Ich weiß es noch genau, es war ein sonniger, aber nicht allzu warmer Tag, ein Sonntag, an dem unsere damals noch erstklassige Borussia nicht spielen musste.

Ein denkwürdiger Besuch

Auf Wiedersehen, liebe Husaren!

03. April 2008, 17:33 Uhr

Ich weiß es noch genau, es war ein sonniger, aber nicht allzu warmer Tag, ein Sonntag, an dem unsere damals noch erstklassige Borussia nicht spielen musste.

Und daher nutzten wir im Rahmen unseres Projektes „Alle deutschen Amateurmeister besuchen“ die Gelegenheit, nach Gelsenkirchen zu fahren, um dem STV Horst-Emscher-Husaren einen Besuch abzustatten.

Der Verein war 1967 deutscher Amateurmeister geworden und hatte in den 60ern auch in der damaligen Oberliga sportlich durchaus eine Rolle gespielt.

Alleine schon das Stadion war überwältigend. Die Heimat des STV, das Fürstenbergstadion, bietet 22.800 Zuschauern Platz, ließ aber glorreiche Zeiten nur noch erahnen. Die Stehränge wuchsen zu, der Platz war auch nicht der beste und die Linien alle irgendwie sympathisch schief gezogen.

Das Vereinsheim im Stadion war eine klassische Stadionkneipe und es hat keine fünf Minuten gedauert, da waren wir nach einem Bier mitten drin im Fußballgespräch, um uns herum Ruhrpottdeutsch vom Feinsten. Menschen unterschiedlichster Art standen hier gemeinsam am Tresen und beklagten vor allem damals schon eins: den Untergang des STV.

Von der Tribüne aus verfolgten wir unsere erste Niederlage im Fürstenbergstadion, gegen TuRa Rüdinghausen in der Bezirksklasse, dabei in ein nettes Gespräch mit einem sympathischen Rentner vertieft, der aus jeder Innentasche seiner abgewetzten Lederjacke eine Bierflasche zauberte. Die absolut niedrigen Preise im Vereinsheim könne er nicht bezahlen, sagte er lakonisch, aber ein Bier beim Spiel des STV gehöre einfach dazu.

Nach dem Spiel standen wir wieder am Tresen, inmitten einer lustigen Mischung von Fans, die nebenbei auch Rot-Weiss Essen, Schalke, Dortmund oder Bochum unterstützten, aber vor allem den STV. Und dann wir als Gladbacher dazwischen, sensationell. Das Bier zapfte der Vereinspräsident persönlich, weil er niemanden bezahlen konnte, der das für ihn übernimmt, und alle anderen Ehrenamtlichen des STV schon mit Würstchen grillen, Kuchen verteilen, Mannschaft versorgen, Linien ziehen etc. ausgelastet waren.

Ach ja, die Linien. Auf diese angesprochen, erklärte uns der Präsident, er wisse, dass die Linien krumm und schief seien und dass auch der Platz intensiverer Pflege bedürfe, aber der Platzwart sei fast 80, er schaffe es halt nicht mehr so perfekt. Es finde sich außerdem niemand sonst, der das freiwillig unentgeltlich mache. Und fügte hinzu: „Der macht das seit 50 Jahren. Der STV und das Fürstenbergstadion sind mittlerweile der einzige Lebensinhalt des alten Herrn. Das bringe ich nicht übers Herz, ihm diese Aufgabe wegzunehmen.“

Ein weiteres Faktotum neben dem Platzwart hatte der STV zu bieten, den Stadionsprecher, ein Mann Anfang 60, der seiner Aufgabe mit einem Eifer nachging, den man vermutlich in der Champions League vergeblich sucht. Bei besagtem Spiel gegen Rüdinghausen ließ es sich der Stadionsprecher nicht nehmen, ein Fenster seiner Sprecherkabine, die sich direkt über dem Spielertunnel befand, zu öffnen, und den Schiedsrichter lautstark – auch ohne Mikro – als „Arschloch“ zu beschimpfen. Dieses Vergehen, das eine – wie wir dann erfuhren von zahlreichen – Geldstrafe für den Verein nach sich zog, quittierte der Präsident nur mit einem Achselzucken. Das sei halt nicht zu ändern, dem Stadionsprecher das Stadionsprechen zu untersagen sei völlig unmöglich, der Mann gehöre einfach dazu.

Müßig zu sagen, dass wir nicht die geplante Rückreisemöglichkeit, sondern die späteste mögliche wählten. Als wir in der Straßenbahn Richtung Bahnhof Altenessen saßen, leicht angeschickert, sahen wir uns an, und es war klar: Wir waren verliebt. Verliebt in einen Verein, der so handfest, so authentisch, so mitten im Leben war, wie man es sich nur wünschen konnte. Und dann dieser klangvolle Name: STV Horst-Emscher-Husaren, und dieses Stadion...

Wir besuchten das Fürstenbergstadion fortan regelmäßig, waren beim STV dann „die Gladbacher“. Der ersten Niederlage folgten weitere – in den letzten vier Jahren haben wir de facto dort nur einen Sieg gesehen – und der Niedergang des STV war unaufhaltsam, ein Abstieg folgte dem anderen. Es keimte kurz noch Hoffnung auf, als Stefan Thiele, ehemaliger Profi in Essen, das Traineramt übernahm, aber auch er konnte den Absturz nicht stoppen. Die sportliche Misere war begleitet von einer finanziellen, der STV war gnadenlos pleite. Die Spieler liefen dem Verein schließlich in dieser Saison davon, der STV musste den Spielbetrieb im Herrenfußball aufgeben. Auch die Insolvenz ließ sich nicht abwenden.

Eine Katastrophe, der Verein musste sich auflösen, doch noch bestand die Hoffnung, mit leicht verändertem Namen den Spielbetrieb wieder aufnehmen zu können. Auch diese Hoffnung muss nun begraben werden, es wird keinen Nachfolgerverein für den glorreichen STV geben.

Natürlich hat uns der STV keine sportlichen Erfolge beschert, keine lang anhaltenden Glücksgefühle, keinen Ruhm und keine Ehre, aber er hat uns doch sehr angerührt und wir haben wohl beide Pipi in den Augen, wenn wir daran denken müssen, dass wir nie mehr den STV im Fürstenbergstadion sehen werden. Der STV hat uns stattdessen unvergessliche Begegnungen mit Menschen beschert, die eben diesen Verein von ganzem Herzen geliebt haben und dafür gesorgt haben, dass es ein einzigartiger Verein war. Und sie alle – die alte Dame, die jedes Spiel im Sonntagsornat besuchte, der ehemalige Spieler Kurt Sahm, der zwar in den 50ern nach Dortmund wechselte, aber am STV hing, der Mann, der uns erzählte, wie er versucht hat zu Oberligazeiten im ausverkauften Stadion einen Platz zu ergattern, der bierzapfende Vereinspräsident, der Rentner, der Bierflaschen mit ins Stadion schummelte, der Platzwart und der Stadionsprecher – sie sind uns ans Herz gewachsen, durch unvergessliche Begegnungen, und unser Leid ist ein Nichts gegen ihr Leid.

Es gibt nichts Schlimmeres für einen Fan, als seinen Verein zu verlieren. Wenn wir uns schon so Scheiße fühlen, wie muss es dann für sie alle, deren Herz nur am STV hing, sein? Eine Katastrophe...

Daniele Schumann

Gefunden auf fanprojekt.de

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