Ein Buch sorgt für Aufsehen bei Fußball-Liebhabern im Revier: Ralf Piorr, Historiker, freier Journalist und RS-Mitarbeiter, hat mit

Interview mit Ralf Piorr, Herausgeber "Fußballtage im Westen"

"Für mich sind viele der Fotos wie ein guter Rembrandt"

Interview: Florian Ziegler
24. Januar 2008, 16:15 Uhr

Ein Buch sorgt für Aufsehen bei Fußball-Liebhabern im Revier: Ralf Piorr, Historiker, freier Journalist und RS-Mitarbeiter, hat mit "Fußballtage im Westen. Die Oberliga West 1947 bis 1963 im Bild" ein Werk veröffentlicht, dass Fußballfans derzeit mit der Zunge schnalzen lässt. Im Interview spricht er über Jahrhundertfotos, die gesundheitgefährdende Arbeit mit den zehntausenden Negativen und warum für ihn viele der Fotos wie ein guter Rembrandt sind.

In den Büchereien liegt mit „Fußballtage im Westen. Die Oberliga West 1947 bis 1963 im Bild“ ein von ihnen veröffentlichtes Werk mit zahlreichen bisher unveröffentlichten Fotos aus. Insgesamt haben Sie dafür knapp 100.000 Fotos gesichtet. Haben Sie in den letzten Monaten überhaupt noch geschlafen?[imgbox-right]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/006/024-6108_preview.jpeg Fußballtage im Westen - Die Oberliga West 1947-1963 im Bild. Ralf Piorr (Hg.), 240 Seiten, zahlreiche Fotos, Festeinband, Großformat, ISBN 978-3-89861-928-8 Oder direkt im Shop bestellen[/imgbox]

Ralf Piorr: (lacht). Ich habe tatsächlich über ein Jahr an der Entstehung des Buches gearbeitet. Im Buch selber ist auch nur ein Bruchteil der Bilder abgebildet. Es ist Wahnsinn, was es da für ein Material gibt. STV Horst-Emscher, BVB, Schalke – für Historiker und Sammler ist das ein wahrer Fundus, der sich da auftut. Aber wenn man so viele Aufnahmen durchsieht, glaubt man am Ende nicht mehr zu wissen, was denn nun ein gutes und was ein schlechtes Foto ist. Du kannst ja nicht 30 Mal Helmut Rahn nehmen. Mit Bildern von Adi Preißler kann ich die Wohnung tapezieren. Die Auswahl für das Buch zu treffen, war wirklich schwer.

Mehr als ein halbes Jahrhundert waren die Fotos verschollen. Wie sind Sie an die Sammlung gelangt?

Die Fotos waren jahrelang in diversen Kellern verschwunden und sind dort richtig vergammelt. Dann hat sie das Institut für Stadtgeschichte Gelsenkirchen erworben; dort habe ich sie dann archiviert. Viele Negative musste ich direkt wegschmeißen. Die klebten durch Chemikalien wie eine große Puddingmasse zusammen. Hat man Sie auf den Tisch gelegt, brannten einem automatisch die Lippen. Einige Werke sind auch von Sammlern geklaut worden, etwa die Aufnahmen vom Schalker Endspiel 1958 in Hannover.

Ist der Wert der Sammlung in Zahlen zu beziffern?

Finanziell? Nein. Aber ich will es einmal so sagen: Von Helmut Rahn hatte man bis 1954 zwei Fotos, die immer wieder abgedruckt worden sind. Jetzt sind es zehn Bilder.

Was konnten Sie speziell über Kurt Müller, den Sportfotografen, in Erfahrung bringen? Wie hat man sich beispielsweise seinen Arbeitsalltag in den 50er Jahren vorzustellen?

Kurt Müller war auf den Sportplätzen bekannt. Er ist ja auch für seine Karikaturen berühmt und hat unter anderem für die Zeitungen Kicker, Fußballsport, Rasensport und Herner Sport gearbeitet. Er war auch beim WM-Finale 1954 in Bern. Nur auf dem Tivoli und in Bielefeld hat man ihn nie gesehen – das war einfach zu weit weg; das hat sich nicht gelohnt für ihn. Der Arbeitsplatz der Sportfotografen war damals neben dem Tor. Die Bedingungen waren damals viel schlechter als heute. Im Sommer hat er geknipst ohne Ende, im Winter war es dafür oft zu diesig. Das war einfach Pech. Teilweise hat er auch falsch belichtet. Es gibt da zum Beispiel ein Jahrhundertfoto, wo Helmut Rahn im WM-Finale 1954 gerade das 3:2 erzielt, das auch im Buch zu sehen ist. Bisher gibt es ja nur die berühmte Aufnahme, wo der Ball gerade im Tor einschlägt. Hier sieht man, wie er gerade abzieht. Aber er hat es wie gesagt falsch belichtet. Das Bild wurde nie gedruckt.
Sie haben viele Fotos rekonstruiert, das heißt sie haben die Negative veröffentlicht und nicht die Porträts, die damals in den Zeitungen abgedruckt wurden.

Ja, weil man an den kompletten Fotografien die sozialgeschichtliche Bedeutung der Aufnahmen viel besser sieht. Die Bilder, die früher veröffentlicht wurden, waren meist nur Ausschnitte der Spieler. Man hat die Zuschauer im Hintergrund einfach weggeschnitten. Das Bild an sich hatte einfach keine Bedeutung. Im Buch sieht man wieder, wie die Leute damals in den 50er Jahren zum Fußball gegangen sind, nämlich genauso wie zur Kirche. Man erlebt das Entstehen der ersten „Elvis-Köpfe“, sieht Leute die mit einer Leiter ins Stadion gehen. Es wird ganz langsam moderner. Die ersten Fahnen und handbemalten Werbebanden tauchen auf, dann die ersten Coca Cola-Plakate, schließlich die ersten Flutlichtmasten. Für mich sind viele der Fotos wie ein guter Rembrandt. Sie sind Kunst. Ja, ich möchte fast sagen, es sind religiöse Bilder.

Autor: Interview: Florian Ziegler

Kommentieren