Randale im Fußball? Das Thema wurde angesichts des rosa-roten-Mulitkulti-WM-Plüschsommers anno 2006 lange Zeit ins Abseits geschoben.

Ronny Blaschke: Im Schatten des Spiels - Rassismus und Randale im Fußball.

Ade, Mulitkulti-WM-Plüschsommer

Ralf Piorr
07. April 2008, 18:18 Uhr

Randale im Fußball? Das Thema wurde angesichts des rosa-roten-Mulitkulti-WM-Plüschsommers anno 2006 lange Zeit ins Abseits geschoben.

Oder wie der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer über das Wunschdenken von der WM 2006 und der angeblich neuen Toleranz in Deutschland urteilt: „Gefährlicher Unsinn, ein Stück Volksverdummung.“

Die Realität hat den Fußball längst wieder eingeholt und im Schatten des Spiels regt sich die hässliche Seite: gewaltsame Rangeleien unter „Fans“ und rassistische Schmähungen gegenüber dunkelhäutigen Spielern. Der Journalist Ronny Blaschke hat über zwei Jahre für sein Buch „Im Schatten des Spiels“ recherchiert. Er sprach er mit ehemaligern Hooligans, Kreisliga A Schiedsrichtern, DFB-Verantwortlichen, Fanbeauftragten und Mitgliedern der Ultra-Szene. Er besuchte baufällige Stadien und triste Stadteile in den neuen Bundesländern, saß in der piekfeinen DFB-Zentrale in Frankfurt und ließ auch den Blick über den deutschen Tellerrand in die europäische Fan-Szene schweifen. Seine Bestandsaufnahme ist nüchtern und fern von Dramatisierung: Rassismus und Randale sind alltäglich im Fußball. [imgbox-left]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/007/100-7399_preview.jpeg Ronny Blaschke: Im Schatten des Spiels - Rassismus und Randale im Fußball. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2007, 240 Seiten, EUR 16,90. [/imgbox]

Aus den perfekt überwachten Bundesligastadien verbannt, ist die Gewalt heute vor allem in den unteren Ligen ein Problem. Insbesondere in Ostdeutschland. Viele Fans der, in der Bedeutungslosigkeit versunkenen DDR-Traditionsklubs ertragen das Gefühl ewig benachteiligt zu sein, einfach nicht mehr. Ronny Blaschke, selbst 1981 in Rostock geboren, typisiert den gewaltbereiten Fan: „Er kommt aus einem schwierigen sozialen Umfeld, schon in jungen Jahren fehlt ihm die Perspektive. Der Frust ist groß, und so ist er empfänglich für die Lockrufe von rechts. Die ostdeutschen Amateurligen verdeutlichen die Fremdenfeindlichkeit und den Antisemitismus der Gesellschaft wie unter einem Brennglas.“

Blaschke taucht besonders in die Szene der Ultras ein. „Sind Ultras die Hooligans der Zukunft?“, lautet seine Leitfrage. Er findet eine differenzierte Antwort zwischen bedingungsloser Unterstützung des Vereins durch Kreativität, Engagement und/aber auch durch latente Gewaltbereitschaft. Dennoch ist die deutsche Variante meilenweit entfernt von den italienischen Zuständen, wie Blaschke in seiner deprimierenden Zustandsbeschreibung des „Calcio“ beschreibt: Faschistische Ultras beherrschen seit Jahren die Kurven in den Stadien und sorgen für ein zerstörendes Klima der Gewalt.

Blaschkes Buch ist durchgehend lesenswert. Er zeigt sich sensibel für Probleme der Fans und parteiisch, wenn es um die Würde der Betroffenen geht. Der Autor enthält sich gängiger Schlussfolgerungen und der einfachen Forderung nach „mehr“ Überwachung und Repression. Seine Texte sind eine internationale Zustandsbeschreibung mit dem Fokus auf die deutschen Verhältnisse. Zum Weiterdenken empfohlen. Einen Punktabzug gibt es nur aufgrund des Covers, das auf Bildzeitungsniveau genaue mit den Stereotypen hausieren geht, die sich der Autor im Text so gut entzieht.

Autor: Ralf Piorr

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