angebracht, die WM 2011 noch auf 16 Teams zu beschränken?
Absolut, das Niveau wird gehoben. Schön, wenn mehrere Nationen dabei sind, man hat Farbtupfer. Aber es macht keinen Sinn, wenn statt zwei afrikanischer Teams plötzlich vier auflaufen. Das ist ein Fußball, da dreht man sich um.

WM-Matches wie das 11:0 von Deutschland gegen Argentinien müssen vermieden werden, oder?
Richtig, das schadet. Auch wenn man bei einem nochmaligen Aufeinandertreffen bestimmt keine elf Tore erzielt hätte. Wichtig ist, kein Kanonenfutter zu haben.

Stimmt es, dass Sie auch auf die schulischen Leistungen Ihrer Nationalspielerinnen achten?
Absolut, ich lasse mir von den Mädels einmal im Jahr ein Zeugnis geben. Man muss realistisch sein. Der Frauenfußball ist noch nicht so weit, dass sie davon irgendwann leben können. Unsere Juniorinnen werden nicht alle in die A-Nationalmannschaft kommen. Schule und Beruf sind deshalb wichtig. Wenn extrem schlechte Noten dabei sind, lasse ich eine Akteurin auch einmal zuhause. Das ist sinnvoll, weil es auch wirkt.
Bei längeren Reisen sind immer Lehrer dabei, korrekt?
So ist das! An ganz normalen Trainingstagen mit zwei Einheiten gibt es auch immer zweimal Unterricht.

Gemischte Ausbildung während der Jugend. Wichtig oder bald nicht mehr notwendig?
Das ist auf jeden Fall angebracht für gute jüngere Spielerinnen, die noch in der ersten oder zweiten Liga sind. Sie werden dort gefordert. 90 Prozent meiner U16-Mädels spielen bei den Jungs.

Spielerinnen auf dem Sprung in die Bundesliga: Fragt man Sie um Rat, welcher Schritt zu welchem Club der beste wäre?
Ja klar! Eine Akteurin hat mich kürzlich wieder angesprochen, sie hat sechs konkrete Angebote aus der Bundesliga. Sie wollte wissen, was sie machen soll. Wichtig ist, ich bleibe völlig neutral, Tipps sind natürlich möglich. Ich empfehle, mitzutrainieren, sich das Umfeld anzuschauen. Ich gebe eine Checkliste an die Hand. Mein 92er Jahrgang wird jetzt ganz krass umworben. Viele Bundesligatrainer rufen mich an, um sich zu erkundigen. So was ist legitim, es geht um das Gesamtprodukt.

Welche Akteurin des aktuellen Kaders sehen wir auch 2011 bei der WM in Deutschland wieder?
Eine ganz schwere Frage, die ich so gar nicht beantworten möchte. Was ich sagen kann: Es gibt einige, die das Potenzial sicherlich haben. Wichtig ist festzustellen, dass das Sichtungssystem effektiv ist, übersehen wird so schnell kein Talent.

Die Strukturen im Verband greifen, oder?
Früher musste man um jeden Lehrgang kämpfen, mittlerweile leben wir im Schlaraffenland. Wir kriegen alles, was wir benötigen. Die Unterstützung kommt von ganz oben durch unseren Präsidenten. Wenn man bemerkt, was unsere Mädels im Bereich U15, U16, U17 machen, ist das sensationell. Eine Vielzahl von Matches, internationale Vergleiche, unterschiedliche Länder werden besucht. Wir machen Leistungsdiagnostik an der Sporthochschule Köln, es gibt einen Athletiktrainer, dazu auch individuelle Programme. Als ich anfing, war an so was gar nicht zu denken.

Was ist für Sie der ganz persönlich großartigste Aspekt als Jugendtrainer?
Die Arbeit mit jungen Menschen macht unglaublichen Spaß. Ich hatte viele Anfragen aus dem Seniorenbereich, hätte auch in der ersten Liga als Co-Trainer wirken können. Über die Jahre hat man zwar unheimlich viele Kontakte aufgebaut, aber etwas anderes zu machen, kann ich mir zurzeit nicht vorstellen.
Wie überzeugen Sie jemanden, der Frauenfußball immer noch skeptisch gegenüber steht?
Es sind immer weniger, die Leute geben zu, dass die Frauen einen richtig guten Ball spielen. Einige sind nicht zu überzeugen, die sind einfach dagegen. Aber ehrlich, ich dachte früher auch nicht, dass sich das in diese Richtung entwickelt. Als ich vor ungefähr 25 Jahren mein allererstes Frauenspiel sah, saßen auf der Tribüne nur Männer und waren am lachen, weil das, was gezeigt wurde, peinlich war. In beiden Toren standen Keeperinnen, die deckten das gesamte Tor ab. Super, wie wahnsinnig positiv sich das entwickelt hat.

Autor: Oliver Gerulat

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