Stellen Sie sich einmal vor, beim trudelnden Club RWE würden plötzlich Begriffe wie „Turnaround“, „Cashflow“, „Investitionen“ oder „Wertschöpfung“ permanenter Wortschatz sein.

RS Kommentar: Fach, Goldbaek, Unternehmertum statt Dümpelei

Stellen Sie sich vor ...

Von Oliver Gerulat
06. März 2008, 08:37 Uhr

Stellen Sie sich einmal vor, beim trudelnden Club RWE würden plötzlich Begriffe wie „Turnaround“, „Cashflow“, „Investitionen“ oder „Wertschöpfung“ permanenter Wortschatz sein.

Dann wäre in Bergeborbeck der Schulterschluss von Sport und Wirtschaft vollzogen. Man würde über „Business“ sprechen. Stellen Sie sich vor, das Stadion wäre nicht länger ein tragisches Thema, sondern ein tragendes.

Stellen sie sich den Blick über den Tellerrand vor: 2010 ist Essen Kulturhauptstadt, ein Zug, für den RWE aktuell kein Ticket zu haben scheint. Dazu kommen noch aktuellere 2008-Aspekte wie die Olympischen Spiele in Peking, die Euro vorab in Österreich und der Schweiz. Dem deutschen Sportbusiness wird ein Erlös von 25 Milliarden Euro prognostiziert. Und was passiert in Essen. Man darbt vor sich hin. Unvorstellbar?

RWE ist letztendlich ein Verein, der von einem noch nicht einmal Halbtagspräsidenten Rolf Hempelmann geführt wird, der als Bundestagsabgeordneter zwischen dem Revier und Berlin pendelt. Dessen Verdienste in der Vergangenheit aber nicht unter den Tisch fallen dürfen. Alles hat aber nichts mit unternehmerischer Führung zu tun, vor allen Dingen dann nicht, wenn der Vorstands-Rest aktuell damit beschäftigt ist, mehr untereinander zu diskutieren. Auch wenn ein Geschäftsführer wie Nico Schäfer doch so gerne den Begriff „Marke“ in den Mund nahm. In den letzten Monaten kam ihm das nicht mehr über die Lippen. Auch ein Satz wie „ist wer, bleibt wer“ wird noch nicht mehr gestammelt.

Stellen Sie sich vor, dass man ehrlich bleibt: Was hat RWE zu bieten? Ein drittklassiges Produkt, das bei möglicher anstehender Viertklassigkeit sein Verfallsdatum erreicht haben wird. Einen ausgelutschten Traditionsbegriff, einen nicht mehr nachzuvollziehenden, permanent verzweifelten Hinweis auf eine besondere Atmosphäre an der Hafenstraße. Die wo ist?

Während die Branche sich dadurch auszeichnet, immer mehr Attraktivität für echte Managementprofis zu zeigen, dümpelt RWE vor sich hin, führt Sondierungsgespräche mit gelebter Indiskretion, verwaltet mächtige rote Zahlen. Und demontiert „Führungskräfte“ – wieder ein Begriff aus dem Unternehmer-Jargon – wie Trainer Heiko Bonan. Bei anderen Clubs gehen die Top-Personalentscheidungen über die Chef-Tische des Sponsorpartners, der wissen will, wohin sein Geld geht. In Essen zieht sich Evonik vom Trikot zurück. Das müssen Sie sich nicht vorstellen, das ist Realität.

Aber weiter: Stellen Sie sich vor, ein Nachfolger für Bonan würde schon parat stehen. Zum Beispiel ein Holger Fach. Das würde große Schreierei im Umfeld geben. Aber warum? Weil Fach sich damals von RWE nach nur drei – gewonnenen – Spielen trennte? Weil er einen Passus im Vertrag nutzte, der ihm das ermöglichte? Damals verfluchten die Club-Verantwortlichen, die sich das nicht vorstellen konnten, den Fußball-Lehrer, weil man sich schnell mit der Kulisse verbrüderte, um seine eigene Haut zu retten. Fach bewies damals, dass er schon immer etliche, in der Branche nachhaltig gelernte, Schritte weiter dachte. Er nahm einen Job an, veränderte sich dann zu einem besseren.

So ist das am Arbeitsmarkt. Schwer klar zu machen in einer Gegend, wo man das weiter oben beschriebene wirtschaftlich-ewig-gestrige“ Gedankengut pflegt.
Stellen Sie sich vor, dass die Verantwortlichen des Clubs jetzt wieder mit Fach zusammen sitzen, nur auf sein Nicken warten. Stellen Sie sich vor, auch auf die Bestätigung von Ex-Kicker Bjarne Goldbaek würde gewartet, der vielleicht im Rahmen einer Beratung für den Club tätig würde, weil der Titel Sportlicher Leiter auch irgendwie antik wirkt. Genau wie sein aktueller Träger Olaf Janßen, der ein Gespräch mit Hempelmann hatte, kaum noch eine Zukunft in Essen hat. Stellen Sie sich das alles vor.

Autor: Von Oliver Gerulat

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